Endlich wieder Klassenzimmer statt Laptop

Unter 100er-Inzidenz wieder Einzelunterricht möglich – mit FFP2-Masken und 2 Metern Abstand


(nmz) -
Die Freude an der Simon-Mayr-Sing- und Musikschule der Stadt Ingolstadt war groß, als die Bayerische Staatsregierung in ihrer Kabinettssitzung am 23. Februar beschloss, dass Musikschulen in Landkreisen mit einer 7-Tages-Inzidenz unter 100 für den Einzelunterricht geöffnet werden dürfen. „Wir waren sehr überrascht, aber nach so vielen Wochen und Monaten haben sich die Lehrkräfte natürlich sehr gefreut, die Schüler*innen mal wieder in Präsenz zu sehen und nicht nur virtuell über den Bildschirm“, so Schulleiterin Brigitte Pinggéra.
Ein Artikel von VBSM

Von ähnlichen Erfahrungen erzählt auch Julia Erche, Leiterin der Sing- und Musikschule Rottendorf: „Zunächst gab es einige Bedenken, ob eine Öffnung angesichts der hohen Inzidenzwerte sinnvoll ist. Aber wir verfolgen unser Hygienekonzept von Anfang an sehr konsequent und können auf diese Weise sowohl Schüler*innen als auch Lehrkräften bestmöglichen Schutz bieten. Nachdem wir uns das bewusst gemacht hatten, überwog dann doch die Freude, die Schüler*innen endlich einmal wieder in echt zu sehen.“ Auf die Entscheidung folgten Tage des emsigen Treibens: Es wurden Masken bestellt, Spuckschutzwände aufgebaut, Desinfektionsspender reaktiviert, Laufwege markiert, Räume ausgemessen und mit Abstandmarkierungen versehen. Auch die Hygienekonzepte wurden an die geänderte Situation angepasst. In vielen Musikschulen mussten außerdem Absprachen mit übergeordneten Stellen der Stadtverwaltung getroffen werden, um Räume in ausreichender Anzahl und Größe zur Verfügung stellen zu können. Dabei zahlte sich aus, dass die Musikschulen bereits während der ersten coronabedingten Schließung im Frühjahr 2020 umfassende Vorkehrungen getroffen hatten, auf die sie nun zurückgreifen konnten.

Auf diese Weise waren die Musikschulen gut vorbereitet, als es am 1. März schließlich losging. Auch die Schüler*innen waren froh, wieder an die Musikschulen zurückkehren zu dürfen. Bedingt durch Homeschooling und Co. war es für viele Kinder und Jugendliche das erste Mal in diesem Jahr, dass sie in einer Bildungseinrichtung außerhalb der eigenen vier Wände waren. Entsprechend groß war die Aufregung bei Schüler*innen und Lehrkräften. In der Nacht vor der Wiedereröffnung habe sie vor Nervosität und Vorfreude kaum geschlafen, gibt Erche zu. Bereits nach wenigen Stunden habe der Unterrichtsbetrieb aber wieder seinen gewohnten Gang genommen: „Es schallte und klang aus allen Fenstern, das war herrlich!“ Auch Brigitte Buckl, Leiterin der Musikschule Prien e. V., schwärmt von „einer ganz anderen Qualität des Unterrichts“. Im Gegensatz zur Online-Betreuung sei es im Präsenzunterricht zum Beispiel möglich, gemeinsam mit der*m Schüler*in zu musizieren. Auch Aspekte wie Rhythmik und Haltung ließen sich in der persönlichen Betreuung vor Ort viel besser vermitteln. Mit Ausnahme von kleineren Missgeschicken, wie beispielsweise Schüler*innen, die aus Gewohnheit vergeblich im Videokonferenztool auf die Lehrkraft gewartet haben, gab es beim Wiedereinstieg keine größeren Schwierigkeiten. „Während wir uns für die Online-Betreuung didaktisch und methodisch komplett umstellen mussten, ist der Präsenzunterricht das, was wir kennen, wollen und wofür wir ausgebildet sind“, so Christoph Peters, Leiter der Musikschule Neuried e. V. Auch wenn die Musikschulen mittlerweile notgedrungen sehr routiniert in der Online-Betreuung geworden sind, lebt der Musikschulunterricht von dem persönlichen Kontakt zwischen Schüler*in und Lehrkraft, darin sind sich alle einig. „Die Distanzbetreuung funktioniert gut, solange es darum geht, eine gewachsene Beziehung über einen begrenzten Zeitraum hinweg zu überbrücken. Keinesfalls kann sie den Präsenzunterricht aber auch nur annähernd ersetzen“, so Peters.

Vereinzelt erhielten die Schullei­ter*innen auch Anfragen von Eltern und Schüler*innen, den Distanzunterricht fortzuführen. „Das stellt mich als Schulleitung dann natürlich vor die Herausforderung, dass ich auf der einen Seite eine klare Präferenz für den Präsenzunterricht habe und auf der anderen Seite aber auch die Sorgen und Nöte der Schüler*innen nachvollziehen kann“, so Pinggéra. Schließlich entschied sie sich dazu, die Online-Betreuung auf Wunsch nur dann weiterzuführen, wenn gewichtige Gründe vorliegen. Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn Schüler*innen mit Personen aus Risikogruppen in einem Haushalt leben und dadurch ganz besonders darauf achten müssen, physische Kontakte zu reduzieren. Da auch die Schüler*innen den Präsenzunterricht sehr zu schätzen wissen, sind es aber nicht mal 1 Prozent der Schüler*innen, die den Präsenzunterricht – meist notgedrungen – nicht in Anspruch nehmen können.

Längst nicht alle bayerischen Sing- und Musikschulen profitieren jedoch von der Wiedereröffnung. In Landkreisen und kreisfreien Städten, in denen die 7-Tages-Inzidenz den Wert von 100 Neuinfektionen überschreitet, müssen die Musikschulen auch mit dem Einzelunterricht die Online-Betreuung fortführen. Davon betroffen sind zum Beispiel die Musikschule der Hofer Symphoniker und die Musikschule des Landkreises Tirschenreuth. „Als die Meldung zur Wiedereröffnung veröffentlicht wurde, war mir klar, dass mein Wunsch, zum 1. März wieder mit dem Präsenzunterricht beginnen zu dürfen, leider nicht in Erfüllung gehen wird. Davon sind wir aktuell meilenweit entfernt“, so Gabriele Jahn, Verwaltungsleiterin der Musikschule der Hofer Symphoniker. Sowohl Schüler*innen als auch Lehrkräfte sehnten sich nach der persönlichen Begegnung. Auch wenn sich die Online-Betreuung mittlerweile sehr gut etabliert habe und von den Schüler*innen dankbar angenommen werde, sei sie nicht vergleichbar mit dem Präsenzunterricht, bestätigt auch Tobias Böhm, Leiter der Musikschule im Landkreis Tirschenreuth. Die größte Herausforderung sei es aktuell, die Motivation von Lehrkräften, Schüler*innen und Eltern aufrecht zu erhalten. „Bei vielen Beteiligten ist mittlerweile angesichts der andauernden Einschränkungen eine gewisse Müdigkeit festzustellen. Hier gilt es, sowohl den Lehrkräften als auch den Schüler*innen unterstützend zur Seite zu stehen und sie zum Durchhalten zu motivieren“, so Jahn.

Daneben bringt die inzidenzabhängige Öffnungsregelung für einige Musikschulen große Planungsunsicherheit mit sich. So lag der für die Musikschule Prien e. V. entscheidende Inzidenzwert im Landkreis Rosenheim zum Zeitpunkt der Bekanntgabe der Regelung bei über 90 Neuinfektionen. „Wir haben dann bis Freitag abgewartet bis wir die Schüler*innen informiert haben, um sicherzustellen, dass wir auch wirklich aufmachen dürfen. Jeden Morgen nach dem Aufwachen geht mein erster Handgriff zum Handy, um nach dem tagesaktuellen Inzidenzwert zu schauen. Erst dann weiß ich nämlich, ob die Musikschule auch noch am nächsten Tag geöffnet sein darf oder ob wir schon wieder schließen müssen. Diese Situation erfordert ein unglaublich hohes Maß an Spontanität, Flexibilität und vor allem gute Nerven bei allen Beteiligten“, stellt Buckl fest. Positiv zu bewerten sei die mittlerweile eingeführte Drei-Tage-Regelung. Demnach treten Änderungen erst in Kraft, wenn der Inzidenzwert an mindestens drei aufeinanderfolgenden Tagen überschritten wird. Auch die Musikschule Rosenheim e. V. ist in besonderem Maße von der beschriebenen Unsicherheit betroffen: Nachdem sie eine Woche lang für den Einzelunterricht geöffnet war, überschritt der Inzidenzwert in der Stadt Rosenheim am darauffolgenden Wochenende die 100er-Marke und die Musikschule musste wieder geschlossen werden. Geöffnet bleiben durften hingegen die Außenstellen im Landkreis, da dort die Infektionszahlen niedriger waren. „Das führt dann teilweise zu skurrilen Situationen. So haben wir Schüler*innen, die in der Stadt wohnen, aber im Landkreis unterrichtet werden, weil beispielsweise der Termin besser passt. Diese dürfen auch weiterhin zum Präsenzunterricht kommen. Geschwister hingegen, die Unterricht in der Zentrale in der Stadt haben, müssen online betreut werden“, erzählt Heidi Ilgenfritz, stellvertretende Schulleiterin. Dieses Hin und Her sei für alle Beteiligten sehr kräftezehrend. Nichtsdestotrotz habe man die Woche in Präsenz sehr genossen.

Darüber hinaus gibt es etwas, das alle Musikschulen – egal ob geöffnet oder geschlossen – schmerzlich vermissen: das gemeinsame Musizieren in Gruppen und Ensembles. „Die Fokussierung auf Einzelunterricht entspricht nicht der Grundhaltung und dem Gesamtbild öffentlicher Musikschularbeit und widerspricht auch den Anforderungen der Sing- und Musikschulverordnung. Die Idee Musikschule lebt von der Vielfalt der Unterrichtsformen. Dazu gehört ausdrücklich und unabdingbar das gemeinsame Musizieren in Ensembles, Orchestern und Chören“, so Wolfgang Greth, Leiter der Geschäfts- und Beratungsstelle des Verbandes Bayerischer Sing- und Musikschulen e. V. Zwar gibt es in der Online-Betreuung einzelne Versuche, auch das Gruppenmusizieren aufrecht zu erhalten. So finden beispielsweise an der Simon-Mayr-Sing- und Musikschule der Stadt Ingolstadt regelmäßig Online-Chorproben statt. Aus technischen Gründen ist allerdings kein gemeinsames Singen in der Gruppe möglich, hierfür müssten alle Teilnehmer*innen mit teurer Technik ausgestattet werden und selbst dann ist es mehr als fraglich, ob Internetverbindungen etc. qualitativ hochwertige Chorproben ermöglichen würden. Auch an der Sing- und Musikschule Rottendorf wurden verschiedene Formate online ausprobiert. Das einzige, was wirklich funktioniere, sei eine sogenannte Bläserfitness als wöchentliches Training für Holz- und Blechbläser*innen. Im Vordergrund stehe bei diesen Angeboten der Wunsch, den Kontakt zu den Schülern*innen nicht zu verlieren, wirklicher Unterricht sei online aber einfach nicht möglich. „Abgesehen von allen technischen Herausforderungen darf man auch nicht vergessen, dass das gemeinsame Musizieren von der persönlichen Begegnung lebt. Wenn diese nicht gegeben ist, sinkt auch die Motivation“, so Erche. Deshalb müssen die meisten Formate für Gruppenmusizieren aktuell ausfallen. Auch die Kooperationen mit Kindertagesstätten und allgemeinbildenden Schulen wurden an den meisten Musikschulen abgesagt. Daneben gibt es an den Sing- und Musikschulen Personengruppen, für die das musikalische Erleben zwingend den direkten persönlichen Kontakt erfordert und wo adäquate Online-Konzepte schlichtweg nicht sinnvoll umsetzbar sind. Genannt seien hier unter anderem der Bereich der Musikgeragogik wie auch die Arbeit mit Menschen mit Behinderung.

Die Musikschulleiter*innen haben daher nur einen Wunsch für die kommenden Monate: Dass die Musikschulen bald wieder zu einem Ort der persönlichen Begegnung für alle werden können. „Der Einzelunterricht ist wichtig und notwendig. Das, was unsere Musikschulen im Kern ausmacht, ist aber das Miteinander und die Gemeinschaft“, so Peters. Diesem Grundsatz verleiht der VBSM auch mit dem Motto des 44. Bayerischen Musikschultages Ausdruck: „Gemeinsam – Füreinander – Miteinander“.

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