Eine fremde und seltsame Welt

Neue CDs neuer Musik, vorgestellt von Dirk Wieschollek


(nmz) -
Neue Platten von und mit Eva Reiter, Anna Korsun, der DEGEM und dem Ensemble „LUX:NM“.
Ein Artikel von Dirk Wieschollek

„Nicht das ‚Normale‘, sondern das Besondere, das Andersartige oder auch Kantige interessiert uns am meisten bei der Suche nach Neuem in der Musik“, versichert das Ensemble „LUX:NM und hat seine ästhetischen Maximen in der zweiten Eigenproduktion namens „Strandgut“ treffsicher eingelöst. Eine ausgewiesene Fachkraft für „Andersartigkeit“ ist Gordon Kampe. Die sechs aphoristischen Klangbilder von „Knapp“ stellen anschauliche Muster-Bögen eigenwilliger Kampe-Kunst dar, die klangfarbenreich zwischen kopflosem Bewegungseifer und somnambuler Seltsamkeit schwankt. Mittendrin singt uns „Frau Czybulka“ im heimatlichen Wohnzimmer mit unwiderstehlichem Understatement ein gläubiges Lied. Ausgesprochen skurril geht es auch in Yair Klartags „Goo-prone“ zu, dessen verzerrte Klangschnipsel von technoiden Pulsationen zusammengehalten werden und auch Vassos Nicolaou hat in „Chambers“ bemerkenswerte Klang-Hybride geschaffen, die in halligen Räumen ein turbulentes Unwesen treiben. Weitere Beiträge stammen von Birke Bertelsmeier und Philipp Maintz. LUX:NM knüpft hier nahtlos an die Eloquenz der gepriesenen Vorgänger-CD an. (Genuin)

Auch Anna Korsun ist in ihrem Portrait bei der Edition Zeitgenössische Musik mit unerschöpflicher Erfindungsgabe, einer Poesie des Schrägen und Seltsamen auf der Spur. „Tollers Zelle“ ist ein klaustrophobischer Kommunikationsraum, wo sich ein kaum wahrnehmbarer Sopran unmerklich in eine metallisch-klickende oder per Weinglas glissandierende E-Gitarre einklinkt. Eine bezwingende Konzentration der Mittel legt das für die Kunststation St. Peter Köln geschriebene Orgelwerk „auelliae“ an den Tag. Aus reinen Luftgeräuschen der Winddrosseln entwickelt Dominik Susteck einen zeitlupenhaften Verdichtungsprozess, der Ligetis „Volumina“ alle Ehre macht. Der zwielichtigen Stimmung zwischen Dämmerung und Dunkelheit hat sich „Ulenflucht“ verschrieben: 20 singende und spielende Performer produzieren eine surreale Gemengelage aus erstickten Stimmartikulationen, dumpfen Kehllauten, Vogelpfeifen, Tierstimmen und anderem Naturlaut am Rande der Nacht. (Wergo)

Eva Reiter ist ein Phänomen. An ihren angestammten Instrumenten (Blockflöte, Viola da Gamba) ist sie als Solistin regelmäßig in der alten Musik aktiv. Als Komponistin verbindet sie die Sphären instrumentaler, vokaler und elektronischer Klänge mit einer Energetik und Kompromisslosigkeit, wie es momentan nur Wenigen gelingt. „Noch sind wir ein Wort …“  ist eine elektrisierende Hybris für Kontrabass-Flöte, Kontrabass, Musiker-Chor und Elektronik, dessen wilde Interaktionen heftige Entladungen und Kollisionen bereithalten. Das Körperliche musikalischer Interaktion wird hier Unmittelbar und generiert unter reger Beteiligung des Klangforums Wien auch in den anderen Stücken unwirtlich zerklüftete Klangtopografien. Im Violinstück „Allemande multipliée“ werden dabei aus den Molekülen von Bachs h-Moll-Partita neue Energien herausgetrieben. (Kairos)

„Drop the Beat“ heißt die aktuelle Veröffentlichung der Edition DEGEM, bei der es dem Thema entsprechend deutlich „technoid“ zugeht. Eine chaotische Beat-Destruktion betreibt Marc Behrens in „Kupari Odradek Drug Party“, während Kai Niggemann in „The Pretty Blaze“ eine düster knarzende, aber durchaus tanzbare Rhythmus-Perle präsentiert. Eines der interessantesten Stücke hat Kirsten Reese beigesteuert: „Roaming“ basiert auf einem Film von Stefan Panhas, wo Schauspieler und Tänzer die Fehler in algorithmischen Bewegungsmustern von Avataren in analoge Körperlichkeit rückverwandeln. Eine Montage aus ekstatischen Loops mit harten Schnitten und scharfen Kontrasten ist die Folge. Angenehm aus dem Rahmen fällt Johannes Kreidler mit „Ferneyhough’s 2nd String Quartet, rendered with Band-in-a-Box“ (2010). Titel und Verfahren sind hier deckungsgleich und so verwandeln sich die ziselierten Ferneyhough-Fragmente dank automatischem Musikbegleitprogramm in atonale Fidel-Moleküle eines aufgeräumten Country-Stücks. Das funktioniert ganz prächtig, ist aber nicht nur ein guter Witz, sondern hinterfragt pointiert das wackelige Verhältnis von Materialidentität und Kontextbezug. (DEGEM)