Das Hören als konstruktiver Akt

Die Frühjahrstagung des INMM in Darmstadt erkundete die Schnittstelle zwischen Öffentlichem und Privatem


(nmz) -
„Guten Tag. Ich bin Ihr Publikums-Observator. Während des Konzerts werde ich Ihr Verhalten beobachten und protokollieren“, erläuterte David Helbich seine Rolle im Projekt „Piano Hero“ von Stefan Prins. Eine Provokation?
Ein Artikel von Anke Kies, Doris Kösterke

Mit ihrem Motto „ÖFFENTLICHprivat“ widmete sich die jüngste Frühjahrstagung des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung (INMM) in der Akademie für Tonkunst in Darmstadt dem Umstand, dass die Welt zum Globalen Dorf implodiert ist, das jeden Bewohner unter Beobachtung hält; dass Zeitgenossen Privatestes zu (potenziell) jedermanns Begutachtung ins Netz stellen und vollverkabelt ihre Privatsphäre mit (ironischerweise meist industriell produzierten) Musiken markieren.

In dieser letzten Tagung unter seiner Federführung wollte Jörn Peter Hiekel, der sich nach 15 Jahren Vorstandsarbeit zurückziehen möchte, die Frage nach dem Politischen der Kunst neu stellen. Die Agora, gesellschaftliches, ökonomisches, spirituelles Zentrum der antiken Polis, befand Manos Tsangaris, sei in digitale Endgeräte gerutscht. Auch „diesseits der Screens“ sei ein Mensch nur noch „in der Mitte der Mittel, die ihn formen“. Was setzt er dagegen? Musiktheater!

„Jetzt bist du dran. Gib mir deine Hand. Nun mach die Augen zu, ich bringe dich an deinen Platz“ lautet das Eingangs-Ritual in Tsangaris‘ „Ein-Personen-Kopf-Duschen-Schreiber“ für einen Performer und jeweils nur eine einzelne Person als Publikum. Das Stück dauert nur eine Minute: eine intensive Erfahrung in einem geschützten Raum. Öffentlich.

Ob öffentlich oder privat: „Hören ist immer ein konstruktiver Akt“, befand der Pädagoge Peter Röbke in seinem Vortrag. Wer Neue Musik verstehen will, muss ihre Bausteine kennen. Im Forschungsprojekt Campus Neue Musik komponierten Arne Gieshoff und Melvyn Poore mit Kindern und Jugendlichen. Ihr Material: Geräusche von Büchern. Aufgeschlossen teilten die Kinder einander ihre Beobachtungen mit: dass ein Buch anders klingt, wenn es auf dem Boden liegt, dass es wichtig ist, wie das Stück anfängt und aufhört, dass Ausprobieren besser ist, als reden. Und auch, dass die Haltung wichtig ist, mit der man ein Stück ersinnt und vermittelt.

Haltung! Um sie zu schaffen, begrüßte Hans Schneider die Teilnehmer seines schulpraktischen Kompositions-Workshops mit einem großen Kreis aus Steinen: Kein noch so wildes Kind habe ihn je kaputtgemacht, erzählte Schneider. Der „magische“ Steinkreis schuf auch hier eine Aura der Behutsamkeit und Aufmerksamkeit, mit der die Anwesenden die Steine nahmen, ihre Klänge ausloteten, beschrieben und ordneten, um daraus gemeinsam ein Stück zu komponieren.

Gemeinsam? Lieber einsam zog Trond Reinholdtsen sich 2015 in schwedische Wälder zurück. Weit ab vom „System“ und ohne Publikum („Wahre Kunst ist nicht bei Facebook“), arbeitet er in seinem „Gegen-Bayreuth“, „The Norwegian Opra“, an seinem „Gegen-Ring“, genannt „Ø“, einem Musiktheater-Projekt mit derzeit unbestimmter Anzahl an Fortsetzungen. Ein Video zeigte Klamauk, Klischees und Maden, die im Bio-Abfall zu einem Lied darüber tanzen, wie schön es ist, eine Made zu sein. Auf unerwartete Weise „verstand“ man etwas.

Gleiches galt für „Tafel 1 – Wiesers Werdetraum“ von Manos Tsangaris. Das dreißig Jahre alte Stück für zwei Spieler an einem Tisch und Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs entfesselte eine alle Sinne ansprechende Poesie. Aufgeführt wurde es vom Ensemble hand werk, das „Recycling und Nachhaltigkeit in der Musikwelt“ etablieren will. Mit scheppernd über die Treppenstufen gezogener E-Gitarre präsentierte Julia Mihály Auszüge aus ihrem Musiktheater „18WEST – Songs für den Untergang“, inspiriert von den Protesten gegen die Startbahn West des Frankfurter Flughafens, 1979–81. Beeindruckt von Menschen, die ihr Privatleben gegen ein öffentliches im Hüttendorf tauschten, in der Hoffnung, etwas zu erreichen, proklamierte die 1984 Geborene: „Wir üben die Revolution“.

Doris Kösterke


Gar nicht revolutionär angehaucht warf der Themenblock 3 der Tagung die Frage auf, welche Wege der Kunstausübung in einem als geschützten Raum definierten Kosmos gegangen werden können. Trond Reinholdtsen ist, wie schon erwähnt, in den Wald gezogen, zum Schutz vor den Feinden, die er mit Facebook und Google näher bezeichnet. In seinem an ein Hohnlachen erinnernden Vortrag sieht er sich einer Ohnmacht gegenüber, die er künstlerisch nicht zu kompensieren vermag. Inhalt des Vortrags von David Helbich war dagegen das Aufzeigen der Veränderung sozialer Strukturen und der sich daraus ergebenden Konsequenzen. Strategien zur Intro-Aktivität, die in Form von Übungen für einen selbstperformativen Modus entwickelt wurden, konnten in einem Workshop künstlerisch-experimentell erfahren werden.

Im Themenschwerpunkt  „Im öffentlichen Raum“ kamen Manos Tsangaris, Yuval Shaked und Matthias Handschick zu Wort, die mit ganz unterschiedlichen Sichtweisen Öffentlichkeit betrachteten. Während Tsangaris auf Empfindungen und Wahrnehmung im sich verändernden öffentlichen Raum einging, suchte Shaked öffentlich Stellung zur entmutigenden politischen Lage seines Landes Israel zu beziehen und darin nach Maßnahmen für eine von Eigenständigkeit und Verantwortung getragenen kompositorischen Tätigkeit zu suchen. Im Konzert am Abend erklang dann im Kontext dazu ein Stück mit religiösem Inhalt, „Ume’asLoLamad“ (aus: Klavieretüden für Anfänger in der Politik), in dem eine Kinderstimme das Purim-Lied in hebräischer Sprache spricht (als Zuspielband), das vom Klavier mit impressionistisch anmutenden Akkordbrechungen untermalt wird.

Fester Bestandteil der Frühjahrstagungen ist der musikpädagogische Aspekt. Matthias Handschick referierte über die Analyse zu einem Projekt mit Jugendlichen, die ohne jegliche Vorkenntnisse mit der „Komposition“ eines Stückes konfrontiert wurden und einen ungeahnten Erkenntnisgewinn daraus zogen. Ganz anders geschah das im Campus Neue Musik innerhalb der Tagung, wo Kinder und Jugendliche, die teils schon ein Instrument spielen, als „Musik-Erfinder“ unter fachkundiger Anleitung der schon erwähnten Dozenten zu absolut beachtlichen Leistungen kamen, die sie dann auch mit Stolz im Abschlusskonzert darbieten konnten.

Neben dem bereits genannten Werk von Shaked spielte das Ensemble Phorminx weitere Stücke von teilnehmenden Komponisten in variablen Besetzungen. „iv 2“ von Mark Andre, das Wolfgang Lessing vortrug, wurde vom Interpreten innerhalb des Themenblockes 5 einer ausgiebigen Betrachtung unterzogen, indem er plastisch schilderte, wie er Zugang zu neuen Stücken findet. Auch Martin Schüttler und Stefan Prins, die als Dozenten in Darmstadt referierten, waren mit „low poly rose“ und „Hände ohne Orte“ im Programm vertreten. Klangereignisse, die experimentell sind und zugleich hautnah anrühren, besonders profund vom Ensemble Phorminx interpretiert, boten nicht zuletzt die Stücke „Blanco y Verde“ von Nicolaus A. Huber und „wieder also anders“ von Zeynep Gedizlioglu.

Im Doppelportrait Mark Andre und Simon Steen-Andersen verwies Till Knipper auf die enorm voneinander abweichenden ästhetischen Ansätze der beiden Komponisten, am Beispiel von Andres Klarinettenkonzert „über“ und den „Studies for String Instrument“ von Steen- Andersen. Der dänische Komponist  gestattete in seinem Vortrag Einblick in seine aktuelle kompositorische Arbeit (Sichtung von Archivmaterial, das mit Musik zu tun hat) und stellte diese in einen Kontext, als Abbild der Wirklichkeit, die zur Öffentlichkeit mutiert.

Die Tagung zog in der Konsequenz ein eher düsteres Fazit. Die Abgründe der Digitalisierung lassen sich nur erahnen. Die Möglichkeit, mit Haltung gegenzusteuern, ließ aber immerhin Hoffnung aufkeimen.

Anke Kies

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