Für die kleine Ewigkeit (Michael Kube)

Tonträger-Bilanz 2017 – der persönliche Jahresrückblick der nmz-Phonokritiker


(nmz) -
Viel zu schnell ist schon wieder ein Jahr vorbei. Und noch immer scheint es mir, gelegentlich in der Flut der neu ankommenden Veröffentlichungen ertrinken zu müssen. Zu früh ist es demnach, in den schon von ferne hörbaren Abgesang auf die CD mit einzustimmen. Denn fast alle Labels produzieren weiterhin Scheibe um Scheibe. Die Auflagen mögen vielleicht sinken, aber der Silberling ist für nahezu alle Sänger, Musiker, Ensembles, Chöre und Orchester noch immer ein unverzichtbares Aushängeschild, um sich und die eigene künstlerische Aussage zu vermarkten – koste es, was es wolle.
Ein Artikel von Michael Kube

Umso erstaunlicher ist es, was dabei mitunter programmatisch gewagt wird, oder auch nicht. Oftmals ist dabei kaum zu unterscheiden, ob das Orchester X mit einer Sinfonie Y nur für den eigenen Bedarf produziert oder damit wirklich in die Welt hinaus will. Und noch immer gibt es zu viele Aufnahmen, die Raritäten präsentieren, diese dann aber doch nur mit halbem Mut für eine kleine Ewigkeit festgehalten werden. Für denjenigen, der davon abstrahiert, trotzdem ein Gewinn. Für alle anderen stirbt das Werk nach der mühsamen Reanimation endgültig.

Was also bleibt von dem Gehörten des letzten Jahres hängen? Im 18. Jahrhundert sind dies zunächst die Klaviersonaten von Johann Wilhelm Hässler, von Michele Benuzzi auf gleich vier unterschiedlichen Instrumenten zum Klingen gebracht – ein instruktiver Blick auf eine Zeit des instrumentalen Umbruchs (Brilliant). Bei den Granden der Wiener Klassik gab es längst bekanntes Repertoires in neuen herausragenden Interpretationen: Mozarts Violinkonzert mit Isabelle Faust (harmonia mundi) und Beethovens Klavierkonzerte mit Hannes Minnaar, Willem de Vriend und dem Netherlands Symphony Orchestra (Challenge), bei denen moderne Instrumente kein Hindernis für eine historisch informierte Aufführungspraxis darstellen.

Zu den Höhepunkten des Jahres zählt für mich auch die englischsprachige Fassung von Haydns Jahreszeiten unter Paul McCressh (Signum), die sogar mehr Kraft als das Original entfaltet. Kammermusikalisch begeisterte mich das Mariani Klavierquartett mit Fauré und Enescu (gwk records) wie auch das Berliner Thibaud Streichtrio mit Werken von Milhaud und Martinu (audite). Zwei Fundstücke sind hängen geblieben: die wahrhaft singuläre Musik von Hans Jürgen von der Wense (c2) und die grandios sinfonische Filmmusik zu „Scott of the Antarctic“ von Ralph Vaughan Williams (Dutton).

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