Call for Papers: Musikkulturen und Lebenswelt

Jahrestagung der Gesellschaft für Musikpädagogik vom 18. bis 19. März 2016


(nmz) -
„In der Tat, nur für den ahistorischen und ageographischen Beobachter, der sich selbst vergisst, erscheint die eigene Welt als eine Welt unter anderen. Tatsächlich ist sie ausgezeichnet und unhintergehbar als der Ort, an dem Fremdes sich als solches zeigt und vom Eigenen abhebt“ (Waldenfels)
Ein Artikel von N.N.

Die pädagogisch motivierte Frage nach einer Begegnung mit anderen/ fremden Musikkulturen ist antagonistisch verknüpft mit einer Vergegenwärtigung des Eigenen. Der eigene musikalische  Horizont wird zum Prüfstein für Fremd- oder Vertrautheit, insofern liegt es musikpädagogisch nahe, Kinder und Jugendliche mit einem weiten Musikbegriff bekannt zu machen und sie zum Umgang mit Musik unterschiedlichster Stile anzuregen. Dies kann allerdings nicht bedeuten, Unterschiede und die Erfahrung von Fremdheit einzuebnen. Was wäre vom Blickpunkt ästhetischer Bildungsbemühungen gesehen schlimmer als Schüler, die sich nicht mehr aus ihrer Hörroutine aufschrecken lassen und bei musikalischen Angeboten müde abwinken mit dem Hinweis, „habe ich schon mal gehört, kenne ich schon“. Für Bildungsprozesse ist die verunsichernde Herausforderung durch das Fremde unabdingbar. Die Beschäftigung mit Musikkulturen hebt darüber hinaus ins Bewusstsein, dass in der Begegnung mit Musik nicht nur Musik, sondern auch konkrete Lebensformen und Menschen begegnen. Diese wiederum besitzen mitunter gänzlich andere Vorstellungen davon, was Musik ist beziehungsweise wie sie sein sollte. Die Ziele interkulturellen Lernens werden in diesen sozialen Zusammenhang gestellt: Es geht um eine Öffnung für das Fremde und damit verbunden um die Fähigkeit, den Anderen/ Fremden anzuerkennen, „sich selbst in Beziehung zu ihm zu sehen und vom Anderen her zu denken“.  (Holzbrecher)

Die Unterscheidung zwischen dem Eigenen und dem Fremden ist nicht objektiv greifbar, sondern hat ihren Ort in einem jeweils spezifisches Hier und Jetzt konkreter Individuen. Diese Konkretheit und Subjektivität ist Bestandteil des Lebenswelt-Begriffes, der daher sinnvollerweise auch nur im Singular verwendet werden kann: „Insofern ruft die Rede von Lebenswelt im Plural Missverständnisse hervor. Wir haben es nicht zu tun mit einem Neben- und Nacheinander getrennter Lebenswelten, sondern mit einem einzigartigen Ineinander eigener und fremder Lebensformen.“ (Waldenfels)  Die Begegnung mit (anderen) Musikkulturen beziehungsweise die Thematisierung von Musik als Kultur im pädagogischen Kontext kann dabei helfen, den eigenen Erfahrungshintergrund als „Ineinander eigener und fremder Lebensformen“ zu vergegenwärtigen und dabei die Fähigkeit zur Selbstdistanz zu entwickeln.

Die Tagung findet in Kooperation mit dem Institut für europäische Musikethnologie der Universität Köln statt und soll Gelegenheit geben, musikpädagogische Ansätze und Projekte vorzustellen, in denen die Begegnung mit fremden/ anderen Musikkulturen zum Gegenstand gemacht wird. Dies kann einerseits unter dem Vorzeichen geschehen, Beispiele für gelungene Praxis – aus schulmusikalischen, instrumental- und gesangspädagogischen, sozialpädagogischen sowie aus konzertpädagogischen Kontexten – zu liefern. Ob dabei Begegnungen mit  Musikkulturen anderer Länder oder aber mit musikkulturellen Phänomenen aus dem geografischen Nahbereich in den Fokus genommen werden, ist nicht festgelegt. Andererseits sind Forschungsperspektiven von Interesse, die sich auf Aspekte individueller Bildungsprozesse  im  Zusammenhang interkultureller Begegnungen richten. Hier könnte auch die Frage nach der ästhetischen Selbstbestimmtheit jugendlicher Akteure thematisiert werden.

Über diese im engeren Sinne musikpädagogischen Perspektiven hinaus interessieren musikethnologische Forschungen, die sich Phänomenen kultureller Überschneidungen zuwenden und Einblicke in Prozesse musikkultureller Amalgamierungen bieten.

Formlose Exposés im Umfang von 1 bis 2 Seiten bitte bis zum 1. September 2015 an Prof. Dr. Constanze Rora constanze.rora@hmt-leipzig.de oder Dr. Jan-Peter Koch  jan@hajastra.de

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