Der „Fats Waller der Posaune“

Jazzneuheiten, vorgestellt von Marcus A. Woelfle


(nmz) -
Normalerweise ist vor „Best of“ oder gar „Greatest Hits“-Alben zu warnen. Aber es gibt sie eben doch, Kenner, die ein kaum zu übersehendes Gesamtschaffen so liebevoll zusammenstellen und kenntnisreich kommentieren, dass stimmige Portraits entstehen. Im Fall des Labels „Retrospective“ gelingt das vorzüglich bei einigen vermeintlichen Kleinmeistern und Nebendarstellern des Jazz, die, so unter die Lupe genommen, als richtige Klassiker Kontur gewinnen.
Ein Artikel von Marcus A. Woelfle

Das ist der Fall etwa beim Posaunisten Vic Dickenson, dem der Doppelsilberling mit dem Titel „Nice Work. His 34 Finest. 1930–1961“ durchaus gerecht wird. (Dass der Titel „Nice Work“ schon für eine Dickenson-Kompilation des Labels Vanguard vergeben war, ist der einzige Schönheitsfehler.) Sein Sound war expressiv, bisweilen recht rau, sein Spiel flüssig, sehr melodiös und dazu so humorvoll, dass ihm jemand einmal einen passenden Ehrentitel verlieh: „Fats Waller der Posaune“. Sein Spielwitz kontrastierte oft reizvoll zu seiner Vorliebe für fast sentimentale Themen wie in dieser Auswahl etwa „After You’ve Gone“ (mit Sidney Bechet) oder „Old Fashioned Love“ (mit Ruby Braff). Stilistisch deckte er sozusagen den ganzen traditionellen Jazz ab.

Um Dickenson wirklich kennen zu lernen, muss man ihn mit New-Orleans-Jazzern wie Louis Armstrong, Chicago-Jazzern wie Eddie Condon, in Swing-Orchestern wie jenem von Count Basie und in Swing-Combos mit Coleman Hawkins und dessen Gegenspieler Lester Young hören. Man sollte sein Spiel mit langjährigen Weggefährten wie Bobby Hackett, in modernen Dixieland-Ensembles ebenso kennen wie seine Mainstream-Jazz-Aufnahmen des Labels Vanguard, die übrigens zur Einführung des Begriffs Mainstream im Jazz führten. Und da die Auswahl von Ray Crick und die Liner Notes von Digby Fairweather ihn in dieser Vielfalt präsentieren, erscheint Dickenson als zugleich quintessentieller und fast allgegenwärtiger Posaunisten.

Ebenso gelungen ist „Profoundly Blue. His 22 Finest. 1937–1944“, ein Denkmal für den New Orleanser Klarinettisten Edmond Hall. Das wohlmeinende Etikett „schwarzer Benny Goodman”, mit dem er in den Jazzbüchern ein Fußnotendasein fristet, führt in die Irre. Mit dem King Of Swing teilte er lediglich technische Brillanz, melodische Eleganz und die Fähigkeit zum Swingen. Exzessiver „dirty tone“, expressives Vibrato und tiefes Bluesfeeling bezeugen aber ein ganz anderes Naturell. Mit seinem hot aufgerauten Sound, der fast wie ein hohes Pendant zur Hawkins-Schule des Tenorsaxophons klingt, stand er nicht nur im Gegensatz zu Goodman; er war kein sonderlich typischer Vertreter der New-Orleans-Klarinette.

Die Retrospektive des Meisters, dessen Todestag sich am 11. Februar zum 50. mal jährt, verdeutlicht seine Schlüsselstellung als zwischen New-Orleans-Jazz und Swing vermittelnder Virtuose: Für den Oldtime seiner eigenen Blue Note Jazzmen ist Halls geradliniges und drive-geladenes Spiel eine ebenso große Bereicherung wie für Combos mit Teddy Wilson, Red Norvo oder Charlie Christian, die Unterschiede zu Goodman umso deutlicher machen, als man sie aus der Zusammenarbeit mit diesem so gut kennt. Schade, dass man auf Beispiele für die Zusammenarbeit mit den De Paris Brothers verzichtet hat, doch diese finden sich auf Dickensons „Nice Work“. Serien haben eben ihre eigenen Gesetze. (Retrospective)

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