Kunst ist ein Stück Freiheit

Gerhart Baum erhält den Kulturgroschen 2019 des Deutschen Kulturrats – ein Gespräch


(nmz) -
Seit der Schulzeit mit dem Tegernseer Lehrer Grote spielten Kunst und Kultur eine wichtige Rolle im Leben des Anwalts und Politikers Gerhart Baum. Regelmäßig besuchte er als Student die WDRReihe „Musik der Zeit“ in Köln. Hier wurde der Grundstein zu seiner Neigung zur Gegenwartsmusik gelegt, die von seiner Ehefrau Renate Liesmann-Baum, einer Musikerin und Musikkuratorin seit 30 Jahren nachhaltig gefördert wurde. Seine Affinität zu den Künsten verband er von früh an mit kulturpolitischer Verantwortung.
Ein Artikel von Andreas Kolb

Das machte er in den 70er-Jahren als Kölner Stadtrat, später im Bundestag und bis heute als Vorsitzender des NRW-Kulturrats oder auch als WDR-Rundfunkrat. Gerhart Baum (FDP) war von 1972 bis 1994 Mitglied des Deutschen Bundestages und gehörte von 1972 bis 1982 – erst als parlamentarischer Staatssekretär und ab 1978 als Bundesinnenminister – der sozialliberalen Regierung erst unter Brandt, dann unter Schmidt an. Bis 1998 war die Kultur als Ressort im Bundesinnenministerium angesiedelt.  Es gab also eine Kulturpolitik schon der Ernennung eines Kulturstaatsministers. Seit 1994 engagiert Baum sich in der internationalen Menschenrechtspolitik und ist seitdem auch wieder als Anwalt tätig. Heute ist er Vorsitzender des Kulturrates NRW. Heute, am 10. Dezember 2019, verleiht ihm der Deutsche Kulturrat für seine Verdienste um Kultur und Kulturpolitik den „Kulturgroschen“. Die nmz traf den „Anwalt der Künste“ an einem seiner Lieblingsorte, in Donaueschingen, wo seit 98 Jahren die Musiktage stattfinden.

neue musikzeitung: Herr Baum, seit Jahren engagieren Sie sich für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Sie haben sich für den Erhalt des SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (SO) eingesetzt, das schließlich doch mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR (RSO) fusioniert wurde. Das Eröffnungskonzert Donaueschinger Musiktage 2019, Simon Steen-Andersens para-dadaistische Provokation „Trio“ als Zusammenführung der drei großen SWR-Klangkörper Orchester, Chor und Big Band, wurde zum „Hit“ des diesjährigen Festivals der Gegenwartsmusik. War das nun ein Abgesang auf die goldenen Zeiten des Rundfunks als Kulturträger und Kunstproduzent? Oder doch eher eine Demonstration der Möglichkeiten eines starken Rundfunks?

Gerhart Baum: Ich fand es einmal außerordentlich witzig, dann kompositorisch gekonnt. Es war genauso wenig nur Rückblick oder gar Abgesang, sondern eine Erinnerung daran, wie mächtig und nachhaltig Musik wirkt. Und alles war ja mit einer neuen Komposition unterlegt.

nmz: In Steen-Andersens Filmschnipseln kam ein bezeichnendes Zitat vor: „Solche Projekte kann man nur stemmen mit der Kraft einer großen Rundfunkanstalt.“ Gibt es diese Kraft auch noch in Zukunft?

Baum: Ja, diese Kraft muss es geben. Die Neue Musik lebt sehr stark von der Förderung durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Daraus bezieht er auch eine seiner Existenzberechtigungen. Das macht sonst niemand. Dafür haben wir die Rundfunkgebühren, die sich ja aus einem Rundfunkauftrag ableiten, der ist auch ein Kulturauftrag. Ich bin im Rundfunkrat des WDR. Dort achten wir sehr darauf, dass diese Arbeit weitergeht. Wir konnten nicht verhindern, dass das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg abgeschafft wurde, aber es tut sich auch was mit dem neuen SWR Orchester. Donaueschingen lebt. Und die Neue Musik lebt. Es wird weltweit komponiert und aufgeführt.

nmz: Das SWR Sinfonieorchester wurde zwar abgeschafft, 1996 konnten Sie aber – zusammen mit Kulturstaatsminister Neumann und anderen – verhindern, dass die Musiktage durch den damaligen Intendanten Peter Voss abgeschafft wurden?

Baum: Voss wollte die Musiktage zu einer Biennale verkürzen und hat den provozierenden Satz geprägt: „Wenn die Welt Donaueschingen braucht, dann soll die Welt Donaueschingen bezahlen.“ Es konnte dann aber doch eine dauerhafte Finanzierung durchgesetzt werden, auch mit Unterstützung des Bundes.

nmz: Was sagen Sie zum Festival-Jahrgang 2019?

Baum: Die Jahrgänge sind unterschiedlich. Bei 20 Uraufführungen gehört das Scheitern unausweichlich dazu. Auch Stücke, die man nie wieder hört, sind wichtig. 2019 war ein sehr guter Jahrgang!

nmz: Von 1972 an als Parlamentarischer Staatsekretär, von 1978 bis 1982 als FDP-Bundesinnenminister waren Sie auch für Kultur zuständig?

Baum: Ich fühle mich vor allem verantwortlich für die Rahmenbedingungen von Kunst und Kultur, also für die Kulturpolitik. Es geht immer wieder darum, der Kunst Freiräume zu sichern und zu erkämpfen. Das habe ich gemacht seinerzeit als Stadtrat in Köln, als Minister und Kulturminister, danach im Bundestag, und das mache ich heute noch als Vorsitzender des NRW Kulturrats.

nmz: Im Dezember erhalten Sie den Kulturgroschen des Deutschen Kulturrates. Was bedeutet das für Sie?

Baum: Mein Verhältnis zur Kunst ist auch geprägt durch mein Freiheitsbewusstsein. Kunst ist ein Stück Freiheit. Demokratie ist ohne Kunst nicht vorstellbar, und Kunst braucht Demokratie. Heute ist die Kunstfreiheit in unserer Gesellschaft durch einen „Kulturkampf von rechts“ bedroht. In Parlamenten auf allen Ebenen wird Einschüchterung versucht und werden Mittelkürzungen propagiert. Die Kunst soll einer völkischen Ideologie folgen. Das Neue, das Ungewohnte wird verächtlich gemacht. Latente Kunstfeindlichkeit wird im Netz aktiviert, nach dem Motto, jetzt kann man es ja endlich offen sagen, dass der Beuys im Grunde kein Künstler war und was soll ein elitäres Festival wie Donaueschingen? Die Hemmschwelle ist niedriger geworden, unliebsame Kunst wieder als „entartet“ zu verunglimpfen. Obwohl Kulturschaffende vielerorts kämpferischen Widerstand leisten, müssen wir uns vor schleichender Anpassung hüten. Es darf kein Risiko sein, das Selbstverständliche zu tun. Zurück zu Ihrer Frage: Den Kulturgroschen nehme ich als Bestätigung meiner jahrzehntelangen Arbeit für die Kultur und als Ermutigung, trotz meines hohen Alters weiterzumachen.

nmz: Die Digitalisierung der Kunst, insbesondere auch der Musik hat längst begonnen. Sie haben sich immer stark für digitale Grundrechte eingesetzt. Wie frei ist das Internet, wie frei die Kunst?

Baum: Musik ist die freieste der Küns­te, weil sie am wenigsten an einen Markt gebunden ist. Obszöne Preissteigerungen wie bei der Bildenden Kunst finden hier nicht statt. Digitalisierung und Globalisierung verändern unser Leben, mehr als alles andere vorher. Eine in alle Lebensbereiche hineinwirkende Veränderung, die positive und negative Wirkung hat. Nachtseiten der Veränderungen sind zum Beispiel Angriffe auf die Menschenwürde, die Manipulierung unserer demokratischen Gesellschaften. Nachtseite ist auch, dass das Netz ein Radikalisierungsinstrument, ein Erhitzer, eine Hassmaschine sein kann.

Was die Musik angeht: Das Aneignen digitaler Techniken durch junge Komponisten ist heute normal. Ich bin gespannt, was sich künstlerisch daraus entwickelt. Die Technik ist ein Medium. Aber was macht der Künstler daraus – das ist entscheidend. Musik ist durch das Internet nochmals grenz­überschreitender geworden – eine Sprache, die man weltweit versteht, auch in Diktaturen. Und sie kann vielen Menschen den Schrecken vor der Globalisierung nehmen. Kunst und Kultur stehen für Weltoffenheit, auf besondere Weise die Sprache der Musik.

nmz: Warum kommen Sie eigentlich seit nunmehr 28 Jahren so gern zu den Donaueschinger Musiktagen?

Baum: Warum bin ich hier? Es ist jedes Jahr dasselbe: Bei den ersten Tönen umfängt mich die Musik und erfährt meine konzentrierte Aufmerksamkeit. Gerade auf die neue Musik bin ich neugierig. Ich möchte erfahren, wie heute lebende Komponisten arbeiten und erleben, wie neue Werke aufgeführt werden. Die Donaueschinger Musiktage sind ein Festival des SWR. Ich sehe eine große Verantwortung beim Sender und der gesamten ARD in der Kulturvermittlung, der meines Erachtens aber nicht ausreichend nachgekommen wird. In der Tagesschau wird zum Beispiel über Goldmedaillen Gewinner berichtet, aber nicht über Sieger des ARD Musikwettbewerbs. Ganz generell: Die Kultur wird im öffentlichen Diskurs vernachlässigt. Und das ist nicht gut. Wann spricht schon mal ein Politiker von der Notwendigkeit „kultureller Bildung“?

Das Gespräch führte Andreas Kolb

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