Geträumte Bilder

Neue CDs Neuer Musik, vorgestellt von Dirk Wieschollek


(nmz) -
Aufnahmen mit und von: Marco Stroppa, Fabio Nieder, George Crumb, Rolf Riehm und dem Ensemble Modern.
Ein Artikel von Dirk Wieschollek

Die griechische Mythologie ist schon länger ein Gravitationszentrum im künstlerischen Kompass von Rolf Riehm, der Mythos als narratives Möglichkeitsfeld von Erkenntnis. Gediegen bildungsbürgerlich wird das bei Riehm aber nie. „Die schrecklich-gewaltigen Kinder“ (2012), hier in einem bezwingenden Live-Mitschnitt der Frankfurter Uraufführung mit dem Ensemble Modern zu hören, basiert zum Großteil auf der „Theogonie“ von Hesiod, ein Urmythos der Unterdrückung mitsamt daraus resultierendem Vatermord. Riehm hat daraus ein Epos gemacht, das über weite Strecken monodisch von einem aberwitzigen Koloratursopran getragen wird, dessen „Erzählung“ zwischen fragmentarischen Text-Bildern und vokaler Abstraktion schwankt. Der sopranistische Extremismus von Piia Komsi (ein Wahnsinn) wird grundiert von einer kantigen, archaisch-allusorischen Klangrhetorik mit grobem Schlagwerk und schrundigem Blech, die insbesondere die „Tonbilder“ von Uranos und Gäa zu gewaltigen Exemplifizierungen des Schreckens macht. „Die Beziehungen der Menschen sind auf Gewalt gegründet“, sagt Rolf Riehm und das gilt auch für „O Daddy“ für Orchester und Zuspielungen (1984) explizit mit Blick auf einen spektakulären Vatermord (aus dem wirklichen Leben). Riehms frühere Collage-Ästhetik tritt hier mit beeindruckender Wucht und Dichte in Erscheinung, brutale Setzungen und Überstrapazierungen subjektiver Erregung oder medialer Berichterstattung. (Wergo)

Mit „Makrokosmos“ hatte George Crumb einen der außergewöhnlichsten Klavierzyklen des 20. Jahrhunderts geschaffen, mehr als 40 Jahre später lässt der 90-jährige Amerikaner die „Metamorphosen“ (2015–17) folgen, zehn „Fantasie-Stücke“ nach Lieblings-Gemälden des Komponisten (zumeist aus der frühen Moderne). Crumbs ganz persönliche „Bilder einer Ausstellung“ setzen dabei viele schon aus dem „Makrokosmos“ geläufige Mittel ein. Das Nächtliche, Unergründliche, ja Schauerliche steht dabei besonders im Fokus und manifestiert sich „mit dunkler Energie“ in tiefsten Registern, gespenstischen Saiten-Glissandi und verstörenden Lauten seitens Margaret Leng Tan. Die „Clowns at Night“ nach Chagall werden auf diese Weise zu einem geisterhaften Blues-Ballett mit verhuschten Stimmen, Toy Piano und einem Poltergeist in Gestalt eines Woodblocks. Es ist, als würde Crumb all diese Bilder nicht nur ansehen, sondern von ihnen träumen. (mode)

Fabio Nieder gehört zu den im bes-ten Sinne eigenwilligen Komponisten, der in keine gängige Schublade passt, auch nicht in die von „Minimalismus“ und „Einfachheit“. Nieders Klangpoesie wird gespeist von ganz unterschiedlichen volksmusikalischen Quellen, insbesondere Südosteuropas. Das Lied ist also – ob mit oder ohne Stimme – ein wesentlicher Impuls, so auch in diesem Portrait, das einen weiten Bogen schlägt von lyrischen Klavierstücken bis zu akusmatischer Musik. Da erfreuen Kleinode pianistischer Reduktion ebenso wie hybride Klangräume in schrägen Mischungen elektronisch angereicherter Vokal- und Perkussionsklänge. (stradivarius)

Forschung und Kunst sind für Marco Stroppa zwei Seiten derselben Medaille, was sich in einer intensiven Auseinandersetzung mit dem musikalischen Raum und den möglichen Klangdifferenzierungen in ihm niedergeschlagen hat. Die Räume, die Stroppa in dieser „space“ benannten WDR-Produktion entworfen hat, kommen jedoch völlig ohne elektronische Erweiterungen aus, an Differenzierung und Tiefenperspektive mangelt es ihnen trotzdem nicht. Dem äußerst vital und minutiös agierenden Ensemble KNM Berlin verdanken sich hier elektrisierende Kammermusikformate: Die „Hommage à Gy. K.“ für Klarinette, Viola und Klavier (1997–2008) erweist einem Meister musikpoetischer Aphoristik mit konzisen Klangbildern die Ehre. Im hochkomplexen Streichquartett „Un segno nello spazio“ (1994) schwirren Klänge ungreifbar im Raum umher, finden sich, driften auseinander und konstituieren dynamische Formgefüge. „Hommage“ und „Osja, Seven Strophes for a Literary Drone“ (2005/13) sehen übrigens mobile Spieler mit wechselnden Positionen im Raum vor, ein Umstand, den diese exzellente Studio-Einspielung nur bedingt reflektieren kann. (Wergo)

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