Bunte Fische im grauen Meer

Mit der Klavierklasse ins Konzert: das „Basisarbeit“-Projekt einer Instrumentallehrerin


(nmz) -
Wenn Lang Lang in China spielt, sind 90 Prozent der Zuhörer jünger als zwanzig Jahre. Die klassische Musik genießt bei der Jugend dort den Status eines europäischen Pop-Events. Hierzulande klagen die Konzerthäuser über rückläufige Besucherzahlen. Ebenso die Opernhäuser. Besonders das Problem der fehlenden Jugend lässt sich aber beheben. Man nehme sich etwas Zeit, lege sich eine missionarische Eigenschaft zu, suche zahlungskräftige Familien und mit ein wenig Geduld schafft man es dann, einen Termin für ein gemeinsames Konzert zu finden. Ein Bericht von einem „Basisarbeit“- Projekt aus Braunschweig – vielleicht zum Nachmachen.
Ein Artikel von Claudia Bigos

Es gibt viele Aspekte des Berufs eines Instrumentallehrers, die ihn zwar ausmachen, die aber nur die Wenigsten erahnen. Hier ein Beispiel: Einmal im Jahr gehe ich gemeinsam mit meiner Klavierklasse ins Konzert. Die Idee entstand, wie immer, durch einen Zufall. Ich besprach gerade mit einem Schüler das Programm für das nächste Klassenvorspiel. Es gibt Schüler, die viel üben und gern vorspielen. Es gibt aber auch viele, die wenig üben und ungern vorspielen und trotzdem jahrelang dem Klavier treu bleiben. Aussagen wie „Ich will nicht vorspielen, ich habe zu viel Lampenfieber“, haben alle Lehrer tausendfach gehört. Um der Bühnenangst den Wind aus den Segeln zu nehmen, argumentierte ich, dass selbst die großen Pianisten mit internationalen Erfolgen vor dem Auftritt genauso mit dem Dämon Angst kämpfen müssen. Über Lampenfieber spricht niemand gern, man redet stets nur darüber, wie es um einen Künstler und seine Karriere steht. Der Schüler glaubte kaum, dass nicht jeder angstfrei die Bühne betritt. Dann stellte sich heraus, dass er noch nie ein klassisches Konzert besucht hatte. „Oper ja, als kleines Kind, es war ein Wintermärchen, wie ein Film, nur real und nicht langweilig“, erzählt er. Und aus diesem Gespräch entsprang die Idee, gemeinsam ins Konzert zu gehen.

Günstige Lage

Zum Glück liegt Braunschweig geographisch so günstig, dass auch die großen Künstler hier ihre Tourneestation machen. Ich sprach andere Schüler an, ob sie mit ins Konzert gehen würden, freiwillig, ohne Zwang. Für die Mehrheit von ihnen (es handelt sich dabei ausschließlich um Gymnasiasten) würde das eine Premiere sein. Die guten Konzerte sind schnell ausverkauft und oft recht teuer. Hinzu kommt, dass sie mitten in der Woche, um 20 Uhr stattfinden. Wie viele Argumente es braucht, um Eltern zu überzeugen, dass 55 Euro pro Karte für ein am Dienstag um 20 Uhr stattfindendes Konzert mitten in einer mit Terminen vollgestopften Schulwoche akzeptiert werden müssen, damit das Projekt gelingt, hätte ich nie geglaubt. Das Ende des Konzerts um 22.40 Uhr habe ich einfach verschwiegen. Es gibt zu viele Alltagsverpflichtungen, zu viel Schule, zu viele Hausaufgaben und Nachhilfetermine und lustigere Optionen für die knapp bemessene Freizeitgestaltung eines Kindes. Ein klassisches Konzert muss sich erst seine Berechtigung erkämpfen. Es war meine Aufgabe, den Sinn dieser Aktion zu vermitteln.
Das erste Konzert war im Mai 2008 mit Alfred Brendel bei seiner Abschieds-tournee. Er beeindruckte meine Schüler leider nicht. Sie  sahen einen alten Mann, der perfekt Klavier spielte, der aber recht schüchtern und unnahbar wirkte. Keine Figur, die die Jugend beeindrucken konnte und deren Können sie zu schätzen wüsste. Ein Schüler sagte: „Nur alte Menschen“. Er meinte damit die bereits ergraute Fangemeinde von Brendel. Es folgten Erklärungsversuche von meiner Seite wie: „Man ist nie zu alt für die Musik, ihre Sprache veraltet nicht, jeder Mensch kann sie auf seine Weise verstehen“. Allerdings gilt auch hier: Aller Anfang ist schwer.
Der nächste Versuch war ein Klavier-abend mit Martha Argerich und Lilya Zilberstein. Auf dem Programm stand Musik für zwei Klaviere. Das passte hervorragend zum Schwerpunkt meines Schülerkonzerts, bei dem jeder Schüler sich zum ersten Mal mit dem vierhändigen Spiel auseinandersetzen sollte. Es wurden Stücke von Mozart, Schumann, Schostakowitsch, Brahms und Rachmaninoff vorgetragen. In der Pause waren alle Schüler aufgeregt und sichtlich begeistert. Dann wurde ich von einem Schüler aus der 8. Klasse gefragt, wie man diesen Riesenflügel auf die Bühne geschafft hat. Ich war sprachlos. Den Schülern war es nicht klar, dass dies zwei ineinandergeschobene Flügel waren und kein einziges Instrument. Eine andere sagte: „Die Argerich hat so ein schönes Glitzerkleid…“. Hier spätestens verstand ich meine missionarische Aufgabe auf dem Gebiet der klassischen Musik. Den Kindern war es nicht klar, wer wer war. Die Besonderheit von Martha Argerich als Künstlerin sagte ihnen nichts. Danach hörte ich nur „die Alte ist die Argerich, ohne Glitzer“. Das ist eben so, wenn man die Jugendlichen ins Konzert schleppt. Das Selbstverständlichste muss gesagt werden. Der zweite Teil war für viele trotz Rachmaninoffs pompösen Klängen zu lang. Einige schliefen sogar ein.

Moderne Variante

2010 probierte ich noch die moderne Variante der Konzerts aus: Jamie Cullum, ein hervorragender englischer Jazzpianist und Sänger, jung, mit wuscheligen Haaren und Turnschuhen. Meine Schüler informierten sich im Netz über ihn. Es gab Clips – auf YouTube fanden sie so einiges. Sie waren begeistert. Das Konzert war super und als Jamie zwei Mal auf den Flügel kletterte und spektakulär auf dem Gusseisenrahmen des Instruments stand und sang und zuletzt unerwartet auf den Boden heruntersprang, fanden das natürlich meine Schüler einfach „super cool“. Die Generation 40 plus hatte diesmal die grauen Köpfe aus dem Konzertsaal fast vollständig verdrängt und mischte sich zwanglos mir der iPodGeneration. Alle waren begeistert. Das Konzert bei Martin Stadtfeld 2012 zeigte die Früchte dieser Aktion. Die Schüler waren vorinformiert, sie fanden auf Anhieb heraus, wo man ein Programm kaufen kann, sie folgten aufmerksam den mit makelloser Perfektion vorgetragenen Bachschen Klavierkonzerten. Stadtfelds Erscheinung hat sie beeindruckt. Seine Eleganz, die Perfektion im Spiel. Voller Erfolg auf beiden Seiten!
Neulich brachte mir eine Schülerin der Generation 70 plus eine CD Aufnahme von Jacques Loussier mit Improvisationen zu Bach. Die Aufnahme stammte aus dem Jahr 1959. Da war ich noch lange nicht auf der Welt. Sie war begeistert, ich reagierte wie meine Schüler, etwas reserviert. Sie wollte mir etwas Besonderes vermitteln, was sie nachhaltig beeindruckt und geprägt hat. Mit diesem CD-Geschenk wurde mir die Bedeutung von generationenübergreifendem Lernen und Vermitteln bewusst. Die Schnelllebigkeit unserer Zeit beschleunigt auch die Vergänglichkeit der Dinge. Die Zeitfenster der Wahrnehmung sind immer kleiner und schließen sich immer schneller. Wie viele Sterne und Sternchen verglühen täglich auf dem Pop- und Klassik-
himmel? Manche wahrhaftig zu unrecht, das Zeitfenster war für sie im Musikuniversum zu kurz geöffnet.
Versuchen Sie es, einen Konzertbesuch mit ihren Schülern zu organisieren! Sie lernen ihre Schützlinge neu kennen, machen dabei viele wunderbare Erfahrungen und tragen nebenbei dazu bei, eine neue Zuhörerschaft zu bilden, damit in diesem grauen Meer immer mehr bunte Fische Schwimmen lernen und bald andere Gewässer selbstständig zu erobern wagen. Es liegt an uns, ob wir den jungen Menschen den Gang ins klassische Konzert für so selbstverständlich erklären, wie für sie ihre Mitgliedschaft in einem Hockey- oder Fußballclub ist. Alles will gelernt werden und man muss in dieser modernen Welt, wo ein Überangebot an allem herrscht, das aussuchen, was man gerne an die junge Generation weitergeben möchte. Die Musik. Jeder kann es tun. Ich mache es weiter. Es tut gut.

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