Gemeinsam entdecken und experimentieren

Musizieren im Alter: zur DACH-Tagung 2011 in Aarau


(nmz) -
Die diesjährige Konferenz der Berufsverbände aus Deutschland, Österreich und der Schweiz hatte das Thema „Musizieren im Alter“ im Focus, vom Schweizer Musikpädagogischen Verband SMPV unter der Präsidentschaft von Brigitte Scholl ausgerichtet, die die zahlreichen Interessenten für Vorträge und Workshops im modernen Aarauer Weiterbildungszentrum für Gesundheitsberufe Mitte September herzlich begrüßen konnte.
Ein Artikel von Adelheid Krause-Pichler

Die Tagung entwickelte sich durch hervorragende Vorträge aus Wissenschaft und Praxis der verschiedensten künstlerischen, musikalischen und medizinischen Aspekte, vor allem aber durch angeregte Diskussionen zu einem wahren Pool der offenen Fragen und der noch zu schaffenden Arbeitsbereiche. Wo, ist die Kernfrage, fängt eigentlich das vielzitierte Alter an und in welcher Form kann hier Musik praktiziert oder rezipiert werden? Wo und wann wird sie lernend und wo therapeutisch eingesetzt, wann beginnt Musik als prophylaktisches Hirnjogging und wie lange kann der Mensch ein Instrument zu spielen beginnen?

Skepsis gegen Musik im Alter

Die Einteilung in Altersgruppen muss sicher relativiert werden – während der Deutsche Musikrat sich bereits vor Jahren mit dem Thema „Musizieren mit 50+“ auseinandersetzte, hat die Altersstruktur und die Mobilität der Generation 70+ neue Maßstäbe gesetzt. Trotz allem ist der Arbeitsbereich „Musik im Alter“ verhältnismäßig neu zu erforschen, sowohl für Therapeuten als vor allem für Pädagogen und Musikgeragogen.

Während lange schon die präventive Kraft der sportlichen Bewegung propagiert wird, ebenso wie das Hirnjogging durch geistige Tätigkeiten wie Sprachen lernen oder Literatur lesen, daneben auch malen, basteln und handarbeiten zu den bewährtesten Formen der Fitness für alternde Menschen gilt, herrscht stets Skepsis oder Verwunderung bei dem Wunsch, ein schon lange geliebtes Instrument neu zu erlernen und es wird schwer, hierfür einen geeigneten und diesem Bedürfnis positiv entgegenstehenden Lehrer zu finden.

Hilfreich waren hierbei die wertvollen Vorträge der Professoren Dr. Theo Hartogh (Universität Vechta) und Dr. Hans Hermann Wickel (Universität Münster) über die didaktischen Grundlagen der Musikgeragogik, die konkrete methodische Möglichkeiten von Musikangeboten in Alteneinrichtungen und Musikschulen sowie Kooperationsformen aufzeigen konnten. Wichtige Kriterien für eine sinnvolle, wie auch immer geartete Musikarbeit sind nach wie vor die individuellen Voraussetzungen der Menschen. Hiernach richten sich die spezifischen Inhalte, die an Interessenlage (welches Instrument, welche Musik), Vorbildung und Assoziationen anknüpfen können.

Beispiele aus der Praxis

Prof. Dr. Dr. h.c. Wolf Peschl, langjähriger Professor am Pädagogischen Institut der Stadt Wien, sowie Präsident und nunmehriger Ehrenpräsident der AGMÖ (Arbeitsgemeinschaft Musikerziehung Österreich) berichtete lebendig und kompetent aus 42 Jahren Chormusik. Seine Arbeit mit der generationenübergreifenden „Chorgemeinschaft Wien-Landstrasse“ und dem Senioren-Männerchor „Die Schubertianer“ macht  deutlich, wie gerade das gemeinschaftliche Singen und auch das Erarbeiten von Konzertprogrammen ein soziales Netz aufbaut und gleichzeitig die körperliche und musikalische Kraft stärken kann.

Den Beweis hierfür erbrachte in Personam Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Rauhe, einundachtzigjährig, Ehrenpräsident der Hamburger Musikhochschule, deren Leitung er jahrzehntelang innehatte und der dieses Institut zur innovativsten Hochschule Deutschlands gemacht hat. Mit Überzeugung konnte Rauhe aus seinem reichen Erfahrungsschatz berichten und darstellen, wie aktives Musizieren nicht nur das Altern verzögert und sowohl präventiv, als auch therapeutisch und rehabilitativ nutzbar sein kann, sondern wie Musik den Einzelnen mit seiner Umwelt harmonisiert. Eine beeindruckende Schilderung, wie ein im Ensemble singender oder spielender Mensch durch innere Zufriedenheit zu großer Stärke gelangt.

Aufschlussreich waren daneben die eher praktisch orientierten Beiträge, wie „Singen und Musizieren im Alten-, Wohn-und Pflegeheim“ von Mag. Renate Pöcheim, die Projekte mit Studierenden und Senioren vorstellte und auswertete. Nicole Erni und Ursula Gull  praktizierten in zwei Gruppen gemeinsames Entdecken und Experimentieren mit Rhythmen und Klängen mit Kindern und Großeltern, eine Methode, die die ältere Generation in die Kindergartenerziehung mit einbindet. Beat Hofmann (Wiener Schulmusiker) demonstrierte ein Experiment mit Neuer Musik im Altersheim: der Vortrag zeitgenössischer Stücke wurde von den alten, zum Teil musikalisch nicht vorgebildeten Menschen mit Spannung und Entdeckerlust an Instrument und Klanggeschehen aufgenommen. Roland Wächter, bekannter Musikredakteur beim Schweizer Radio, konfrontierte zwei Testpersonen sowie das Publikum mit verschiedenen Einspielungen und Interpretationen klassischer Werke. Die unterschiedlichen Hörerlebnisse und Assoziationen der Zuhörer führten zu erstaunlichen Ergebnissen bei den gestellten Fragen nach zum Beispiel:  Jahr der Aufnahme, vermutlicher Dirigent oder Tempi der Stücke.

Was bleibt, ist die Erkenntnis aller Teilnehmer und Referenten, dass hier 2011 in Aarau zunächst eine erste Orientierungsphase stattgefunden hat. Die Thematik soll in den nächsten Jahren vertieft behandelt werden, und dies nicht nur theoretisch sondern mit allen praktischen und pädagogischen Mitteln der Berufsszene.

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