Das Entrepreneur-Projekt Bratsche

Nils Mönkemeyer im Gespräch über Streaming, Ökonomie und das Vertrauensgut Musik


(nmz) -
Im Zentrum der Mitgliederversammlung des Deutschen Musikrats Ende Oktober stand unter anderem die Frage: „Inwiefern kann die zunehmende Ökonomisierung unserer Gesellschaft mit künstlerischer Kreativität vereinbart werden?“ Die nmz-Redaktion ließ sich vom Thema zu einer Umfrage unter Kreativen inspirieren. Etwas verschärft fragten wir damals „Kastriert Kapitalismus Kreativität?“. Der Bratschist Nils Mönkemeyer meldet sich jetzt etwas später, aber dafür ausführlicher zum Thema zu Wort.
Ein Artikel von Andreas Kolb, Nils Mönkemeyer

neue musikzeitung: Herr Mönkemeyer, Sie haben den ECHO für das Album „Mozart with friends“ in der Kategorie „Kammereinspielung des Jahres“ erhalten, das sie zusammen mit Sabine Meyer, Julia Fischer und William Youn aufgenommen haben. Zu hören ist auf der CD Kammermusik in unterschiedlichen Besetzungen – inspiriert von der Tatsache, dass viele dieser Kompositionen für Mozarts Freunde oder den „Eigengebrauch“ zusammen mit befreundeten Musikern entstanden. Die Viola ist kein Mainstream-Instrument – welche Anforderungen stellt ihr Label Sony an Sie?

Nils Mönkemeyer: Bei der Plattenfirma Sony habe ich ein sehr gutes Standing und kann daher meine Programme selber aussuchen.

nmz: Sieht man die Bilder von der ECHO-Preisverleihung, dann drängt sich die Frage auf: Wird die Kreativität des Künstlers heute noch für die Kunst gebraucht? Oder wird sie nicht viel mehr für diesen selbst verbraucht?

Mönkemeyer: Kreativität wird immer gebraucht! CDs sind für mich als Künstler interessant als Zeugnis eines Momentes im Laufe der Karriere. Eine CD-Produktion stellt eine Sonderrolle dar – der kreative Prozess fängt im Studio an. In dem Moment, in dem das „Produkt“ in die Welt rausgegeben wird, ist der kreative Prozess abgeschlossen. Das unterscheidet sich stark von einem Konzert. Einen Preis wie den ECHO empfinde ich als eine Auszeichnung, über die ich mich sehr freue, für eine Sache, die bereits geschehen ist.

nmz: Was ist im Konzertsaal anders?

Mönkemeyer: Ich stelle mir immer die Frage: Für wen mache ich das, was ich tue? Für wen konzipiere ich bestimmte Programme. Im besten Fall weiß ich vorher, um welche Art von Publikum es sich handelt. Wie groß ist der Raum? Was ist die Vorbildung des Publikums? Alles das spielt eine Rolle dabei, wie der Abend tatsächlich läuft. Und auch wie er verkauft wird! Ich muss der Tatsache Rechnung tragen, dass ich nicht allein im Konzertsaal sein will, sondern da sollen auch Leute kommen. Die Bratsche ist als Instrument nicht so sehr im kommerziellen Blickpunkt wie die Geige oder Gesang.

nmz: Ich muss widersprechen: Sie sind der erfolgreiche Gegenbeweis.

Mönkemeyer: Wenn ich wüsste, warum das so ist. Ich habe das Glück, dass sich meine CDs sehr gut verkaufen. Ich habe sehr viel Presse und Fernsehauftritte bekommen und befinde mich in der luxuriösen Situation, dass ich im Konzert oft Dinge ausprobieren kann, weil ein Publikum kommt, das ein Stück weit mitgeht. Das war nicht immer so. Unter kommerziellen Gesichtspunkten scheint es noch immer so zu ein, dass mehr Leute kommen für Tschaikowskys 6. Sinfonie oder Bruchs Violinkonzert, als für Rihms jüngstes Werk. Ich denke bei Musik nicht in Kategorien wie „neu“, „alt“ oder „Bearbeitung“. Es ist zwar eine Utopie, aber ich fände es schön, wenn wir nicht länger über Neue Musik sprächen, sondern diese als natürlichen Teil unseres Repertoires begriffen. Im Gegensatz zu früher steht man heute vor der Gleichzeitigkeit aller Musik aus Jahrhunderten. Man hat einen reichen Quell, der nicht versiegen kann.

nmz: Was hat sich im Musikbetrieb aus Ihrer Sicht geändert?

Mönkemeyer: Ich habe viele Kollegen, die den goldenen 70er-, 80er- & 90er-Jahren nachweinen. Damals bekam Sabine Meyer für ein Klarinettenkonzert noch Werbung vor der Tagesschau. Wir leben in einer sehr spannenden Zeit. Die Digitalisierung ist in vollem Gang. Wir können noch nicht absehen, wo das hinführt. Die gesamte Plattenindustrie ist schwer beschäftigt mit diesem Thema. Man kann das als Bedrohung ansehen oder als Chance: Es geht darum, was man frei zur Verfügung haben sollte und was nicht. Und es geht darum, dass wir neue Kanäle haben, mit denen wir Menschen global und sehr gezielt erreichen können. Ich hasse das Wort Education, aber man kann online ohne Umwege Menschen mit neuen Dingen bekannt machen.

Innere und äußere Prozesse

nmz: Der Komponist Enjott Schneider antwortete auf unsere Umfrage „Kas­triert Kapitalismus Kreativität“ wie folgt: „In meiner künstlerischen Arbeit gibt es im Rückblick betrachtet nahezu eine feste Gleichung: Kompositionen, die ohne Auftrag und nur aus eigenem Antrieb oder aus Begeisterung für eine Projektidee entstanden sind (…) sind meine besten Werke geworden! Es gab viele Projekte des Herzens, an denen ich „for free“ arbeitete. Nur seinem „Innen“ verpflichtet zu sein und Ideen nicht wegen Geldwert oder vordergründigem Gefallen mit falschem Glanz aufpolieren zu müssen, – das ist echte Freiheit.“ Verliert demnach Kunst, nur weil sie von einem Auftraggeber oder vom Publikum bezahlt wird ihre „Unschuld“? Oder behauptet sich Kunst auch in ihren kommerzialisierten Formen?

Mönkemeyer: Ein Teil von Schneiders kompositorischer Tätigkeit ist ja der Bereich Filmmusik, bei der man ständig mit extremen Deadlines zu tun hat. Insofern spricht aus seinen Worten vielleicht auch die Sehnsucht nach einem Gegenpol. Schneiders Gegenentwurf zum Auftrag wirft die Frage auf: Wer bezahlt das dann? Es geht hier sicher um die richtige Balance.

Vor kurzem war ich im Aufnahmestudio für eine CD-Aufnahme mit Musik vom Hof Ludwigs des  XIV. und von J.S. Bach. Ludwig XIV. ist ein extremes Beispiel eines Monarchen, der Kunst und Musik benutzt, um sich selbst zu glorifizieren. Dafür hat er eine ganze Legion von Künstlern beschäftigt, die großartige Werke geschaffen haben. Ich denke dabei an Marais, Couperin oder Lully, die dann wiederum J.S. Bach beeinflusst haben in seinem Schaffen. Auch Bach musste jeden Sonntag eine Kantate abliefern. Der Zeitdruck war erheblich – das war sicher nicht weit weg von dem, was Enjott Schneider vielleicht meint.

nmz: Von was lebt der Künstler?

Mönkemeyer: Ich mag nicht, dass man impliziert: Absolute Freiheit vereinfache den künstlerischen Prozess, der Auftrag behindere ihn dabei. Der Auftrag beeinflusst das Kunstwerk, aber der Prozess ist ein innerer. Der Kunstprozess hat damit zu tun, dass man das, was von außen kommt, aufnimmt, es transformiert und ein bisschen Alchimie damit betreibt. Im bes­ten Fall kommt Gold heraus.

nmz: 2017 kuratierten Sie den Festspielfrühling Rügen. Seit etwa einem Jahr sind Sie Festspielleiter des Kammermusikfestivals Elysium in Bonn und Umgebung. Als Festivalleiter sind Sie in der Rolle des Auftraggebers. Sie sagten, für Sie sei die Leitung eines Festivals ein natürlicher Schritt gewesen. Weiter: „Ich finde es sehr spannend, auszuprobieren, welchen Weg ich zwischen Kommerz und etwas sehr Speziellem gehen kann.“ Wie sind die Konzepte aufgegangen?

Mönkemeyer: Ich konnte ausprobieren, inwieweit ich ein Publikum mitnehmen kann. Beim Elysium Festival, das wir in Zusammenarbeit mit der Caritas veranstalten, gehen wir noch einen Schritt weiter und proklamieren „Klassik für alle“. Das Publikum kann Paten-Tickets kaufen: für Kinder aus Waisenhäusern, für in Not geratene Senioren, für Wohnungslose oder für Ex-Drogenabhängige. Paten-Tickets, Treffen und auch gemeinsames Musizieren mit diesen Menschen vor dem eigentlichen Festival – das alles hat bei der ersten Ausgabe des Elysium Festivals wunderbar geklappt.

Am Ende ist es egal, wieviel Geld für Kunst bezahlt wird. In dem Moment, in dem Musik erklingt, ist sie für alle. Am Ende liegt die darin die Magie eines Konzertes. Die Inspiration, die man als Künstler haben kann oder die Frische, in der ich für das Publikum spiele, entstehen nicht aus Marketing. Sie entstehen aus dem Moment heraus, in dem etwas passiert. Meine Aufgabe als Interpret ist es, das aufzuschlüsseln – und als Programm-Macher vorab eine Art Setting zu machen, damit Musik emotional aufgenommen werden kann.

Firma Viola

nmz: Wie funktioniert die Firma Vio­la?

Mönkemeyer: Das Entrepreneur-Projekt Bratsche, genau. Als Künstler habe ich das Glück, mit einem wirklich guten Netz an Agenturen und Menschen zusammenzuarbeiten. Meine Künstleragentur akquiriert Solo- und Kammermusikengagements, verhandelt Gagen und Verträge, organisiert Tourneen und bekommt dafür einen prozentualen Anteil der Konzerthonorare. Meine PR-Agentur kümmert sich gemeinsam mit dem Label um eine nachhaltige Medienpräsenz. Ich habe jemanden, der meine Web- und Facebooksite pflegt. Und dann gibt es noch ein Reisebüro, Fotos müssen gemacht werden, das Instrument muss erhalten werden, die Bogenbehaarung, die Saiten … Wir Musiker reden nicht  wirklich über diese Dinge. Es ist eine ganze Menge – die Motivation aber für alles ist die Musik, sie ist der Mittelpunkt meines Lebens.

nmz: Eine beeindruckende Wertschöpfungskette, bevor noch ein Ton erklingt. Letztlich ist Ihre Kunst ein Vertrauensgut …

Mönkemeyer: Richtig. Das Publikum kauft die Karte und vertraut darauf, dass wir Musiker unser Bestes geben.

nmz: Wieviel Prozent Ihrer Konzertgagen bleiben dann noch beim Entrepreneur Mönkemeyer?

Mönkemeyer: Ich schätze, dass bis zur Hälfte meiner Konzertgagen für die – wie Sie sagen – Firma Viola investiert wird. Vielleicht würde mein Steuerberater dieser Formulierung zustimmen. Für mich bedeutet das Netz an Agenturen und unterstützenden Menschen allerdings, mich ganz auf die Musik konzentrieren zu können.

Wo die Klassik jung ist

nmz: Andere Länder, andere Musikwelten. Kann man das so sagen?

Mönkemeyer: Was ich in Asien sehr beeindruckend finde, ist, dass die klassische Musik einen Stellenwert hat wie hier die Popmusik. In Taiwan dauert das Signing nach dem Konzert drei Stunden. Mit jeder Person im Publikum muss man ein Foto machen. Man legt sein Handy in einen Korb und jemand anderer macht die Fotos dann. Dort gibt es nicht unsere Traditionen, dafür trifft man auf eine unverbrauchte, direkte Neugier. Vielleicht dienen die sozialen Medien dazu, eine ähnliche Art von direkter Neugier zu erreichen? Streamingdienste waren in den asiatischen Ländern schon viel früher da als hier. Spotify ist auf Pop ausgerichtet, das ist ein großes Problem. Erst seit 2015 gibt es Idagio, eine Plattform für den klassisch orientierten User. Ich bekomme jedes halbe Jahr meine Abrechnung. Für 350.000 Abrufe von Schuberts „Arpeggione“-Sonate kann ich mir vielleicht eine Kugel Schokoeis kaufen! Einerseits ist es großartig, dass so viele Leute die „Arpeggione“ angehört haben. Andererseits kann das so nicht funktionieren, denn irgendjemand muss das Ganze ja finanzieren.

nmz: Also: schlechte Streamingrendite, aber volle Konzertsäle?

Mönkemeyer: Ja, das ist eine Mischkalkulation, die aber schwer zu handeln ist. Denn die Plattenfirma sagt nicht: Schön, dass Ihre Konzerte voll sind. Es ist kein Zufall, dass die Plattenfirmen heute alle das „Entertainment“ in ihrem Namen haben und auch oft am Tour Management beteiligt sind. Im Umfeld von Konzerten wird mittlerweile eben am meisten Umsatz durch CD-Verkäufe generiert.

nmz: Walton, Bruch, Pärt – einige Stücke auf Ihrer neuen CD sind Auftragswerke: Arvo Pärts „Fratres“ für Viola ist eine von zahllosen Bearbeitungen des Originals, William Waltons Violakonzert ist auf Anregung des Dirigenten Thomas Beecham entstanden, Max Bruchs „Kol Nidrei“ auf Anregung eines Cellisten. Hat das Ihrer Meinung nach Auswirkungen auf die Qualität der Kompositionen gehabt?

Mönkemeyer: Hier schlage ich nochmals die Brücke zurück zu Ludwig XIV. Als Musiker zur Zeit des Barock zu arbeiten, bedeutete, sehr begrenzte Möglichkeiten zu besitzen, sein Leben unabhängig vom Adel zu gestalten. Der Zeitgenosse Arvo Pärt wiederum hatte unter der restriktiven sowjetischen Kulturpolitik zu leiden. Heute haben wir in Deutschland und Zentraleuropa die persönliche Freiheit, zu entscheiden, wie wir leben wollen. Dafür bin ich sehr dankbar. Gerade auch, weil einen in diesen Tagen immer öfter das Gefühl beschleicht, dass die Grundfesten am Wackeln sind.

nmz: Noch einmal: „Reden wir über Geld“. Sie sind seit 2011 Professor an der Musikhochschule München. Was ist das Movens für die Studenten, zu Ihnen zu kommen?

Mönkemeyer: Können allein reicht nicht. Studenten von heute müssen wissen „Wie ist meine Ausrichtung und wie kann ich mich damit platzieren“. Durch meine solistische Tätigkeit scheine ich auch als Professor Künstler anzuziehen, die es weniger ins Orchester zieht.

Selbstverständlich steht die Entwicklung am Instrument im Mittelpunkt des Unterrichts. Wir sprechen aber auch über das Thema Entrepreneur und Selbstvermarktung. Ein gutes Netzwerk zu haben, davon hängt zum Beispiel entscheidend ab, wie es weitergeht. Meine Aufgabe als Lehrer sehe ich darin, sich mit den Strömungen der Zeit auseinanderzusetzen: Wie kann ein Interpret heute seinen eigenen Weg finden. Dazu versuche ich, Hilfestellungen zu geben.

Das Gespräch führte Andreas Kolb

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