„Jugend musiziert“ auf Regionalebene: Würdigung der Arbeit

Wichtige Motivation für Standortbestimmung, wo man als Lernender und als Unterrichtender steht – Interview mit Ulrich Salzer


(nmz) -
Celle. Zum Jahresende 2019 gibt der Pianist und Klavierlehrer Ulrich Salzer nach 21 Jahren ehrenamtlicher Tätigkeit den Vorsitz des Celler Regionalausschusses von „Jugend musiziert” ab. Wie er mir erzählte, befindet er sich (Jahrgang 1955) unterrichtsmäßig im „decrescendo” und bereitet sich auf den Ruhestand vor. Er möchte wieder mehr Zeit für eigenes Musizieren und Konzertauftritte mit Klavier und Kontrabass haben.
Ein Artikel von Gunter Sokolowsky

neue musikzeitung: Herr Salzer, warum liegt Ihnen die Förderung mit „Jugend musiziert“ so sehr am Herzen?

Ulrich Salzer: „Jugend musiziert“ auf Regionalebene ist in erster Linie eine Motivation für Schüler und Lehrer. Es wird ausprobiert, wo man als Lernender und auch als Unterrichtender steht. Über den Tellerrand hinauszuschauen, sich mit anderen zu messen und an Aufgaben zu wachsen, die man ohne den Wettbewerb nicht hätte. Für die vielen Regional-Teilnehmer, die es nicht in die Spitzenregionen von Landes- und Bundeswettbewerb schaffen, ist es oft auch eine nicht zu unterschätzende Würdigung ihrer jahrelangen Arbeit am Instrument, wenn sie im Preisträgerkonzert gespielt haben oder vielleicht sogar einmal einen Preis beim Landeswettbewerb geschafft haben.

nmz: Wie wirkt sich die Wohnsituation der Lehrkräfte und Schüler auf die Teilnehmerzahlen aus?

Salzer: Wir haben in Celle immer versucht (und meine Nachfolgerinnen werden das weiterhin tun), die „kurzen Wege“ zu nutzen, die man hat, wenn Lehrer und Schüler in derselben Stadt wohnen. Dies führt auch oft dazu, dass gerade jüngere Kinder häufiger teilnehmen, weil weitere Fahrten dann wegfallen. In den letzten Jahren verstärkte sich das Problem, da viele Lehrkräfte außerhalb von Celle von Hameln bis Hamburg wohnen. Sie unterrichten häufig an mehreren Orten, was dann dazu führt, dass sie zeitgleich an verschiedenen Wettbewerbsorten Schüler betreuen müssen. Das gleiche Problem gibt es bei den erwachsenen Klavierbegleitern. Hinzu kommt, dass bei Ensemblewertungen oft Mitspieler aus unterschiedlichen Regionen zusammenkommen. Das erschwert die Planung der Regionalwettbewerbe in einer kleinen Region wie Celle sehr. Manchmal haben wir zwar genügend Anmeldungen, können aber keinen Wettbewerb durchführen, weil es von jedem Instrument nur ein, zwei Meldungen gibt, die dann besser in größeren Regionen zusammengelegt werden.

nmz: Wie wirkt sich die veränderte Unterrichtssituation auf den Wettbewerb aus?

Salzer: Bei den Solowertungen ist es generell so, dass es nicht ohne Einzelunterricht geht. Zusätzliches Engagement der Lehrkräfte in Form von oft unbezahlten Extrastunden und Probevorspielen ist dann an der Tagesordnung. An öffentlichen Musikschulen wird häufig, weil die Politik eine verstärkte Breitenwirkung haben will, der Förderung des Elementarbereichs der Vorzug gegeben. Die Spitzenförderung kommt dann, nicht zuletzt aus finanziellen Gründen, leider doch etwas zu kurz. Vor allem bei den Bläsern beobachte ich seit langem, dass durch die verstärkte Belastung der Lehrkräfte mit Bläserklassen und anderem Gruppenunterricht immer weniger Spitzenleistungen nachkommen.
Das verstärkte Angebot von Klassen- und Gruppenunterricht führt bei manchen Eltern und deren Kindern auch zu einer veränderten Einstellung zum Unterricht: Üben zuhause wird nicht mehr für notwendig erachtet, da ja in der Gruppe geübt wird.
Hinzu kommt das Problem der Ganztagsschule. Dazu gab es in der nmz einmal einen Artikel mit der Überschrift „Beethoven nach Mitternacht“. Eine Schülerin berichtete, dass sie nach einem langen Schultag erst spätabends üben konnte. Diese immer mehr um sich greifende Tendenz der Schulausbildung erschwert natürlich die künstlerische Entwicklung aller Instrumentalisten und Sänger.

nmz: Sie sagen, die Leistungsbandbreite wird erheblich größer …

Salzer: Besser nennen wir es doch: Die Leistungsbandbreite ist anders geworden.
Die Teilnehmerzahlen in vielen Regionen, nicht nur in Celle, sind in den letzten Jahren erheblich zurückgegangen, der Bundeswettbewerb platzt aber aus allen Nähten. Gab es vor 20 Jahren beim Regionalwettbewerb in einem Instrument drei erste, drei zweite und drei dritte Preise, so melden sich heute nur noch die an, welche die Aussicht heben, einen ersten Preis zu erreichen.

nmz: Wie ist der Regionalausschuss derzeit aufgestellt?

Salzer: Im Regionalausschuss sind neben der Kreismusikschule Celle auch die Private Musikschule Celle e.V., eine Schulmusikerin, ich als DTKV-Vertreter sowie die Stadt und der Landkreis Celle vertreten. Die beiden Letztgenannten sorgen anerkennenswerter- weise für eine sichere Finanzierung von „Jugend musiziert“ aus Haushaltsmitteln. Organisatorisch ist der Wettbewerb also gut aufgestellt. Leider kann ich aber keinen Nachfolger als Vertreter des DKTV gewinnen.

Interview: Gunter Sokolowsky

Das könnte Sie auch interessieren: