Leidenschaft für guten Musikunterricht

Ein Interview zum 200. Geburtstag der Städtischen Musikschule Aschaffenburg


(nmz) -
Der fortschrittlich denkende Kurfürst und Erzbischof Carl von Dalberg ist es gewesen, der im Jahre 1810 die Musikschule in Aschaffenburg gegründet hat und die Grundzüge der heutigen Musikschule definierte: Die Musikschule ist eine Einrichtung für die Bürger der Stadt, die Besoldung des Lehrpersonals ist festgelegt und Kinder dürfen nicht aus finanziellen Gründen vom Unterricht ausgeschlossen werden. Die-se 200 Jahre alten Wesensmerkmale sind längstens in die Tat umgesetzt. Die Städtische Musikschule hat heute ihren festen Platz im kommunalen Bildungsangebot. Sie ist eine öffentliche Einrichtung der Stadt, die über beste fachliche und organisatorische Strukturen verfügt, festangestelltes Lehrpersonal hat und optimale räumliche Unterrichtsbedingungen in einem eigenen Musikschulgebäude bietet. Beim Bildungskongress des Verbandes deutscher Musikschulen im April bekräftigte Klaus Herzog, Oberbürgermeister der Stadt Aschaffenburg, dass er die Musikschule als „freiwillige Pflichtaufgabe“ begreife, die auch in Zeiten von Einsparungen nicht angetastet werden dürfe und versprach, einen Teil der Straßen zugunsten des Musikschuletats erst später zu reparieren: „Wir werden nicht in Steine investieren, sondern in die Köpfe und Herzen unserer Mitbürger.“ Die Stadt unterhält die Musikschule mit einem Finanzaufwand von jährlich gut einer Million Euro und schafft damit ideale Bedingungen für die musikalische Kinder- und Jugendbildung. Im aktuellen Schuljahr werden mehr als 1.600 Schüler von 58 hauptamtlichen Lehrkräften vom spielerischen Einstieg im Kleinkindalter bis hin zur Vorbereitung auf ein Musikstudium in einem differenzierten und klar strukturierten Fächerkanon unterrichtet. Burkard Fleckenstein, Kulturamtsleiter und Leiter der Städtischen Musikschule Aschaffenburg, ist gemeinsam mit dem geschäftsführenden Musikschulleiter Stefan Claas verantwortlich für das umfangreiche Veranstaltungsprogramm im Jubiläumsjahr.
Ein Artikel von Susanne Lehnfeld

VBSM: 200 Jahre Musikschule – das ist bundesweit einzigartig. Welche Erfolgsfaktoren beförderten die Musikschule in Aschaffenburg trotz gesellschaftspolitischer Veränderungen in den letzten zwei Jahrhunderten zum heutigen festen Platz im städtischen Bildungsangebot?

Burkard Fleckenstein: Eine Musikschule muss sich im Leben der Stadt widerspiegeln. Dass die Aschaffenburger Musikschule das geschafft hat, sehen wir an ihrer 200-jährigen Geschichte. Die Musikschule ist immer ihrer eigentlichen Aufgabe, Kinder musikalisch zu erziehen, nachgegangen und hat gleichzeitig über Veranstaltungen und Konzerte das musikalische Leben der Stadt befruchtet. Ohne ihre Erfolge hätte sich die Musikschule überflüssig gemacht.

VBSM: … besonders in schwierigen Zeiten?

Fleckenstein: Nach dem Ersten Weltkrieg in Zeiten der Weltwirtschaftskrise, als die Musikschule mehrfach vor der Schließung stand, weil die Finanzierung kaum noch leistbar war, waren es Stadträte und Bürgermeister, die für den weiteren Bestand der Musikschule kämpften. Wesentlichen Einfluss auf die Musikschule ausgeübt haben auch immer wieder die ehemaligen Schüler, die sich gerne an ihre Zeit in der Musikschule erinnerten und als Erwachsene positiv über die Musikschule gesprochen haben. Auf diese Art und Weise ist Kontinuität entstanden, die die Musikschule über die 200 Jahre getragen hat.

VBSM: Das Zusammenwirken von musikalischer und politischer Arbeit spielt demnach eine wichtige Rolle für den Erfolg?

Fleckenstein: Beides bedingt sich, denn ein Politiker will sehen, dass die Investitionen in die musikalische Bildung sinnvoll eingesetzt sind und dass sie in irgendeiner Art spürbar werden. Heute haben wir im städtischen Kulturprogramm beispielsweise Sinfoniekonzerte, in denen jedes Mal gut hundert Schülerinnen und Schüler der Musikschule sitzen. Das ist eine konkrete Auswirkung der Musikschularbeit: Die jungen Leute gehen nicht nur einmal in der Woche ihrem Instrumentalunterricht nach, sondern sie nehmen auch das städtische Kulturangebot wahr. Solche Auswirkungen geben der Musikschule den Rückhalt, weil sie zeigen, dass die Investition auf fruchtbaren Boden fällt.

VBSM: Auf fruchtbaren Boden fällt die Aschaffenburger Musikschularbeit in diesem Jubiläumsjahr in besonderem Maße. „200 Jahre – 100 Konzerte“ ist der Titel einer Veranstaltungsreihe. Was sind die Highlights?

Stefan Claas: Mit der Konzertreihe „200 Jahre – 100 Konzerte“ zeigen wir der Öffentlichkeit, was die kommunale Bildungseinrichtung Musikschule tagtäglich leistet. Schließlich veranstalten unsere knapp 60 Lehrkräfte jedes Jahr allein 120 Schülerkonzerte. Dazu kommen größere Konzerte wie Förderklassen oder Adventskonzerte – eine beeindruckende Leistung, die wir in diesem Jahr besonders in den Fokus öffentlicher Aufmerksamkeit stellen. Außerdem gibt es Konzerte mit musikalischen Inhalten, die unmittelbar mit dem Jubiläum und unserer Musikschule in Verbindung stehen. Im „Halbzeitkonzert“ sind Werke aus den Jahren um 1910 zu hören und in der Aufführung der Auftragskomposition „Die Suche nach der verlorenen Melodie“ (Thomas Gabriel) werden alle wichtigen Klangkörper mit rund 300 Schülern aus unseren Fachbereichen auf der Bühne zu bestaunen sein. Zum Abschluss wird das „Weihnachtsoratorium“ von Johann Sebastian Bach mit einem Schüler- und Elternchor erklingen – eine Veranstaltung der gesamten Musikschulfamilie, an der Lehrkräfte, Schüler und Eltern beteiligt sind.

VBSM: Ist es vielleicht genau diese Strahlkraft der großen Musikschulfamilie, die Ihre Musikschule besonders macht?

Fleckenstein: Das Erfolgsrezept ist zunächst einmal, dass unsere Lehrkräfte hervorragende musikpädagogische Arbeit leisten. Dann aber müssen die Ergebnisse dieser Arbeit nach außen getragen und Kontakte hergestellt werden – zur interessierten Öffentlichkeit, zu den Kindergärten, den Schulen und Musikvereinen. Die Musikschule ist eine Dienstleistungseinrichtung, die allen musikalisch engagierten Einrichtungen zuarbeitet. Musikschule als Selbstzweck ist der falsche Weg. Musikschule muss sich öffnen und gleichzeitig darauf achten, dass unter den vielen Aktivitäten die Kernaufgabe nicht verlorengeht, nämlich, den Kindern und Jugendlichen das musikalische Rüstzeug mitzugeben, das sie später einmal dazu befähigt, eigenständig mit Musik umzugehen.

VBSM: Zu den vielen Aktivitäten gehört in Aschaffenburg die Kooperationsarbeit mit Kindergärten und Grundschulen. Das Thema Kooperation ist für die Musikschulen ebenso selbstverständlich wie fraglich, weil vieles ungeklärt ist. In Aschaffenburg unterhalten Sie zum Beispiel mehrere Singklassen in einer Grundschule und erreichen damit über 70 Kinder. Was ist Ihnen bei der Abstimmung mit dem Kooperationspartner wichtig?

Claas: Wir achten darauf, dass wir nur mit Unterrichtskonzepten arbeiten, die auf Nachhaltigkeit angelegt sind. „Kein Abschluss ohne Anschluss“ bedeutet für uns, dass wir keine Kooperation eingehen, ohne vorab geklärt zu haben, welche Möglichkeiten zum Singen und Musizieren für die Schüler langfristig sichergestellt werden können. Aus der Singklassen-Kooperation ist nach zwei Jahren bereits ein eigener Chor mit 30 Kindern hervorgegangen, die unbedingt weiter singen wollten. Dieser Kinderchor wächst nun Jahr für Jahr durch die Singklassen-Arbeit „von unten“ her weiter. In wenigen Jahren dürfte dann der erste Jugendchor entstehen. Das bedeutet für uns Nachhaltigkeit.

Fleckenstein: Wenn wir die Kooperationsarbeit, zum Beispiel das Unterrichtsmodell der Singklassen, über die ganze Stadt ausbreiten sollten, dann hätten wir derzeit nur teilweise das Lehrpersonal dazu. Es gibt ganz klar Weiterbildungsbedarf für den Einsatz in Großgruppen. Außerdem sind unsere Kooperationsmaßnahmen Pilotprojekte, deren Finanzierung nicht gesichert ist. Ich würde mir wünschen, dass der Staat zumindest eine Sockelfinanzierung für derartige Angebote übernehmen würde. Dann wären auch die Kommunen eher bereit, verstärkt Kooperationen einzurichten.

VBSM: Während wir uns beim institutionsübergreifenden Musikunterricht in einer fachlichen Entwicklungszeit befinden, gibt es für den Unterricht in der Musikschule feste, lang erprobte Lehrpläne. Daraus allein wird noch kein guter Musikschulunterricht. Wann wird er wirklich gut?

Claas: Guter Unterricht hat einen Leistungsanspruch und ist zielgerichtet. Wir müssen den Kindern das Gefühl vermitteln, dass sie einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen und dass sie in der Musikschule etwas tun, was sie über ihr gesamtes Leben begleiten kann.

Fleckenstein: Der eigene musikalische Erfahrungshorizont ist von zentraler Bedeutung für die Unterrichtsqualität: Je tiefer ein Lehrer in die musikalische Betätigung in seiner Studienzeit und später eingetaucht ist, desto besser kann er die selbst erlebten Erfahrungen weitergeben. Der zentrale Punkt ist, dass der Funke überspringt. Der Schüler muss sehen, dass sein Lehrer leidenschaftlich engagiert und begeistert ist. Die Kinder gehen nicht in die Musikschule, um gute Noten zu bekommen, sondern sie kommen freiwillig. Sie dauerhaft für Musik und musikalische Betätigung zu begeistern, ist die anspruchsvolle Aufgabe des Lehrers – dafür muss er immer wieder aufs Neue „brennen“.

VBSM: Welche Perspektiven hat die Aschaffenburger Musikschule für die nächsten Jahre?

Claas: Der Musikschule in Aschaffenburg geht es außerordentlich gut. Das betrifft die Räumlichkeiten und Schülerzahlen, das motivierte Kollegium, die funktionierenden Kooperationen und reicht bis zur Einbindung der Musikschule in sämtliche kulturelle Angebote der Stadt. Natürlich haben auch wir noch unerfüllte Wünsche, aber in Anbetracht der allgemeinen kommunalen Finanzsituation würden wir in zehn Jahren gerne noch dort sein, wo wir jetzt stehen.

Aschaffenburger Termine

• Unterfränkisches Musikschulfestival zu Gast in Aschaffenburg/19. Juni
• Großes Musikschulfest mit der Uraufführung „Die Suche nach der verlorenen Melodie“ (Kom-ponist Thomas Gabriel)/4. Juli
• Mitternachtsshopping – Bes(ch)wingtes Einkaufserlebnis im Rahmen der Kulturtage/17. Juli
• „Die Ballade von Norbert Nackendick“ von Wilfried Hiller im Stadttheater/9.–14. Oktober
• Bayerischer Musikschultag/ 14.–16. Oktober
• Fränkischer Harmonikatag –Akkordeonschüler aus ganz Franken/23. Oktober
• Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach – Adventskonzert/12. Dezember
• „200 Jahre – 100 Konzerte“, ganzjährige Veranstaltungsreihe

Alle Informationen unter www.musikschule-aschaffenburg.eu

Das könnte Sie auch interessieren: