Gralsklänge


(nmz) -
Bayreuths Musikwelt steht unter der übermächtigen Präsenz Richard Wagners, daran besteht kein Zweifel. So bleibt nicht aus, dass der Schatten dieser Persönlichkeit bis heute durch Werke regionaler Komponisten geistert, sei es durch Zitate, Anspielungen oder aber die Verwendung der von ihm ersponnenen Instrumente.
Ein Artikel von Oliver Fraenzke

Entsprechend verwundert wenig, dass die erste CD-Publikation des 1988 gegründeten Festivals „Zeit für Neue Musik Bayreuth“ vielfach im Zeichen Wagners steht. Es war der Wunsch des 2019 verstorbenen Festivalgründers Helmut Bieler, durch eine CD-Reihe auf diese Initiative und die im Rahmen derer erklingenden Kompositionen aufmerksam zu machen, was derzeit sein Nachfolger Wolfram Graf realisiert. Den Startschuss setzt „Perspektiven“, widmet sich ausschließlich Bayreuther Komponisten, die zumal alle in engem Kontakt zu Bieler standen. Die CD dreht sich zu großen Teilen um Wagner, teils auch den im nahen Brand geborenen Max Reger oder um Motive religiöser bis spiritueller Natur, wo Wagner wieder schemenhaft präsent wird.

Ein besonderes Instrument dieser Aufnahme nennt sich Glockenklavier, oder bildhafter: Gralsglocke. 1879 plante Wagner, für das Leitmotiv des Gralstempels in seinem Bühnenweihfestspiel Parsifal ein Glockengeläut zu erschaffen, das die Töne C, G1, A1 und E1 erreicht, also nahezu unerreichbar tief erscheint. Drei Jahre später lieferte der Klavierbauer Eduard Steingrae­ber solch ein Instrument mit vier jeweils sieben Zentimeter breiten Tasten und einem Hallpedal. Eine neuere Konstruktion aus den Jahren 1912-14 verzichtet auf Tasten, spielt sich wie ein Hackbrett; diese wurde 2015 durch die Erben Steingraebers nachgebaut und veranlasst seitdem Komponisten, das Instrument neu zu entdecken.

Die ersten Kompositionen für dieses Instrument nach Wagner entstammen dem Jahr 2016, wo zunächst Wolfram Graf in seinen „Intermezzi“ op. 222 Klavier und Saxophon mit den eigenwilligen Glockenklängen mischte, dann Helmut Bieler ansteckte, dessen „Grals­klänge“ für Klavier und Schlagzeug ebenfalls davon Gebrauch machen.

Auf der CD befinden sich Werke für ein oder zwei Spieler von 1981 bis 2020, aufgeführt wie aufgenommen an verschiedenen Orten im Rahmen des Festivals von 2014–21. Gefangen nimmt besonders die reduzierte Tonsprache Bielers, der die Beschaffenheit der einzelnen Klänge herausmeißelt, ohne zwanghaft modern wirken zu wollen – man kann den Phänomenen förmlich nachhören. Zurückhaltung zeichnet auch die drei zu hörenden Werke Grafs aus, der sich allerdings bewusst für modernere Techniken und grellere Effekte entscheidet – eine schillernde, stets spannende Musik. Zwei Soli von Michael Starke zeugen von intensiver Suche nach Zusammenklängen innerhalb des Instruments, nach dem Moment an sich. Marko Zdralek erforscht die klanglichen Möglichkeiten der Bassflöte, negiert zu großen Teilen normal gespielte Töne. Eine brillante Abstimmung zwischen melodischer Linie und harmonischem Gleichgewicht beweist Horst Lohses „Abschied“ für Saxophon und Klavier, das so auf knappem Raum ein reiches Spektrum an Emotionen heraufbeschwört.

 

 

Das könnte Sie auch interessieren: