Gelungene Mischungen

Neue CDs neuer Musik, vorgestellt von Dirk Wieschollek


(nmz) -
Neue Musik von und mit: Irene Kurka, Martin Tchiba, Moritz Eggert, Roger Reynolds, Irvine Arditti, Michael Finnissy und Ketan Bhatti.
Ein Artikel von Dirk Wieschollek

Nein, keine Angst, liebe Eltern, dies ist keine Sammlung zeitgenössischer Kinderlieder, auch wenn Cover und Titel ausgesucht niedlich daherkommen. Der „Ohrwurm“, der dieser Produktion mit Irene Kurka (Sopran), Martin Tchiba (Klavier) und Moritz Eggert himself (Klavier, Gesang) ihren Namen gab, ist nicht infantiler Natur, sondern sinniert mit erwachsener Abgründigkeit über Melodie-Terror imaginierter Herkunft. Doch es geht noch schlimmer: „Bring me Up, bring me down“ (2013) hat seine Ursache im gleichnamigen Schrott-Pop von „Saxobeat“, der den urlaubenden Eggert tagtäglich in Griechenland heimsuchte. In seinen Liedern greift Moritz Eggert ohne falsche Scham und gewohnt einfallsreich in den unerschöpflichen Materialfundus aus Romantik, Salonmusik, Jazz, Pop, Musical, Melodram und Neuer Musik, um persönliche Affinitäten und ambivalente Aversionen zu einer ganz eigenen Poesie zu transformieren, durch die sich Irene Kurka mit bemerkenswerter Wandlungsfähigkeit und Schärfe der Diktion bewegt. Wirklich lustig wird das in der Fußball-Ode „Ballack, du geile Schnitte“, mit köstlichen Original-Fantexten von dessen Website – zum Schießen. (Spektral)

Roger Reynolds und Irvine Arditti verbindet eine langjährige Zusammenarbeit, deren Früchte man nun auf einer Veröffentlichung mit Reynolds Kompositionen für Solo-Violine bestaunen kann. Kaum zu erwähnen, dass hier Allianzen von struktureller und spieltechnischer Komplexität ins Äußerste getrieben werden. In „Kokoro“ (1991/92) ging es Reynolds noch darum, im Rahmen einer ort- und schwerelos umherflirrenden Expressivität „eher die zerbrechlichen und nachdenklichen“ Seiten von Ardittis Spiel hervorzulocken. In einem engen gemeinsamen Produktionsprozess entstand der  hochvirtuose Doppel-Monolog „imagE/violin“ und „imAge/violin“ (2015). Eindrucksvollstes Stück dieser Sammlung: „Shifting/Drifting“ (2015) für Violine und algorithmische Echtzeit-Transformationen, das den erfahrenen Raum-Denker Reynolds präsentiert und eigentlich ein Trio ist zwischen Komponist, Interpret und elektronischem Bearbeiter (Paul Hembree), dessen Interaktionen sich mysteriös und vielschichtig auffächern. (Kairos)

„Crossover“-Projekte scheitern oft daran, dass sie wie ein Katalysator Stereotypen der beteiligten „Musik-Sparten“ forcieren, auch und gerade wenn es sich um Kombinationen von sogenannter „zeitgenössischer Kammermusik mit aktueller Clubmusik“ (so die Schubladen der „Editor’s Note“) handelt. Aber das, was Ketan Bhatti hier macht, ist anders und funktioniert ganz wunderbar. Zusammen mit dem Ensemble Adapter hat er in „Nodding Terms“ dreizehn hybride Kleinode entworfen, die ganz entspannt Elemente aus Elektronika und elaboriertem Instrumentalklang zu eigenwilligen Klangräumen verschmelzen, die das instrumentale Klang- und Geräuschfarben-Angebot von Adapter diffizil zu nutzen wissen. Dabei verlegt Bhatti auch die rhythmische Ebene überraschend intensiv ins Ensemble, fragil groovende oder stolpernd pulsierende Netzwerke, deren Akzente und Melodieschnipsel sich oft eher Jazz(-Rock)- als Techno-inspiriert geben. Aber auch „clubbigere“ Herangehensweisen sind mit Remixes von Paul Frick und Jan Brauer (mit rumpelnd marschierender Bass-Drum) vertreten und machen richtig Freude. (col legno)

Einen brillianten Überblick über das eher weniger bekannte, doch umso bemerkenswerte Vokal-Œuvre des Pianisten und Komponisten Michael Finnissy gewährt das britische Exaudi Ensemble. Das bedeutet Vokaltheater der Extraklasse in den madrigalesken „Cipriano“ (1974) und „Tom Fool’s Wooing“ (1975-78), extravagante Expressivität mit exorbitanten Anforderungen, deren differenzierte Umsetzung sprachlos macht. „Gesualdo: Libro Sesto“ (2012/13) entwickelt in sieben ‚Akten’ seine opernhafte Theatralik im Bann des in Neue Musik-Kreisen fast kultisch frequentierten Renaissance-Komponisten. (Winter & Winter)

Es setzt sich anscheinend mehr und mehr durch, dass Booklets (und damit auch Textvorlagen) nur noch online nutzbar sind! Ob das eine gute Idee ist, um die Attraktivität eines vom Aussterben bedrohten Mediums zu erhöhen?

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