Durchs wilde Alphabet, Galaktistan & Kurdistan

Neue Musik auf neuen CDs, vorgestellt von Max Nyffeler


(nmz) -
Neue Musik von und mit Salvatore Sciarrino, Kurt Schwitters, Sprechbohrer, Unsuk Chin, Olga Neuwirth, Markus Schirmer und Risgar Koshnaw
Ein Artikel von Max Nyffeler

Klassik meets Kurdistan, meets Latin, meets Klezmer, meets Balkan: Scurdia, ein Projekt des österreichischen Pianisten Markus Schirmer und des kurdischen Oud-Spielers Risgar Koshnaw, ist Crossover der ganz besonderen Art. Die beiden haben sich in Graz kennengelernt, wohin Koshaw zu Saddams Zeit emigriert war, und hier eine internationale Schar von Musikerinnen und Musikern um sich versammelt. Ihre vitale Musik lebt vor allem vom Rhythmus, von der oszillierenden Melodik und den faszinierenden Farben der Instrumente, während die Harmonik für europäische Ohren relativ statisch wirkt. Begeisterung löst die Truppe jedoch allemal aus, sei es beim Konzert im Opernhaus Graz, sei es in Erbil, der Hauptstadt der Region Kurdistan, wie in der spannenden Doku im CD/DVD-Doppelpack zu sehen ist. Die Stadt im Nordirak, Heimat von Koshnaw, wird hier noch als Ort voller Zukunftshoffnungen gezeigt. Heute steht sie als Bollwerk gegen den Islamischen Staat am Abgrund. Die Musik von Scurdia kündet von besseren Zeiten. (Lotus Records LR14043)

Eine Art von sukzessivem Crossover präsentiert das Ensemble MusikFabrik mit einer CD, die Werke von Unsuk Chin und Olga Neuwirth mit zwei Stücken von Sun Ra koppelt. Der visionäre Jazzmusiker, der mit seinem „Arkestra“ einst den Afrika-Mythos der amerikanischen Schwarzen ins Galaktische ausweitete, liefert dem Ensemble mit seinen skizzierten Partituren die Vorlage für eine Reise durch wild-chaotische und geheimnisvolle Klangwelten. Unsuk Chins oberflächenrauhe „Graffiti“ sind das urbane Pendant dazu, während Olga Neuwirth in „miramondi multiplo“ ihrem Lieblingsinstrument Trompete huldigt. Aus Wirbeln von gleißenden Klangfarben, expressiv aufgeladenen Repetitionsmus-tern und Anklängen an Trauermarsch und Musical steigt immer wieder Marco Blaauws Trompete phönixgleich empor. Dazwischen erklingt, eingehüllt in eine verzauberte Bläsermischung, Händels unsterblicher Hit „Lascia la spina“ (beziehungsweise „Lascia ch’io pianga“). Ein Trompetenkonzert mit Tiefgang. (Wergo 6861 2)

Die Ursonate von Kurt Schwitters, Prototyp jeglicher Art von Lautkomposition und bewährtes Schlachtross für unternehmungslustige Vokalperformer, ist nun von der Kölner Gruppe Sprechbohrer neu aufgenommen worden. Das aus Sigrid und Georg Sachse sowie Harald Muenz bestehende Trio ist im Stimmklang sehr homogen und glänzt mit einer aufnahmetechnisch obertonreichen, gleichsam mikroskopischen Wiedergabe dieser Sprachmusik, wobei einiges auch im Playback produziert scheint. Eingerahmt wird der viersätzige Klassiker von fast vier Dutzend Sprachminiaturen von Schwitters, deren kürzeste, „Atelier“, gerade einmal sieben Sekunden dauert und nur aus dem Titelwort besteht. Sprachwitz und musikalischer Witz fließen ineinander. Mein Favorit: das „Nießscherzo“. (Wergo 6316 2)

Zwei Jahrzehnte nach der Maßstäbe setzenden Einspielung der bis 1992 komponierten Klavierwerke von Salvatore Sciarrino durch Massimiliano Damerini hat nun Nicolas Hodges eine Gesamtaufnahme der seither entstandenen neuen Stücke eingespielt. In gewohnt brillanter Manier und unter Ausschöpfung aller klanglichen Möglichkeiten des Klaviers, vom kaum hörbaren Nachhall bis zum stahlharten Martellato, entwirft er ein imposantes Panorama von Sciarrinos Klaviermusik – eine Interpretation, die ebenfalls das Prädikat „State of the Art“ verdient. Zwei Versionen der fünften Klaviersonate mit unterschiedlichen Finali rahmen eine Serie von „Notturni“ ein, die alles andere als romantische Träumereien darstellen. Bruitistische Repetitionen, filigranes Laufwerk und quirlige Kleinstrukturen sind darin hart aneinandergeschnitten. (Metronome CD 1077)

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