Ein funkelndes Universum der Klänge

Neue Musik auf neuen CDs · Vorgestellt von Max Nyffeler


(nmz) -
Musik von und mit Vinko Globokar, Marco Stroppa, Mark Andre, Bernfried Pröve, John Cage, Reto Bieri, Arditti, Jack und Diotima ...
Ein Artikel von Max Nyffeler

Die phonographische Ausbeute der Donaueschinger Musiktage 2010 ist reich ausgefallen. Es war das Jahr der Streichquartette, und sechs davon sind nun in der 4-CD-Box nachzuhören, dasjenige von James Dillon sogar in der Interpretation aller drei damals vertretenen Quartette – Arditti, Jack und Diotima –, was interessante Rückschlüsse erlaubt. Weitere Pluspunkte sind Marco Stroppas „Let me sing into your ear“ mit seiner differenzierten Live-Elektronik, Vinko Globokars farbintensive „Radiographie d’un roman“, und natürlich „limited approximations“ von Georg Friedrich Haas, der mit seinem raffinierten Klangraum-Design in Zwölfteltönen den markanten Schlusspunkt setzte. (NEOS 11114-17)

Mit seiner neuen Solo-CD mischt sich der Schweizer Klarinettist Reto Bieri unter die Besten seiner Zunft. Das ätherische sotto voce, mit dem er in Berios „Lied“ die Melodielinien in den Raum zeichnet, fesselt vom ersten Ton an, im folgenden „Contrechant“ von Holliger erweitert es sich zu einem ebenso subtil geblasenen Kosmos von Mehrklängen. Die mehrstimmigen Luft-Tongemische in Sciarrinos „Let me die before I wake“ grenzen an Zauberei. Eine perfekte kontrollierte Tongebung bestimmt auch das Klangbild der Stücke von Sciarrino, Carter, Eötvös und Vajda. Selten hört man so eine sinnfällige, von hoher spielerischer Intelligenz getragene Darstellung dieser Werke. (ECM 2209)

Die 32 Etudes Australes für Klavier von John Cage dauern über vier Stunden und füllen vier CDs. Was der Komponist um 1975 mittels Zufallsoperationen als Abbild des südlichen Sternenhimmels auf Papier bannte, kommt seiner Vorstellung einer von allen subjektiven Regungen befreiten Musik denkbar nahe. Wer sich damit befasst, ob Hörer oder Interpret, braucht Konzentration und einen langen Atem; ohne eine gewisse Hingabe geht es nicht. Sabine Liebner hat sich der Herausforderung gestellt. Ihr ist eine beispielhafte Aufnahme des anspruchsvollen, durch den diskontinuierlichen Verlauf und das laufende Übergreifen der Hände auch pianistisch vertrackten Werks gelungen. Dank der sorgfältig gestalteten Dynamik und Artikulation lässt die Spannung in diesem funkelnden Klanguniversum nie nach. (Wergo 67402)

Bernfried Pröve ist mit seinem Label Zeitklang nicht nur einer jener sturköpfigen und aufopferungsbereiten Labelchefs, ohne die es bald keine CDs mit neuer Musik mehr gäbe, sondern auch Komponist. Auf einer CD hat er nun eine Auswahl eigener Werke, meist Kammermusik, herausgebracht, die zuvor schon verstreut erschienen sind. Illustre Interpreten sind zu hören, darunter die Ardittis mit den wild ineinander verschlungenen Melodielinien des fünften Streichquartetts und das SWR Vokalensemble Stuttgart mit einer ekstatischen Schwitters-Vertonung. Die Solowerke für Flöte, Bassklarinette, Horn und Klavier verraten ein hohes Maß an instrumentaler Fantasie. Eine mit sicherer Hand komponierte und zugleich klangsinnliche Musik. Sie spricht den Hörer direkt an, bedrängt ihn aber nie. (Zeitklang ez-17015)

Die Musiktheater-Passion „…22, 13…“ von Mark Andre, das Ereignis der Münchener Biennale 2004, liegt nun in einer Neuproduktion aus dem Berliner Radialsystem V auf einer SACD vor – eine Gelegenheit, sich das klanglich exponierte Werk unters technisch vorzüglichen Bedingungen erneut anhören. Die Erinnerung täuscht nicht: Die kompromisslos harte Musiksprache mit ihren überfallartigen Ausbrüchen und den an der Hörschwelle angesiedelten Geräuschprozessen übt noch immer eine hohe Faszinationskraft aus. (NEOS 11067-68)  

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