Immanenz und Transzendenz

Neue CDs neuer Musik, vorgestellt von Dirk Wieschollek


(nmz) -
Luigi Nonos zwei (!) Werke mit elementarer Klavierbeteiligung bekommt man selten zu hören. Die Referenzaufnahme von „Como una ola de fuerza y luz“ (1971/72) mit Pollini, Abbado und dem Symphonieorchester des BR stammt von 1973! Nun hat sie eine mindestens ebenbürtige Neueinspielung an die Seite bekommen mit einer dramatisch effektiven Claudia Barainsky, Jan Michiels am markanten Klavierpart, dem WDR Sinfonieorchester unter Peter Rundel und den üblichen Verdächtigen aus dem SWR Experimentalstudio.
Ein Artikel von Dirk Wieschollek

Nonos charismatischer Abgesang auf den chilenischen Revolutionsführer Luciano Cruz Aguayo kehrt hier mit gewaltiger Intensität zurück. Schon der erste, einem kleinen Erdbeben gleichkommende Klaviereinsatz zu Beginn des 2. Satzes zeigt, wo es lang gehen wird: massive Klangentfesselung und kompromisslose Expressivität in der Bündelung aller Kräfte zur Evokation von Tod und Bedrohung, aber auch von Kraft („fuerza“) und Licht („luz“). Bei aller Wucht zeigen sich die unterschiedlichen Klangsphären gut aufeinander abgestimmt. „…sofferte ondre serene…“ für Klavier und Tape (1975/77), damals in intensiver Auseinandersetzung mit dem Spiel Maurizio Pollinis entstanden, ist hier mit einer Rekonstruktion der originalen (heute verschollenen) Stereobänder zu hören, die unerlässlich sind für die Dynamik der komplexen Klangereignisse im Raum.

Ganz neue Facetten dieser tiefschürfenden Klangreise ins Klavier macht Paulo de Assis mit seiner Re-Komposition „Unfolding waves… con luigi nono“ (2012) erlebbar, die Nonos Klavierpart farb- und gestenreich ins große Orchester überträgt und dabei die Tonband-Schicht in drei instrumentale Klanggruppen auflöst. (Kairos)

Lisa Streich, aktuell im Portrait der Edition Zeitgenössische Musik, ist eine außergewöhnliche Komponistin, und das nicht allein, weil sie ganz untypisch für ihre Generation ohne mediale Erweiterungen auskommt. Das Wechselspiel von Immanenz und Trans­zendenz sei wesentlich für ihre Musik, merkt Booklet-Autor Rainer Nonnenmann an, und man möchte hinzufügen: die Ambivalenz von Spiritualität und exis-tentieller Unerbittlichkeit. So mischen sich gleich in die ungreifbaren Klangschatten zu Beginn von „SEGEL“ peitschende Schläge der Perkussionsabteilung, die dem Ganzen alptraumhafte Konturen verleihen. Ähnlich wie ihr Kollege Mark Andre nutzt auch Streich gerne einen riesigen Orchesterapparat in äußerst konzentrierter Weise, um damit schüttere Texturen zu weben. Die seltsam ungreifbare Poesie der oft religiös inspirierten Klangbilder wird jedoch regelmäßig heimgesucht von markerschütternden Attacken. Traditionen liturgischer Musik werden wirkungsvoll weitergesponnen im wortlosen „STABAT“ für 32 Stimmen in vier Chören und „AGNEL“ für 12-stimmigen Chor, Objekte, Knabenstimme und Elektronik, das in der Fragmentierung der lateinischen Messliturgie unwirkliche Hall-Räume erschafft, zelebriert in den Tiefen des Kölner Doms, aber Zeit und Raum völlig entrückt. (Wergo)

In seiner Doppelfunktion als Klarinettist und Komponist ist für Jörg Widmann die Rolle des Solisten praktisch ein Lebensthema. Besonders intensiv hat er sie im „Violakonzert“ (2015) reflektiert, das die klassische Position des Solisten mit Mitteln des „Instrumentalen Theaters“ in Bewegung bringt: Widmungsträger Antoine Tamestit beginnt versteckt mitten im Orchester als perkussiver Störenfried, findet mitten im Konzert erst seinen Bogen und stürzt sich hernach in Wettkämpfe und Liebesaffären mit diversen Instrumenten. Das bietet im Spannungsfeld von Isolation und Verschmelzung natürlich reichlich Gelegenheit für überzeichnete Virtuosität, die der französische Bratschist ebenso beherzt vorantreibt, wie die enorme Fülle der Ges­ten und Sprachformen, am Ende auch die „Fülle des Wohllauts“ auf der C-Saite. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Daniel Harding interagiert energiegeladen und total auf den Punkt. Dass Widmann nicht nur einer der versiertesten Polystilisten ist, sondern auch ein großer Freund der musikalischen Groteske, demonstriert sein „Jagd-Quartett“ mit einem Signum Quartett außer Rand und Band und bisherigem Schrei- und Geschwindigkeitsrekord. (Harmonia Mundi)

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