Manchmal hat man als Frau auch einen Vorteil

Ein Interview mit der Komponistin Brigitta Muntendorf zum Thema Frauenquote im Kulturbereich


(nmz) -
Sind die Netzwerke in der Neuen Musik männlich? Und warum sind Quotenfrauen für Festivalmacher von Interesse? Um diese und ähnliche Fragen dreht sich das Gespräch zwischen nmz-Herausgeberin Barbara Haack und der Komponistin Brigitta Muntendorf. Mehr zum Thema Frau und Musikbetrieb auf den Seiten 3, 4, 17, 18 und 19.
Ein Artikel von Barbara Haack, Brigitta Muntendorf

neue musikzeitung: Wie kamen Sie dazu, sich für die Profession Komponistin zu entscheiden?

Brigitta Muntendorf: Begonnen hat es damit, dass ich Klavier gelernt habe. Beim Klavierspielen habe ich von Anfang an viel improvisiert und komponiert. Als ich 17 war, hat der Kantor einer benachbarten Kirchengemeinde noch Musiker für ein experimentelles Musical mit Chor und Orchester gesucht. Ich ging aufs Geratewohl hin und fragte, ob ich mitschreiben darf. Der Kantor war sehr nett, er meinte einfach: Ok, machen wir! In diesem Zusammenhang lernte ich mit Notationsprogrammen umzugehen und habe dort erste Stücke geschrieben, die auch aufgeführt wurden. Das war der Startschuss. Nach dem Abitur habe ich zunächst Medizin studiert, weil ich gar nicht wusste, wie ein Kompositionsstudium funktioniert.

nmz: Gab es in Ihrer Familie musikalisch berufliche Vorbilder?

Muntendorf: Nein. Es gab ein Klavier, und einige aus der Familie haben Klavier gespielt. Ich komme aus einer Großfamilie, da war für Kunst im Alltag gar kein Platz. Somit habe ich erst einmal zwei Semester Medizin in Hamburg studiert. Zeitgleich nahm ich privaten Kompositionsunterricht. Ich habe mich auf die Aufnahmeprüfung vorbereitet und mich ganz gezielt auch in Bremen bei Younghi Pagh-Paan beworben, weil sie damals die einzige Komponistin an der Hochschule war. Ich bin genommen worden. Da war das Thema Berufswahl dann besiegelt.

nmz: Weshalb war es für Sie wichtig, bei einer Komponistin zu lernen?

Muntendorf: Für mich war diese ganze Welt und die Neue Musik etwas völlig Unbekanntes. Und darüber hinaus habe ich mich in ein von Männern dominiertes Fachgebiet begeben, noch eine Unbekannte. Ich habe gedacht, wenn es eine Frau ist, teilt man doch etwas Gemeinsames: ein Stück Vertrautheit …

nmz: Wie ist das – noch bevor Sie nach Bremen kamen – aufgenommen worden, dass eine junge Frau komponiert? Hatten Sie das Gefühl, dass Ihr Umfeld das selten oder ungewöhnlich fand?

Muntendorf: Ich hatte nicht den Eindruck, dass es einen großen Unterschied macht.

nmz: Komponistinnen als Vorbilder haben Sie vor Bremen nicht gehabt?

Muntendorf: Nein. Das hat mir sehr gefehlt. Jemand, der sagt: „Ich bin eine Frau, habe Kinder und kann trotzdem Karriere machen. Ich zeige euch, dass es diesen Weg gibt.“ Das ist etwas, das in Deutschland einfach zu wenig präsent ist. Damals gab es wirklich nur Younghi Pagh-Paan als Professorin. Inzwischen sind es schon mehr Komponistinnen geworden.

nmz: Glauben Sie, dass die mangelnden Vorbilder auch ein Grund dafür sind, dass es im Bereich Komposition so wenige Frauen gibt?

Muntendorf: Ich glaube, dass es eine exponentielle Entwicklung geben wird, wenn mehr Frauen in diese Berufe gehen und das lehren und auch in der Öffentlichkeit als Künstlerinnen mehr in Erscheinung treten. Je selbstverständlicher das sein wird, desto stärker kann eine Identifikation junger Frauen stattfinden.

nmz: Während Ihres Studiums hatten Sie wahrscheinlich eher männliche Kommilitonen?

Muntendorf: Ja, überwiegend.

nmz: Haben Sie das als Nachteil empfunden? Oder war das gar kein Thema?

Muntendorf: Für mich war das nie ein Thema. Denn es sind auch alle gleich behandelt worden.

nmz: Auch nicht bei den Lehrenden oder insgesamt in der Hochschule?

Muntendorf: Nein. Ich habe bei Krzysztof Meyer studiert, bei Johannes Schöllhorn, auch bei Rebecca Saunders. Und in Bremen bei Younghi Pagh-Paan und Günter Steinke. Da habe ich nie das Gefühl gehabt, es wird unterschieden zwischen Student und Studentin.

nmz: Wie war das nach dem Studium im beruflichen Umfeld? Hatten Sie da das Gefühl, dass Sie es schwerer haben, sich durchzusetzen? Oder vielleicht sogar leichter?

Muntendorf: Natürlich eröffnet es teilweise mehr Chancen eine Frau zu sein. Bei Wettbewerben oder bei Stellenausschreibungen ist es des Öfteren so, dass bei gleicher Qualifikation Frauen bevorzugt werden Das kann aber auch in manchen Fällen frustrierend sein – zum Beispiel wurde ich für eine Komposition explizit als Quotenfrau angefragt, weil der Auftrag nur an eine Frau vergeben werden durfte. Das habe ich dann abgelehnt.

nmz: Hatten Sie schon einmal das Gefühl, dass Ihr Geschlecht für Sie auch von Vorteil sein könnte?

Muntendorf: Ich glaube schon, aber es ist leider auch oft schwer zu beurteilen. Wenn ich mal wieder als einzige Frau in einer Podiumsdiskussion sitze, weiß ich, dass ich oftmals auch als Frau und nicht nur als Komponistin dort bin – aber dann ist eben auch meine Aufgabe, dies als Selbstverständlichkeit zu etablieren. Tendenziell hat man als Frau schon eher einen Vorteil. Es kommt vor, dass es auf ein Programm mit fast ausschließlich männlichen Komponisten, wie in Donaueschingen 2014, einen Widerhall gibt. Etwa durch einen Blog-Artikel: „Hey, Moment mal! Wo sind denn die Frauen?“ Die meisten Festivalveranstalter haben ein Augenmerk darauf, dass Frauen engagiert werden.

nmz: Sie haben gesagt: „Ich will keine Quotenfrau sein!“ Gibt es nicht auch eine Stimme in Ihnen, die sagt: Eine Förderung ist sinnvoll, damit es einfach mehr Frauen gibt?

Muntendorf: Das muss so lange gemacht werden, bis man sagen kann: In den Kompositionsklassen Deutschlands ist das Verhältnis 50 zu 50. Bis dahin würde ich das auf jeden Fall befürworten.

nmz: Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass man als Frau anders honoriert wird?

Muntendorf: Die Erfahrung habe ich bisher noch nicht gemacht. Es ist allerdings so: Wir bewegen uns in einer Freien Szene, wo es oft auch darum geht, dass man um sein Honorar verhandelt. Ich kann nicht sagen, wie andere Frauen damit umgehen und ob Männer wesentlich ehrgeiziger und zielstrebiger sind, wenn es um Gehaltsverhandlungen geht. Ich habe mir eine Managerin gesucht, die das für mich macht, weil das etwas ist, was ich nicht so gut kann. Ich kann meinen eigenen Wert empfinden, aber nicht in Geld umsetzen.

nmz: Es könnte schon sein, dass das eher „weiblich“ ist.

Muntendorf: Ich habe mir schon Gedanken darüber gemacht. Wenn ich meine Kollegen sehe, weiß ich: Die sind da ein bisschen tougher. Aber dann denke ich: Ok, wenn ich diese Fähigkeit nicht so habe, dann lagere ich das eben aus.

nmz: Zurück zum Bild der Komponistin oder des Komponisten. Ich habe auf Ihrer Webseite ein Zitat aus der „Emma“ gefunden, wo es sinngemäß heißt: Einen weiblichen Mozart, Beethoven oder Bach gibt es nicht. Das Genie sei eben doch eine männliche Sache. Glauben Sie wirklich, dass das heute noch eine Meinung ist, die im Musikbereich eine Rolle spielt?

Muntendorf: Das kann ich ganz schwer beantworten. Ich muss sagen, ich habe dieses Bild für mich schon im Kopf gehabt, als ich angefangen habe zu studieren. Für mich war ganz wichtig, dass ich mir die ganzen Skills aneigne, dass ich das Handwerk total beherrsche. Dass mir niemand vorwerfen kann, ich könne etwa nicht instrumentieren. Dieses Gefühl, als Frau vielleicht ein bisschen mehr leisten zu müssen, ist tatsächlich bei vielen vorhanden.

nmz: Ist es nur personen- oder auch geschlechtsabhängig, wie Menschen komponieren?

Muntendorf: Ich glaube daran, dass es grundsätzlich einen Unterschied zwischen Mann und Frau gibt. Sowohl in der Wahrnehmung der Welt, wie auch in der Art und Weise mit den Dingen umzugehen. Neben diesem grundsätzlichen Unterschied kommt natürlich der eigene Charakter hinzu. Deswegen ist es auch schwer, da zwei Kategorien aufzumachen. Tendenziell läuft der Prozess der Entwicklung einer künstlerischen Idee bei Frauen ähnlich ab wie bei Männern auch: „Was mache ich in diesem Stück, worum geht es? Was ist der Punkt, was ist mein Ziel, was ist der Kern des Ganzen?“ Aber an dem Punkt, wo man Entscheidungen trifft, da mache ich häufiger die Erfahrung, dass bei Männern ein stärkerer Pragmatismus da ist. Was aber nicht wertend im Hinblick auf das Endergebnis gemeint ist.

nmz: Empfinden Sie die Tatsache, dass Frauen oft diejenigen sind, die mehr Aufgaben übernehmen hinsichtlich der Kindererziehung, als Nachteil für Frauen in kreativen Berufen?

Muntendorf: Viele Komponistinnen mit Kindern haben mir gesagt, Kinder wären für sie eine Erdung, dieses Element, das einen bei der ganzen geistigen Arbeit am Boden hält. Nichtsdestotrotz ist das ein zeitlicher Faktor, der einen einfach auch daran hindert, Aufträge anzunehmen oder extrem „volle Kraft voraus“ dabei zu sein. Das erfordert einen wesentlich höheren Aufwand, als Männer ihn bringen müssen, die diese Aufgabe eben nicht haben.

nmz: Würden Sie sagen, dass Komponistinnen bei Verlagen einen schwereren Stand haben als Männer?

Muntendorf: Verlag interessiert mich irgendwie überhaupt nicht. Da geht es mir wie vielen jüngeren Komponisten auch.

nmz: War eine Inverlagnahme für Sie nie ein Thema?

Muntendorf: Ich will einfach, dass meine Stücke für jeden frei verfügbar sind. Niemand muss dafür zahlen, um diese Stücke zu spielen. Einen Verlag brauche ich auch deshalb nicht, weil ich die Edition sowieso selbst besorge.

nmz: Das Thema „Netzwerken“ spielt in der Karriereplanung sicher eine Rolle? Sehen Sie da einen geschlechtsspezifischen Unterschied?

Muntendorf: Ja, ich frage mich schon: Funktioniert das Netzwerken bei Männern im Bereich der Neuen Musik grundsätzlich besser? Dieses Sich-Zusammenschließen und auch wieder Für-sich-Sorgen: „Ich nehme von dir ein Stück und dann machst du eines von mir. Dann gebe ich dir einen Auftrag und du spielst dann mit meinem Ensemble dieses Stück … Und so weiter.“ Das nenne ich Wirtschaftsgemeinschaften. Da habe ich oft das Gefühl, das funktioniert mit Männern sehr gut, und da ist auch viel darauf ausgerichtet. Das ist etwas ganz Natürliches. Weil man es einfach so macht. Bei Frauen sehe ich solche Netzwerke überhaupt nicht, und ich muss auch sagen, dass ich da selbst oft scheitere. Dass es schwer ist, etwas mit Frauen aufzubauen.

nmz: Haben Sie das schon versucht?

Muntendorf: Ja, schon. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass es unter den Komponistinnen wenig Kooperation und Netzwerk-Gedanken gibt. Es gibt natürlich Austausch, aber sich im Sinne von Wirtschaftsgemeinschaften zusammenzuschließen ist eher die Ausnahme. Das ist schade, denn Netzwerke wären eine ganz spannende Alternative zu Veranstaltern und ihren Festivals, die sich auch immer mehr als Kuratoren verstehen. Es gibt eben quantitativ zu wenige Komponistinnen, was Kooperationen angeht. Ich könnte zehn Komponisten in meiner Generation nennen, die ich spannend finde, Komponistinnen vielleicht zwei.

nmz: Haben Sie eine Idee, woran das liegt?

Muntendorf: Das versuche ich gerade herauszufinden. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass man meint, sich als Frau selber erst etwas beweisen zu müssen und dabei ein Konkurrenzdenken natürlich eher aufkommt als ein Miteinander. Das würde ja bedeuten, dass Frauen immer noch das Gefühl haben, sie müssten ihren Wert verteidigen oder sich schützen. Ich erlebe irrwitzigerweise allerdings nicht, dass das von Männern gespiegelt wird. Mir wurde noch nie gesagt, „ein super Stück, und das noch als Frau!“. Das würde bedeuten, dass Frauen ein sozial-historisch geprägtes Bild von sich selbst in die Welt projizieren, und ich vermute, es ist genau so. 

Dossier: 
Frauen in der Musik

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