Harry, drück doch schon mal mein Lied

Zur Wiederentdeckung des musikalischen „Regiehexers aus Karlsbad“: Zbynek Brynych


(nmz) -
Er ist der Mann, der 1970 den TV-„Kommissar“ Erik Ode zum Tanzen verführt hat, in der legendären Folge „Der Papierblumenmörder“ mit Thomas Fritsch als „Teekanne“. Und er hat den schrägsten Film mit Uschi Glas inszeniert, „Die Weibchen“, der soeben bei Bildstörung auf DVD/Bluray mit Soundtrack-CD von Peter Thomas erschienen ist. Sein Name: Zbynek Brynych. Dominik Graf, der zu seinen größten Fans gehört, nennt ihn den „Regiehexer von Karlsbad“.
Ein Artikel von Viktor Rotthaler

Nach dem Ende des „Prager Frühling“ 1968 hatte Brynych seine Heimat verlassen, um in Deutschland eine neue Karriere zu starten. Nach der Kafka-Verfilmung „Amerika“ für das deutsche Fernsehen entstand zwischen 1969/70 seine bizarre München-Trilogie „Engel, die ihre Flügel verbrennen“, „Oh Happy Day“ und „Die Weibchen“. Und vier der besten „Kommissar“-Folgen, bevor er wegen einer „Geschichte von ’68“ zurück in die CSSR musste. Vier Jahre später war er wieder im Team des „Kommissar“-Produzenten  Ringelmann, der jetzt seinen „Derrick“ zum Nachfolger von Kommissar Keller bestimmt hatte.

Angefangen hatte Brynych in den späten Kriegsjahren als zweiter Trompeter bei einem kleinen Operettentheater in Prag, wie er 1994 Stefan Ertl und Rainer Knepperges erzählt hat: „Eines Tages kam Willi Forst in das Theater und engagierte das ganze Orchester für einen seiner Filme. So kam ich 1944 zum ersten Mal in ein Filmatelier. Dort packte man mich und klebte mir gleich einen Bart an, und ich sah in den Spiegel und dachte: Das wäre ein Beruf für dich, ein angeklebter Bart und schon bist du ein anderer Mensch; das ist besser als trompeten.“ Der Film hieß „Wiener Mädeln“ und kam erst in der Nachkriegszeit als „Überläufer“ ins Kino. Aber für Brynych waren in diesem Moment die Würfel gefallen: „So saß ich in dem Atelier und beobachtete den eleganten Willi Forst beim Regie führen. Und ganz naiv – ich war 17 Jahre alt – beschloss ich Regisseur zu werden.“ Eine Geschichte, die an einen anderen Musiker erinnert, den großen Kleinen des Cabarets, Friedrich Hollaender, der während der Dreharbeiten zum „Blauen Engel“ den genialen Josef von Sternberg beobachtet hat und danach auch Filmregisseur werden wollte. Ende 1932 wurde ihm der Wunsch auch von dem Ufa-Produzenten Erich Pommer erfüllt. Aber nach der Premiere von „Ich und die Kaiserin“ im Februar 1933 musste Hollaender sein Heimatland sofort verlassen, um nicht den Nazis in die Hände zu fallen.

Vom Faschismus handelte dann auch die erste Trilogie von Brynych aus den frühen Sixties: „Transport aus dem Paradies“, „Ich – die Gerechtigkeit“ und „Der fünfte Reiter ist die Angst“. Alle drei Filme waren natürlich auch versteckte Stalinismus-Parabeln und sind sehr musikalisch inszeniert. Wie die Filme von Willi Forst, den Brynych so verehrt: „Ich kann mir ‚Operette‘ unendlich oft anschauen; der hat ein unglaubliches Tempo und versetzt mich immer wieder in eine wunderschöne Laune.“ Brynych liebt Wiederholungen. In der „Kommissar“-Folge „Parkplatzhyänen“ bittet Erik Ode Fritz Wepper in der Jukebox „Ghostriders In The Sky“ – gesungen von Tom Jones – zu drücken. Und das fünfmal hintereinander. Und natürlich grundiert bei „Oh Happy Day“ der gleichnamige Gospelhit der Edwin Hawkins Singers gleich den ganzen Film. Auch während der Dreharbeiten erklang bei ihm oft – wie in der Stummfilmzeit – aus dem Off Musik: „Wann immer es geht, – zum Beispiel wenn in einer Szene mal kein Ton aufgenommen werden muss, weil kein Dialog fällt, – dann lass ich diese Musik spielen, damit die Schauspieler und auch die Kamera den Rhythmus der Musik spürt.“

Brynychs München-Trilogie – mit dem melodramatischen Herzstück „Engel, die ihre Flügel verbrennen“ - gehörte damals zu den großen Flops jener Phase, als der deutsche Film am Boden lag. Und auch die Kritiker, die gerade begonnen hatten, sich an den besessenen Fassbinder zu gewöhnen, konnten mit diesem „Außenseiter“ wenig anfangen. Und selbst die engen Bezüge zum damals ja auch verpönten „Kommissar“ hat niemand bemerkt. Erst jetzt wird von Filmliebhabern die durch und durch „musikalische“ Schönheit dieser bizarren Filme entdeckt. Von einer jüngeren Generation, die aufgewachsen ist mit Mario Bava oder Dario Argento, den großen Göttern des italienischen „Giallos“ oder angeblich zweitklassigen deutschen Genrefilmen. Schon in den neunziger Jahren hatte diese Wiederentdeckung begonnen. Danach hat ihn Dominik Graf gepriesen. Und jetzt ist endlich auch sein „Splatter“-Märchen „Die Weibchen“ (mit Uschi Glas als Tagträumerin) in einer mustergültigen Edition erschienen. Übrigens in der „verschwundenen“ Langfassung von 90 Minuten, die dem Film seinen ursprünglichen Rhythmus zurückgibt. Denn nichts ist bei Brynych so wichtig wie der Rhythmus. Und der eine oder andere Song aus der Jukebox. 1995 ist Brynych in Prag gestorben. Wie heißt es im Booklet so schön: „Im Himmel werden sie inzwischen eine Musikbox aufgestellt haben.“

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