Großer Wiedererkennungswert

Jazzneuheiten, vorgestellt von Marcus A. Woelfle


(nmz) -
Manche neuen Alben nimmt man zur Hand, liest wer darauf wann und mit wem welche Standards spielt und freut sich, wenn sie in etwa so klingen wie erhofft. Es gibt zwar Kollegen, die erwarten von jedem Album die erneute Erfindung des Rads; doch auch die kreativsten Jazzmusiker haben ihren wiedererkennbaren Stil, ihre Maschen und Tricks. Und solange sie den Moment der Überraschung fördern und nicht der Wiederholung des Immergleichen dienen, wird man sich daran nicht satthören.
Ein Artikel von Marcus A. Woelfle

Dazu gehören bei Erroll Garner verschrobene, scheinbar ins Niemandsland führende, oft lange, bisweilen dissonanzreiche Einleitungen, welche die Spannung des Publikums (und der Mitspieler!), welches Stück nun folgen wird, ins fast Unerträgliche dehnen.

So ist es beim erstmals veröffentlich­ten „Symphony Hall Concert“, das am 17.1.1959 in Boston stattfand und bei dem mit Eddie Calhoun (b) und Kelly Martin (d) die jahrelangen Begleiter assistieren. Keines der Stücke ist auf Anhieb zu erkennen, mit Ausnahme seines Hits „Misty“, mit dem er kein Versteckspiel treibt. Keine der Einleitungen ähnelt den früher oder später zu diesen aufgenommenen. So groß der Wiedererkennungswert seines Spiels auch war, so hat er sich doch immer seine Spontaneität bewahrt. Man kann, wie Terri Lyne Carrington in den liner notes, auch mal auf das Zukunftsweisende in diesen Intros verweisen, die in „Bernie‘s Tune“ eine Vorwegnahme von McCoy Tyners Harmonik erblickt. Zwar ist das Album mit 36 Minuten etwas kurz geraten, doch Garner spielt mit so viel Swing, Drive und Einfallsreichtum, dass man es zu seinen besonders gelungenen Einspielungen zählen kann, zumal mancher Standard hier in Garners besten Version erklingt („Lover“) und manche seiner Eigentümlichkeiten hier geradezu musterhaft zur Geltung kommen, etwa die unterschiedlichen Tempi seiner Hände in „I Can‘t get Started“. (Mack Avenue)

Eine Trouvaille mit Déjà-vu-Effekt – allerdings mit feinen Unterschieden zum Bekannten – ist „Live At The Berlin Jazz Festival 1966“, das in vielerlei Hinsicht, vor allem im Repertoire, wie ein Echo des zwei Jahre älteren „Getz Au Go Go“ wirkt. Entstand jenes am Anfang von Stan Getz’ Partnerschaft mit dem relativ am Beginn einer großen Laufbahn stehenden Vibraphonisten Gary Burton, so dieses gegen Ende. Burtons Spiel ist inzwischen um zwei Jahre gereift. Der Zusammenklang von Getz’ noblem Sound und Burtons kristallklarem Spiel hat gelegentlich etwas Magisches, vor allem in den Balladen, wo Getz immer wieder das coole Understatement für kleine emotionale Ausbrüche aufgibt. Ist Chuck Israels noch der Bassist der Band, so spielt in Berlin nicht Joe Hunt sondern der große Roy Haynes, der vor allem 1961 viel mit Getz musiziert hatte. Auch wo er nicht, wie in „Jive Hoot“, ein ausgesprochenes Feature hat, ertappt man sich dabei, dass man vor allem auf Haynes hört, der für das Quartett ein großer Gewinn an Dynamik und Differenziertheit ist. Das Quartett hielt Getz 1966 für sein bislang bestes. Da es kaum dokumentiert wurde, füllt das Doppelalbum somit eine Lücke.

Mit der zweiten CD des Doppelsilberlings, auf der Astrud Gilberto sich zum Quartett gesellt, erscheint das Konzert als eine Art Postskriptum zu Stan Getz’ Bossa-Nova-Jahren, die eigentlich 1964 beendet waren, auch wenn die brasilianische Musik lebenslang Bestandteil seines musikalischen Universums blieb. Astrud Gilberto war 1963 bei den Aufnahmen zu „Getz/Gilberto“ entdeckt worden, als sie eher zufällig „The Girl from Ipanema“ auf Englisch sang. Durch Getz wurde sie zur Sängerin. Es folgte eine Romanze der beiden und ihre Scheidung vom Sänger Joao Gilberto. Nach einigen Aufnahmen gingen Getz und Astrud Gilberto getrennte Wege. Doch 1966 war „Getz/Gilberto“ noch immer in den Charts, Bossa längst von einer exotischen Mode zu einem in Jazz und Pop allgegenwärtigen Genre geworden. Die Brasilianerin war nicht das, was man als eine große Sängerin bezeichnen würde, verglichen mit den großen brasilianischen Sängerinnen jener Tage (oder mit einer Jazzvirtuosin vom Schlage einer Sarah Vaughan, die Roy Haynes jahrelang begleitete und deren überragendes Konzert in der Berliner Philharmonie 1969 Anfang dieses Jahres auch von „The Lost Recordings“ herausgebracht wurde). Gilbertos Gesang versprühte eher den natürlichen, etwas naiven Charme des schüchternen Mädchens von nebenan. Und das tat sie, obgleich sie längst eine erfolgreiche Plattenkünstlerin war, in diesen Live-Versionen von „Corcovado“, „The Girl From Ipanema“ unter anderem trotz soliderem Können noch immer. Es fällt auf, dass Getz sich im Konzert an ihrer Seite zurückhält, jedenfalls solistisch nichts bietet, was mit den gemeinsamen Hit-Einspielungen vergleichbar wäre. Es sind die letzten bekannten gemeinsamen Aufnahmen. (The Lost Recordings)

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