Glückliche Kunst

Der Komponist Herbert Baumann wird 85


(nmz) -
Musik ist eine hohe Kunst, doch auch das Leben ist eine Kunst. Herbert Baumann beherrscht beides. Als Komponist genießt er höchste Anerkennung. Wer ihm begegnet, staunt, wie erfüllt, heiter und gelassen ein Leben im Alter sein kann. „Ist das nicht schön“, sagt er lachend mit berlinerischem Akzent. Die Welt kann noch so voller Katastrophen sein, eine Begegnung mit Herbert Baumann vertreibt dunkle Gedanken und macht bewusst, wie großartig unsere Erde trotz allem ist, etwa, wenn man vom Balkon seiner Wohnung auf München herunterblickt, vielleicht sogar das Gebirge oder einen Sonnenuntergang hinter den Frauentürmen sieht. Er lebt vor, dass man nicht nur auf die zahlreichen, meist negativen Nachrichten achten, sondern einfach einmal in den Himmel blicken und das faszinierende Spiel der Wolken betrachten sollte, so wie es Herbert Baumanns Gattin Marianne meisterhaft mit ihrem Fotoapparat unternimmt und in einer Ausstellung zeigen wird.
Ein Artikel von Franzpeter Messmer

Herbert Baumann besitzt die Gabe, glücklich zu sein, und komponiert eine Musik, die Freude bereitet. Diese Musik hat packende Rhythmen, Melodien, die häufig von Bewegungsimpulsen bestimmt, stets klar, prägnant, nie weitläufig sind und in denen ein natürlicher Ausdruck vorherrscht, Klänge, die zumeist tonal geortet werden können, aber dennoch überraschen und auch zu großer Dissonanz anschwellen können, und ein musikalisches Satzgefüge, das für den Hörer bei aller Komplexität stets erfassbar wirkt. Kurzum, Herbert Baumann beherrscht sein Handwerk meisterhaft, ist ein erfahrener Praktiker, der weiß, wie man den Hörer vom ersten Ton an fesselt und bis zum Schluss in Spannung hält. Doch diese Musik ist nicht nur hervorragendes Handwerk, was schon sehr viel ist, sondern sie versteht es, den Hörer gefangen zu nehmen und ihm etwas mitzuteilen: die Freude an Rhythmen, am Zusammenspiel der Stimmen, am jeweils speziellen Klang der Instrumente, an in Musik erzählten Geschichten und Dramen. Mit dieser Musik weckt Herbert Baumann beim Publikum, auch beim jungen, große Begeisterung: Seine beiden Ballette „Alice im Wunderland“ und „Rumpelstilzchen“ wurden und werden auf zahlreichen Bühnen gespielt, das letztere erlebte über 220 Aufführungen. Seine Werke für Zupfinstrumente erfreuen sich großer Verbreitung. Seine Kammermusik wird gerne von Interpreten aufgeführt, da sie sicher sein können, damit beim Publikum einen „Renner“ zu landen.

Diese Erfolgsgeschichte erstaunt bei einem Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts. In der Tat galt seine Musik in Komponistenkreisen lange als nicht zeitgemäß. Umgekehrt sagt Herbert Baumann, dass die sogenannte Moderne für ihn eine recht fremde Welt wäre. Doch heute, rückblickend auf die Zeiten der Avantgarde in den 60er- und 70er-Jahren, zählt nicht, ob etwas „modern“ war und ist, denn das unterliegt einem ständigen Fluss, sondern ob es uns heute noch anspricht, und das gelingt Baumanns Musik. Wer seine Musik einmal kennengelernt hat, wird sofort, wenn er sie zufällig im Radio hört, sagen: Das ist ein Stück von Baumann. Diese Musik hat ihre unverkennbar eigene Physiognomie.

Diese Eigenständigkeit bezieht sie aus seiner Persönlichkeit. Er passte sich nicht den Moden an, blieb, wer er ist, arbeitete mit einer erstaunlichen Intensität, war stets weltoffen, blieb gelassen und bewahrte sich innere Distanz. Es mag sein, dass seine Fähigkeit zum Glück ihm in die Wiege gelegt war: Er hatte trotz des Dritten Reiches und des Krieges eine glückliche Kindheit. Er fand in der Schauspielerin Marianne Brose eine Partnerin fürs Leben. Er machte eine steile Karriere als Theaterkomponist und Kapellmeister am Deutschen Theater, am Schiller und Schlossparktheater in Berlin und am Residenztheater in München. Dabei arbeitete er mit den bedeutendsten Regisseuren seiner Zeit, etwa mit Gründgens, Piscator, Felsenstein oder Barlog zusammen. Doch er musste sich diese erstaunliche Karriere auch hart erarbeiten: Er schuf über 500 Bühnenmusiken, komponierte die Musik zu Kino- und Fernsehfilmen. Die meisten Werke studierte er selbst an den Theatern ein und leitete die Aufführung. Doch „daneben“ fand er auch noch für ein beachtliches Œuvre an Orchester- und Chorwerken, Kammermusiken und Liedern Zeit, über 130 Werke! Diese an die Zeiten Mozarts erinnernde Produktivität sucht in unserer Zeit ihresgleichen.

Herbert Baumanns Werk ist heute so lebendig wie seit jeher. 2010 finden zahlreiche Konzerte statt, sogar ein ganzes Festival. Vom 8. bis 16. Oktober lädt das Münchner Festival „Herbert Baumann und seine Freunde“ zu einer Begegnung mit seinem Werk ein.

Herbert Baumann erfuhr zahlreiche Ehrungen, hat eine eigene Stiftung zur Förderung der Musik gegründet, wirkte aktiv im Münchner Tonkünstlerverband mit und blieb bis heute ein wichtiger Freund und Ratgeber des Verbandes. Es ist ein großes Glück, dass die Musikwelt ihn und seine Musik hat. Wir alle danken ihm und wünschen ihm noch viele erfüllte Jahre.

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