Beim Projekt überwiegt die Kritik

„JeKi“: Zur kontroversen Diskussion über die Stellungnahme der ver.di Fachgruppe Musik


(nmz) -
Die Stellungnahme der Fachgruppe Musik in ver.di zum Projekt „JeKi“ hat eine Diskussion ausgelöst, wie sie kontroverser kaum sein kann, am intensivsten erwartungsgemäß in NRW. Die eingegangenen Beiträge bewegen sich – zugespitzt zusammenfasst – zwischen „Endlich hat‘s mal jemand offen ausgesprochen“ und „Pfui, wie gemein!“.
Ein Artikel von Stefan Gretsch

Die Bedenken der Fachgruppe sind nachzulesen unter: https://musik.verdi.de/musikschulen…

Einige Leserinnen und Leser werfen der Fachgruppe „Hetze“ vor, viele Diskussionsbeiträge bestätigen hingegen unsere Einwände, die sich ja nicht gegen „JeKi“ an sich, sondern gegen die Umsetzung unter den gegenwärtigen Bedingungen richten. „Es gibt auch Lehrerinnen, die Jeki uneingeschränkt gut finden.“ Das ist richtig, aber nicht überall sind die Zustände und Bedingungen scheinbar so gut wie in Bochum. Die große und überwiegende Zahl der Erfahrungsberichte kam von verzweifelten und frustrierten Lehrerinnen, die die Bedenken der Fachgruppe Musik teilen und froh sind über unsere Stellungnahme. Da „JeKi“ auch für andere Regionen mindestens angedacht ist, lohnt sich ein Blick auf die bisherige Entwicklung, eine gründliche Analyse steht allerdings noch aus.

Die Diskussion sollte dabei nicht losgelöst von der flächendeckenden Einführung der Ganztagsschule (GTS) und deren Folgen für die Musikschule gesehen werden. Bereits zur Einführung der GTS hat die Fachgruppe vor den erheblichen Konsequenzen für die musikalische Ausbildung der Kinder und Jugendlichen gewarnt: Raummangel, weniger Zeit und Kraft zum Üben, eingeschränkte Zeitfenster für Unterrichtsangebote insbesondere im Kleingruppen- und Einzelunterricht.

Zusammen mit der Hausmeisterproblematik (sie dürfen nach EU-Gesetz oft nicht mehr nach 17 Uhr die Schulen offen halten) ist in vielen Regionen die von uns prognostizierte problematische Unterrichtssituation eingetreten, Lösungen sind in der Regel bestenfalls rudimentär.
An dieser Stelle seien einige Argumente wiedergegeben und kommentiert:

Jeki ist gut, weil viele Eltern ihr Kind ohnehin nicht mehr in der Musikschule anmelden können wegen der Ganztagsschule, so dass an den Musikschulen sowieso die Schülerzahlen zurückgehen werden. Die Fachgruppe ist der Auffassung, dass die GTS-Idee nicht zu Ende gedacht wurde. Projekte wie „JeKi“ können nicht der einzig gangbare Ausweg aus der GTS-Problematik sein. Vielmehr fordert die Fachgruppe seit Jahren, dass Kinder die Möglichkeit einer Unterrichtsbefreiung erhalten müssen, um den Musikschulunterricht weiterhin wahrnehmen zu können – beziehungsweise es könnten bisherige Unterrichtsformen in die GTS integriert werden, wie es in anderen Ländern lange üblich ist (etwa in England).

„JeKi findet zusätzlich zum Musikunterricht statt“, wird in etlichen Beiträgen hervorgehoben.

„JeKi“ wolle keinen Ersatz für die Musikschularbeit bieten, sondern dort helfen, wo Musikschulen bestimmte soziale Gruppen nicht erreicht. – Diesen Ansatz begrüßen wir unverändert.

Aber sei die Gegenfrage gestattet: Wie ist es tatsächlich um die Chancengerechtigkeit bestellt? Bekommen in Bochum alle Kinder, die das wollen, einen Musikschulplatz? Auch die Kinder, deren Eltern einen Musikschulplatz nicht bezahlen können? Gedenken die Städte und Regionen, die ebenfalls mit dem Projekt liebäugeln, hier Vorkehrungen zu treffen?

Wir meinen: Chancengerechtigkeit ist ein Schlagwort des „JeKi“-Projekts, also sollte sie doch auch erfüllt werden. Davon abgesehen reicht auch hier der Blick auf die Region Bochum nicht aus. In anderen Regionen, auch in NRW, bekommen Kinder nur einen Platz in „JeKi“, nicht aber an der Musikschule zusätzlich. Es gibt bundesweit lange Wartelisten, so dass nicht einmal die Kinder, die von sich aus motiviert sind, ein Instrument zu lernen, diese Möglichkeit wahrnehmen können.

„Auch in der Musikschule gibt es Kinder, die nicht üben“, diese Erkenntnis ist richtig. Nur haben die Lehrer/-innen hier die Möglichkeit, auf dauerhaft nicht übende Kinder individuell zu reagieren, so dass andere Kinder in ihrer musikalischen Entwicklung nicht behindert werden. Das geht bei einem verpflichtenden Unterricht jedoch nicht, so dass motivierten Kindern Entwicklungsmöglichkeiten vorenthalten werden. Davon abgesehen ist der Anteil an Lernzeit pro Kind in einer größeren Gruppe zwangsläufig geringer als in einer kleineren. Somit besteht die Gefahr, dass fehlerhafte Verhaltensweisen nicht ausreichend korrigiert werden können, sofern „JeKi“ die einzige Unterrichtsform ist, in der Kinder am Instrument unterrichtet werden.

„Frau Bossen hat schlecht recherchiert. Es gibt  sehr wohl Unterrichtsmaterial und ausformulierte pädagogische Ziele“: Grundlage unserer Stellungnahme sind die Ergebnisse einer Podiumsdiskussion mit dem Gründer von JeKi (Manfred Grunenberg), dem LVdM-Vorsitzenden von NRW (Volker Gerland), dem Kulturdezernenten der Stadt Essen (Michael Townsend) und mir, dem Autor, auf dem VdM-Kongress im Mai 2009; außerdem ein Artikel in „Üben und Musizieren“ („Jedem Kind ein Instrument – doch wozu?“ von Andreas Lobisch und Yvonne Frye in der Ausgabe 1/09), Erfahrungsberichte von Lehrerinnen beziehungsweise Stellungnahmen anderer Landesfachgruppen (z.B. Hessen) zu JeKi, die Internetseite der Stiftung „JeKi“ und der Evaluationsbericht der ersten zwei Jahre von Beckers & Schulten. Dass es Unterrichtsmaterial und pädagogische Ziele gibt, scheint sich noch nicht rumgesprochen zu haben, denn viele Lehrerinnen berichten, dass sie ihr Material selbst entwickeln bzw. beschaffen müssen, und Hinweise auf musikpädagogische Ziele und Material finden sich auch nicht auf der „JeKi“-Homepage. Es mag  sein, dass es pädagogische  Ziele gibt (Transfereffekte), aber keine musikpädagogischen. Und das, obwohl es ein musikpädagogisches Projekt sein soll und kein soziales.

„Das Projekt ist schon lange kein Projekt mehr, sondern ein Programm“: Ein Programm kann es nur sein, wenn die Programmdurchführung auch auf längere Sicht gesichert ist. Ein Unterrichts-Programm muss bestimmte Programm-Standards erfüllen, die bisher nicht sichtbar sind. Dazu gehören zum Beispiel die Angabe darüber, warum mit welchen Maßnahmen welche Ziele innerhalb welchen Zeitraums erreicht werden sollen und eine Überprüfung dieser Ziele. Ein wenig pädagogisch-wissenschaftliche Vorarbeit sollte da schon einmal erfolgt sein.

„Die Kultur ist von Sponsoring abhängig, solange es den Städten schlecht geht“: Die Fachgruppe Musik ist der Auffassung, dass über Bildung – also auch musikalische Bildung – nicht nach Kassenlage entschieden werden sollte, sondern dass eine Grundversorgung der Bevölkerung mit musikalischer Bildung eine ausschließlich staatliche, auf Chancengleichheit gerichtete Aufgabe sein muss. Nachdem im Zuge der Finanzkrise in Amerika 200 Stiftungen nicht mehr arbeiten können, zeigt sich deutlich, welches Risiko besteht, wenn Kultur und Bildung von Sponsoring abhängen. Während Banken- und Großkonzernrettung als „systemrelevant“ betrachtet werden, ist die Bildung von Kindern anscheinend nicht „systemrelevant“. Diese Stufung steht in einen Land mit hohem Bildungsanspruch nicht nur im Widerspruch zu den eigenen Zielen, sondern ist mit Blick auf die nächste Generation und im Vergleich mit anderen Ländern zutiefst beschämend. Auf heftigen Widerspruch stieß auch unsere Forderung, dass „JeKi“ nur von Festangestellten erteilt werden soll. Das ist ein eindeutiges Missverständnis der Formulierung, denn wir wollen ausdrücken, dass Lehrerinnen, die „JeKi“ unterrichten, dafür fest angestellt werden sollen. Wir wollen damit hingegen nicht die Fähigkeiten von nicht fest angestellten Lehrer/-innen in Frage stellen. Die arbeitsrechtliche Dimension, von Honorarkräften im Rahmen von „JeKi“ und GTS, lässt sich noch nicht abschließend feststellen. Bereits jetzt gerät aber wieder (neben haftungsrechtlichen Belangen wie zum Beispiel in Berlin) die Frage der Scheinselbständigkeit ins Blickfeld. Diesmal womöglich mit sehr ernsthaften Konsequenzen für die Honorarkräfte aber auch für Arbeitgeber. Deshalb ist, wer fest angestellt, eindeutig auf der sicheren Seite.

Vorläufiges Fazit: Bei allem Respekt vor der Arbeit und der Einstellung von zufriedenen „JeKi“-Lehrer/-innen, zeigt ein Teil der geäußerten Kritik ein bedenkliches Bild von Musikschullehrern, die sich offenbar bereits mit den scheinbaren „Zwängen“ einer im Wandel befindlichen Musikschullandschaft abgefunden haben. Die Fachgruppe Musik meint hingegen, dass es mit politischem Willen und politischem Engagement der Betroffenen selbst durchaus zu anderen, vielleicht für alle befriedigenderen Lösungen von GTS-Problemen kommen könnte.

Die Fachgruppe Musik teilt nicht die resignative Einstellung, nach der „JeKi“ und andere Großgruppenprojekte aus finanziellen und schulorganisatorischen Zwängen heraus die einzige Möglichkeit zur weiteren Gestaltung der Musikschullandschaft unter den Rahmenbedingungen der GTS sind; auch andere Lösungen sind denkbar und wären machbar. Eine Grundmusikalisierung von Kindern wäre an sich eine gute Sache, auch wenn sie in der Schule durchgeführt würde – nur muss man dann genau die Ziele planen, die Dauer und eine umfassende Konzeption entwerfen. Das könnte dann wirklich ein Programm statt eines Projekts werden, müsste aber selbstverständlich auf Nachhaltigkeit angelegt sein und nicht in Konkurrenz zu bisherigen Musikschulangeboten stehen.

Wie wäre es denn – gewissermaßen als bezahlbare Sofortmaßnahme – mit etwas, das dereinst die selbstverständlichste Sache in der Schule war: tägliches Singen in den Schulklassen? Das allein könnte schon eine Menge bewirken und einen natürlichen Zugang zur Musik schaffen. Es sei denn, wir müssten erst die Ergebnisse einer Kommission zur Auswahl des Liedgutes abwarten …

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