Dozenten als Tagelöhner – Lehrbeauftragte an Musikhochschulen kämpfen gegen sittenwidrige Verhältnisse


(nmz) -
Im Januar 2011 wurde die „Bundeskonferenz der Lehrbeauftragten an Musikhochschulen“ (bklm) gegründet und die „Frankfurter Resolution“ verabschiedet. Burkard Baltzer, Redakteur der Zeitschrift „Kunst+Kultur“, traf sich mit einer der stellvertretenden Sprecherinnen der Bundeskonferenz, Professor Karola Theill, zum Gespräch.
Ein Artikel von Burkhard Baltzer, Karola Theill

Burkhard Baltzer: Inzwischen spricht sogar die Politik davon, dass Lehrbeauftragte an Musikhochschulen unter „sittenwidrigen Verhältnissen“ leben und arbeiten. Was sind die krassesten Beispiele?

Karola Theill: Wir haben die Bedingungen, unter denen wir unterrichten, in der Frankfurter Resolution aufgelis­tet: Das Stundenhonorar schwankt, je nach Hochschule, zwischen 20 und 40 Euro – brutto. Es werden nur die Stunden vergütet, die gegeben werden, jedwede Krankheitsausfälle bleiben unberücksichtigt. Extrastunden werden nicht vergütet, obwohl sie ständig anfallen. In den Semesterferien sind wir unbezahlt, wir haben weder eine Fortzahlung im Krankheitsfall noch den Mutterschutz. Etlichen von uns wird nicht einmal ein Versicherungsschutz auf dem Weg zur Arbeit gewährt und so weiter. Das einzige Bundesland, das etwas bessere Bedingungen bietet, etwa durchbezahlte Verträge, ist bisher Nordrhein-Westfalen.

Baltzer: Wie sehen Ihre Verträge aus?

Theill: Die Aufträge, die nicht einmal Verträge sind, enden jeweils mit dem Semester und werden dann wieder neu erteilt. Es wird immer mal wieder juristisch geprüft, ob es sich um Kettenverträge handelt, aber hier können wir die Hochschulpolitik nicht greifen: Sie haben eine Form für diese Aufträge gefunden, die juristisch unangreifbar ist. Man weiß theoretisch zum Ende des Semesters nicht, ob und mit welchem Stundenkontingent es weitergeht. Das ist das, was eine Politikerin „sittenwidrig“ nannte. Über diese Bezeichnung haben sich die Hochschulleitungen sehr aufgeregt.

Baltzer: Sie selbst haben zwei Arbeitsplätze, den einen an der Hochschule „Hanns Eisler“ in Berlin, den anderen in Rostock. Berlin ist für Sie nah, aber wie viel Zeit geht für Sie durch die Fahrerei nach Rostock und das Unterrichten dort drauf?

Theill: In Berlin arbeite ich acht Stunden in der Woche, nach Rostock bin ich mit dem Auto zwei, mit dem Zug fast drei Stunden unterwegs. Die Bahnfahrt wird von der Hochschule bezahlt, sicher auch, weil sonst kaum Fachkräfte in den Norden fahren würden. Meistens bleibe ich über Nacht, da ich nicht neun Stunden an einem Tag unterrichten und hin und zurück fahren kann. Die Übernachtung zahle ich wie alle meine Kollegen selbst.

Baltzer: Wie groß ist die Personengruppe der Lehrbeauftragten?

Theill: 240 sind es allein an der Hochschule „Hanns Eisler“ Berlin, in Ros­tock circa 217, wenn man das hochrechnet auf 24 Musikhochschulen – wobei nicht alle so einen hohen Anteil stellen – kann man wohl von 5.000 bis 6.000 Lehrbeauftragten ausgehen. Nun muss allerdings differenziert werden: Ursprünglich war die Idee eines Lehrauftrages, dass Musiker mit beruflicher Erfahrung der Ausbildung praxisnahe Erkenntnisse hinzufügen, zum Beispiel Orchestermusikerinnen oder Opernsänger. Der Lehrauftrag war zur Ergänzung der Lehre gedacht. Die Ursprungsidee wurde aber ausgeweitet: Weil an den Hochschulen inzwischen ein so großer Lehrbedarf besteht, wurden immer neue Aufträge ausgeschrieben und an Fachkräfte gegeben, die keinen anderen festen Arbeitsplatz haben. Der Lehrauftrag ist deren Haupttätigkeit. Das wurde zwar gesehen, aber nicht benannt, obwohl es inzwischen für die Mehrheit der Lehrbeauftragten gilt.

Baltzer: ver.di unterstützt die „Frankfurter Resolution“: Deshalb sollten wir auch diese unhaltbaren Arbeitsverhältnisse in einen Bedarf an tatsächlich fehlenden Stellen umrechnen. Wie viele neue Festanstellungen müsste es geben, um die Lehrbeauftragten aus ihrem – ich übertreibe etwas – akademischen Tagelöhnerdasein zu erlösen?

Theill: Das haben wir noch nicht erheben lassen, wegen den sehr differenzierten Bedingungen wie etwa der Stundenkontingente. Aber auch die Hochschulen kennen diese Zahl nicht genau, da sie permanent schwankt. 

Nun gibt es verschiedene Modelle, wie das sogenannte „Schweizer Modell“. Dort geht man von sechs bis acht Wochenstunden pro Dozent/-in aus, es handelt sich um Teilzeit-Verträge, die sozialversichert und besser, als die bisherigen Lehraufträge bezahlt sind. Bei den Berechnungen stellte sich heraus, dass die Ausgaben pro Dozent circa das Doppelte eines Lehrauftrages bedeuten würden, aber immerhin noch weniger als die Hälfte einer Professorenstelle.

Baltzer: Was würden beispielsweise Sie als angestellte Professorin verdienen?

Theill: Eine W2-Professur bringt circa 54.900 Euro im Jahr ohne Zulagen, mit einer 18- bis 22-stündigen Lehrverpflichtung pro Woche. Hinzu kommen Mitarbeit in Gremien und andere Hochschulaufgaben. Aber die Unterrichtszeit erstreckt sich je nach Bundesland nur zwischen 30 und 35 Wochen pro Jahr.

Baltzer: Wer Ihre Erhebungen liest, und Sie sind dabei, immer mehr harte Fakten zusammenzutragen, stößt wie stets im Bildungsbereich auch auf ein länderspezifisches Gefälle. Wo sind die Verhältnisse für Lehrbeauftragte am unerträglichsten?

Theill: In Rostock beispielsweise beträgt der Anteil, den die Lehrbeauftragten an der Lehre, gemessen an der Gesamtkapazität haben, 70 Prozent. In München oder Frankfurt ist der Anteil ebenfalls sehr hoch. Dafür haben wir keine schlüssigen Begründungen. Der ehemalige Präsident der Hochschule für Musik in Hamburg, Hermann Rauhe, hat mal das Modell der sogenannten Teilzeitprofessur umgesetzt, dadurch sank der Anteil der Lehrbeauftragten auf zwei Prozent, das waren dann tatsächlich Orchestermusiker, die den Lehrauftrag nebenher übernahmen. Das war ein guter Weg, leider haben die anderen Musikhochschulen nicht mitgezogen. Der neue Hamburger Senat hat dann gesagt: „Moment mal, das ist ja viel zu teuer“ und so wurde das Modell wieder zurückgestellt. Unser Ziel ist es, bundesweit den Druck auf die Landesregierungen beziehungsweise die Senate zu erhöhen. Die deutschen Musikhochschulen sind in aller Welt berühmt für ihre Spitzenausbildung, Studenten kommen von überall hierher, um unsere Ausbildung zu bekommen – aber die Länder bezahlen die hochqualifizierten Dozenten dafür nicht angemessen. 

Baltzer: Nun ist es allerdings unendlich schwierig, im föderalistischen Bildungssystem eine einheitliche Forderung durchzusetzen. Wer ist denn da auf Ihrer Seite?

Theill: Wir haben die Deutsche Orches­tervereinigung und den Deutschen Tonkünstlerverband als starke Partner sowie ver.di und die GEW. Dann hat uns die Rektorenkonferenz im Mai nach Lübeck eingeladen und uns ihre Zusammenarbeit angeboten. Das ist viel, denn nicht alle 24 Hochschulen unterstützen die „Frankfurter Resolution“, weil sie einigen zu weit geht. Die meisten Hochschulleitungen sind aber mit uns der Meinung, dass es so nicht weitergehen kann und einige haben uns ihre uneingeschränkte Solidarität ausgesprochen. Wir wollen jetzt gemeinsam mit der Rektorenkonferenz an die Kultusministerkonferenz herantreten.

Baltzer: Sind die Kultusminister die größten Bremser?

Theill: Das wissen wir nicht genau. Neben den Ministerien für Wissenschaft und Forschung sind es sicherlich auch die Finanzministerien. In den Ländern ist ein Umdenken nötig, es muss mehr Geld für Bildung und Lehre bereitgestellt werden. Es geht hier um eine Strukturveränderung, die schlichtweg angemessen ist im Verhältnis zu dem, was wir Lehrbeauftragten leisten. Wir erwarten gar nicht, dass schlagartig eine Veränderung eintritt, wenn aber zwei, drei Länder den Anfang machen, wird das eine Kettenreaktion auslösen.

Baltzer: Was fordern Sie am dringlichsten?

Theill: Kurzfristig eine Erhöhung und eine Dynamisierung der Honorare, so dass wir zumindest einen Inflationsausgleich erfahren. Wenn, wie in Berlin, die Honorare seit 1990 gleich geblieben sind, bedeutet das de facto eine stetige Reduzierung dessen, was man für seine Lehrtätigkeit bekommt. Diese „Schieflage“ auszugleichen, ist das Erste, was geschehen muss. Längerfristig fordern wir feste Arbeitsverträge. Grundsätzlich müssen sich unsere Arbeitsbedingungen verbessern.

Baltzer: Frau Theill, Sie selber sind eine gestandene Begleiterin und Pianistin mit vielen Konzertverpflichtungen, Sie sind Professorin …

Theill: Ich bin Honorarprofessorin, dieser Titel wird einem als besondere Ehre verliehen, in meinem Fall durch die Hochschule „Hanns Eisler“, hat aber leider nichts mit mehr Honorar zu tun …

Baltzer: Wie lange sind Sie bereits im Geschäft?

Theill: Ich bin 17 Jahre an der „Hanns-Eisler“-Hochschule, 13 Jahre in Ros­tock und circa 20 Jahre im Konzertbetrieb. 

Baltzer: Im Oktober treffen sich die Lehrbeauftragten zu ihrer zweiten Konferenz in Berlin. Was haben Sie dann in diesem halben Jahr zwischen der „Frankfurter Resolution“ und diesem zweiten Treffen erreicht? 

Theill: Vieles: Die Rektoren nehmen unsere Probleme richtig ernst und wir sind – an vielen Hochschulen zum ersten Mal – als Gruppe der Lehrbeauftragten im Gespräch mit den Hochschulleitungen. Da wir eine sehr heterogene Gruppe sind, haben sich Einzelne bisher selten getraut, Vorstöße in diese Richtung zu wagen, aus Sorge um die Verlängerung des Lehrauftrages. Jetzt sind wir bundesweit organisiert. Wir haben bisher an 22 von 24 Hochschulen Lehrbeauftragten-Vertretungen gewählt, sind im direkten Gespräch und haben nun Sitze in den Hochschulgremien. Wir haben eine Website (www.bklm.org), auf der man alle Informationen und Stellungnahmen zu diesem Thema nachlesen kann. Wir hatten in vielen überregionalen Zeitungen Berichte über unsere Situation. Wir sind sofort von der Rektorenkonferenz eingeladen worden. An den Hochschulen ist klar, dass es so nicht weitergehen kann. In Baden-Württemberg hat uns der neue Ministerpräsident Winfried Kretschmann gerade durch einen Referenten einen Brief schreiben lassen, in dem uns mitgeteilt wurde, dass man sich des Themas annehmen wird. Es ist also Zeit, dass wir uns mit unseren Problemen direkt an die Politik wenden, an die Parteien und vor allem an die Kulturausschüsse und Kultus- und Bildungsministerien.

Baltzer: Dann wünsche ich Ihnen weiterhin viel Erfolg. 

 

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