Lehrstück über die Schwierigkeiten beim Erlernen eines Streichinstrumentes

Ein harmonisches Körpergefühl entwickeln und die Geige zum eigenen Körperteil werden lassen


(nmz) -
Ein Kammerkonzert der besonderen Art präsentierte die Streicherakademie Hannover (SAH) zur Unterstützung des Stadtpark e.V. Hannover im Januar 2017 im Gartensaal der Waldorfschule Hannover. Ein Lehrstück über die Schwierigkeiten beim Erlernen eines Streichinstrumentes sowie über die Komplexität und Herausforderung beim Zusammenspiel in der solistisch besetzten Kammermusik. Marie-Luise Jauch, Leiterin und Gründerin der Streicherakademie, führte in einer kurzweiligen und spannenden Modera- tion die etwa 200 kleinen und großen Zuhörer im Saal mit spürbarer Freude am Musizieren und Unterrichten durch den Abend.
Ein Artikel von Dr. Jens Hübner, Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm Korff

Das jüngste Quartett (Elisa Donaire, Smilla Ritscher, Sophie Blejan, Lisa Quindel, acht- bis zehnjährig) präsentierten anspruchsvolle Stücke vom Calypso über Werke von Sheila Nelson bis hin zu einem zeitgenössischen Stück von Istvan Szelenyi, abwechselnd auf einem Balancierkreisel stehend – ein Hilfsmittel, das die Schüler dabei unterstützt, ein harmonisches Körpergefühl zu entwickeln, und die Geige zu einem eigenen Körperteil werden lässt. Das Publikum sah und hörte, wie anmutig die Töne schon der Jüngsten tanzten.

Wie wichtig das beständige „aufeinander Hören“ im Zusammenspiel ist, zeigte das folgende Violinquartett (Maya Kuban, Jarla Matthies, Fabian Hübner, Antonia Blejan, zehn- und elfjährig). Der physikalischen Erklärung, die die Schwierigkeit der Intonation beim Zusammenspiel erläuterte, folgte in eindrucksvoller Weise eine hörbare Demonstration, so wurde jedem im Publikum das pythagoräische Komma spielend leicht offenbar. Mit einem vierstimmigen Satz von Georg Philipp Telemann warfen die Vier sich souverän die (Klang)-Bälle hin und her. Die Vielfältigkeit der Geige an Tonumfang und Klangfarbe präsentierten sie technisch und musikalisch virtuos mit Charles Danclas Variationen zu „Ah! Vous dirais-je, Maman“.

Das pädagogische Konzept der Streicherakademie Hannover umfasst kein Generalrezept, sondern es werden immer wieder aufs Neue individuelle Hilfestellungen erarbeitet, so wird jeder Schüler nach seinen Möglichkeiten unterstützt und gefördert. Dies war zu hören beim dritten, diesmal klassischen, Streichquartett (Pauline Henningsen, Zeliha-Bahire Caliskan, Hanna Wiontzek und am Cello Elisa Aylon, kurzfristig eingesprungene Lehrerin der SAH). 

Sie spielten ein Divertimento von Mozart (KV 138). Ein Erlebnis, Mozart gespielt von 13-jährigen Musikerinnen, leichtfüßig, neckend, ohne die Tiefe zu verlieren. Kontrastiert wurde das klassische Stück von zwei Tangos von Mariano Mores und Enrique Francini, die in ihrer musikalischen Intensität und Ausdrucksstärke nichts nachstanden.

Wohin der musikalische Weg gehen kann, zeigte zum Schluss das vierte semiprofessionelle Streichquartett (Maiken Jauch, Katharina Seth – 15 Jahre, Johanna Sinn, Elysa Aylon). Dieses Quartett, welches den Abend mit Astor Piazzollas „Libertango“ eröffnet hatte, beeindruckte mit einem Stück von Percy Grainger und einem Tango von Carlos Gardel – ein Stück Südamerika flog nach Hannover. Was hoher Anspruch zusammen mit einer intensiven Schüler-Lehrer-Arbeit leisten kann, ist im Laufe des Abends hör- und sichtbar geworden. Fast alle Schüler werden seit ihrer ersten Geigenstunde in der Streicherakademie unterrichtet und sind regelmäßig erfolgreiche Teilnehmer am Wettbewerb „Jugend musiziert“. Gemeinsam beschlossen sie den Abend mit einer Zugabe (Drittes Brandenburgisches Konzert, 1. Satz). Bravo! 

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