Elite – Ausbildung oder Chancengleichheit?

DACH–Tagung 2014 in Winterthur zum Thema Begabtenförderung


(nmz) -
Im Konservatorium Winterthur trafen sich Anfang November 2014 zur DACH-Tagung der Musikberufsverbände engagierte Fachkollegen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, um sich über das brisante Thema „Hochbegabten-Ausbildung“ auszutauschen. In neun Vorträgen wurden Ausbildungsmodelle, Erfahrungswerte, Kritikpunkte sowie Einblicke in Lebensläufe prominenter Musiker und Komponisten gewährt, um der Problematik dieser komplexen Sache näher zu kommen.
Ein Artikel von Adelheid Krause-Pichler

Förderung oder Dressur?

Die Referenten aus Deutschland stellten die vorrangigen Bildungsmodelle vor: Dr. Hubert Kolland beschrieb die umfassende humanistische und musikspezifische Ausbildung des Carl- Philip-Emanuel-Bach-Gymnasiums in Berlin, Anita Rennert als Leiterin des Julius-Stern-Institutes in Berlin dagegen die Möglichkeit, neben der normalen Schule im Jungstudentenbereich der Musikhochschule bereits auf das Studium vorbereitet zu werden. Der Münchner Universitätsdozent Edmund Wächter nahm ausführlich und kompetent zu den kritischen Punkten einer wirklichkeitsfremden Hochbegabtendressur Stellung.

Prof. Dr. Dr. Wolf Peschl aus Wien überzeugte mit der beeindruckenden Darstellung des Lebens und der Karriere eines berühmten Violinisten und machte deutlich, dass der Weg vom musikalischen Jungen aus einfachem Hause auf dem Land bis zum gefeierten Philharmoniker in erster Linie von Glück und Zufällen des Lebens abhängt, von Bekanntschaften und Mäzenen, von Lehrern und Kollegen, daneben natürlich auch von Talent und Fleiß. Aufschlussreich war ebenso der Vortrag von Prof. Judith Bechter, die das Konzept des Vorarlberger Landeskonservatoriums vorstellte. Dieses Konzept sieht neben dem künstlerischen Basisstudium in Kooperation mit dem Musikschulwerk die Vorbereitung auf das Musikstudium vor und kann daneben mit dem Besuch des Musikgymnasiums kombiniert werden. Hofrätin Mag. Christa Meixner wies als ambitionierte Chorleiterin auf die gezielte Ausbildung der Betreuer und Lehrer hin, um Hochbegabungen früh zu erkennen und eine seriöse Einschätzung des tatsächlichen Begabungspotentials zu beurteilen.

Als ganzer Mensch im Fokus

Prof. Mag. Michael Neunteufel aus Bregenz definierte klug und umfassend das Förderproblem: „Die Aufgaben der Pädagogik sind erst erfüllt, wenn junge Künstler ästhetisch sensibilisiert „als ganzer Mensch“ im Fokus stehen und sich in ihrer Autonomie erfahren.

Dann können Bildung und Entfaltung um ihrer selbst willen geschehen, „authentisches Musizieren“ zutage treten, hin zur Vollkommenheit, die uns wirklich staunen macht.“ Gleichermaßen bedeutsam war der Rückblick ins 18. und 19. Jahrhundert mit Stephan Zirwes aus Bern, der zu bestätigen wusste, dass zu allen Zeiten Talent, Fleiß und gute Lehrer und Weggefährten zum Ziel führen können. Ein höchst brisantes und oft zu wenig beachtetes Thema warf Dr. Giselle Reimann aus Zürich auf: Die psychologische Belastung eines hochbegabten Menschen/Kindes in einer Umgebung, die diesen Sonderstatus weder erkennt noch achtet.

Europäische Musikbörse

Aus Deutschland war zudem der kaufmännische Geschäftsführer der Projekt GmbH des Deutschen Musikrates, Norbert Pietrangeli, angereist um den zahlreich erschienenen Tagungsteilnehmern die „Europäische Musikbörse“ (EMB) vorzustellen. Diese bietet für Veranstalter, Musiker und Kulturorganisationen zahlreiche Möglichkeiten, sich zu präsentieren, Kontakte zu knüpfen sowie auf Events aufmerksam zu machen.

Neben Vorträgen und Diskussionen mit dem Auditorium gab es nicht nur ein höchst interessantes Rahmenprogramm mit jungen Kompositionsschülern des Konservatoriums, sondern vor allem an den Abenden im vorzüglichen Hotel nahe des Tagungsortes ausreichend Möglichkeiten zu persönlichen und fachlichen Gesprächen.

Die Notwendigkeit des Austauschs von Tatsachen, Meinungen, Befürchtungen und Konzeptionen über den Fortgang der kulturellen Bildung, über musikalisches Erbe, den gesellschaftlichen Wert der Musik und unserer Musiker und Musiklehrer kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Insofern hat die DACH-Tagung, die jährlich mit hochqualifizierten Fachkollegen stattfindet, eine hohe kulturpolitische Bedeutung.

DACH, die Zusammenarbeit der Berufsverbände von Deutschland, Österreich und Schweiz, besitzt mit ihrer geballten Fachkompetenz höchste Entscheidungskraft für musikalische Bildungsprozesse in Europa.

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