Klänge aus Kakanien und dem Rest der Welt

Neue Musik auf neuen CDs, rezensiert von Max Nyffeler


(nmz) -
Neue Musik von und/oder mit: ÖNCZkekvist, Martin Mallaun, Hans G Helms, Women Composers, Marino Formenti und Friedrich Cerha.
Ein Artikel von Max Nyffeler

Die Klänge seien ihm wie im Halbtraum zugefallen, sagt Friedrich Cerha zu seinem Ensemblewerk „Bruchstück, geträumt“. Und mit suggestiver Kraft entführen sie auch den Hörer in eine Welt der frei fließenden Gedankenströme, in der die Zeit stillzustehen scheint. Griffig konkret, kontrastreich und mit lebhafter Gestik geben sich dagegen die „Neun Bagatellen“ für Streichtrio.Dieselbe Freiheit der Erfindung zeichnet auch das Orchesterwerk „Instants“ aus, das mit seinen überrumpelnden Wendungen ein faszinierendes Hör­abenteuer darstellt. Konstruktion vollzieht sich als momenthafter Prozess, aus spontanen Einfällen entstehen zwingende Formen.

Jüngste Dokumente aus der Werkstatt eines 85-jährigen Komponisten, dessen schöpferische Quellen noch längst nicht versiegt sind. (Kairos 0013152)

„Night Studies“ nennt Marino Formenti seine pianistischen Meditationen, die er für die Filminstallation „Expressive Rhythm“ des Filmautors Florian Pumhösl schrieb. Ausgangspunkt des gemeinsamen Projekts im Museum Moderner Kunst in Wien waren Bilder des Fotografen Alexander Rodchenko und von Jackson Pollock mit hohem Abstraktionsgrad. Das Material für seine sparsamen Klänge holte sich Formenti unter anderem von der Concord Sonata von Charles Ives. Mit ihren leisen, in die Stille hineingestreuten Tontupfern ist die Musik extrem störanfällig.
Wer sie nicht in absoluter Stille hört, ist auf verlorenem Posten. (col legno WWE 1CD 20299)

Das pure Gegenteil dazu sind die Improvisationen der Projektgruppe ­ÖNCZkekvist. Aus ihnen quillt das pralle Leben. Überschäumende Musizierlust und aufmerksames Aufeinanderhören stehen im Gleichgewicht, die mitreißenden Klangprozesse summieren sich zu einer Fragmentenfolge ohne einen einzigen Durchhänger. Der kuriose Name verweist auf die Herkunft der 32 jungen Musikerinnen und Musiker: Österreich, Norwegen, Tschechien. Im Sommer 2010 kamen sie in Tábor in Tschechien zusammen, um gemeinsam ihre instrumental/vokalen Improvisationen, teils auch mit Elektronik, zu entwickeln. Die Aufnahme entstand beim Abschlusskonzert im ORF-Studio in Wien. Ihr hohe Trennschärfe und Klangpräsenz lassen die kollektive musikalische Intelligenz des Improvisationsorchesters in hellem Licht erstrahlen. (CD und Download: http://oncz.org)

Unter den Händen von Martin Mallaun befreit sich die Zither aus ihrer österreichisch-bayerischen Stubenmusik-Existenz und wird zum klanglich unerhört vielseitigen, ausdrucksstarken Konzertinstrument. Von seinem Spiel auf der Alt- und Diskantzither ließen sich fünf Komponisten inspirieren. Leo­pold Hurts eigenwillige Hommage an Karl Valentin, die lebhafte Rhetorik Dieter Schnebels, Franz Hautzinger, der den magischen Qualitäten des Zitherklangs nachspürt, die mikrotonale Studie von Georg Friedrich Haas und der subtil-abgründige Witz im musikalischen Kartenspiel der Südtirolerin Manuela Kerer: In all diesen Stücken öffnet sich ein weiter Horizont neuer Klangerfahrungen. (Extraplatte EX-SP 032-2)

Im Zuge der Fünfzigerjahre-Archäologie ist eine Doppel-CD mit der sagenumwobenen Textkomposition „fa:m’ ahniesgwow“ von Hans G Helms erschienen, die seinerzeit in den Zirkeln der rheinischen Avantgarde für Gesprächsstoff sorgte. In einer synthetischen Fantasiesprache, die an Schwitters und Joyce, aber auch an Kagels ein Jahr zuvor entstandene „Anagrama“ anknüpft, wird in drei parallelen Gedankenströmen die Liebesgeschichte zwischen einem Juden und einer finnischen Nazitochter erzählt. Der polyphone Sprachfluss, in dem immer wieder überraschend konkrete Bedeutungssplitter aufblitzen, wird vom Sprachkunsttrio „Sprechbohrer“ detailgenau und farbig vorgetragen. In einem ziemlich steilen PR-Text in eigener Sache erklärt der Autor das Stück zum zeitlos aktuellen Mus­terexemplar einer politischen Ästhetik. (Wergo 6314 2)

Die Werke, die das Ensemble für Neue Musik Zürich unter dem Titel Women Composers vorlegt, sind in Herkunft und Machart bunt zusammengewürfelt. Im Wechsel mit zwei Solostücken erklingen Sextette von Katharina Rosenberger, Noriko Hisada und das farbenprächtige „OMEN. Thesauros“ von Carmen Maria Cârneci.

Überzeugender als die rhythmisch oft wackeligen und dynamisch gleichförmig dirigierten Ensemblewerke geraten die Solonummern: die agile „Kleine Konzertstudie“ von Ada Gentile für Klavier und das klangsinnliche, schön deklamierte Klarinettensolo „Sonorous Body“ von Liza Lim. (hat[now]ART 182)  ¢

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