Metamorphosen jenseits der gängigen Pfade

Gestalteter Klavierabend der besonderen Art mit Christoph und Jutta Keller (Klavier und Rezitation)


(nmz) -
Musik für Klavier des vergangenen und des jetzigen Jahrhunderts erklang im Juni in einem sehr genau durchdachten und minutiös inszenierten Konzert in der stilvollen Aula des Alten Gymnasiums in Oldenburg.
Ein Artikel von Andreas Rudolf Schweiberer

Immer dann, wenn die Musik anhob und Jutta Keller noch aus dem Rudolf Steiner gewidmeten Gedichtzyklus „Genius Astri“ von Manfred Kyber rezitierte oder aber in die noch ausklingende Musik schon Gesprochenes eindrang, verwischten sich die Grenzen von Musik und Rezitation hin zu einem melodramatischen Moment von großer sinnlicher Eindringlichkeit. Kybers Gedichte, im Unglücksjahr 1918 geschrieben, verweisen uns in starken Bildern auf das Ineins geistiger, natürlicher und kosmologischer Prozesse. Es geht um eine geistige Weiterentwicklung des Menschen, die in einfacher, intensiver, fast religiöser Sprache veranschaulicht wird. Natürlich waren die einzelnen Strophen und Gedichte und ihre Bilderwelten so gruppiert, daß sie sich mit den musikalischen Klangwelten auf vielfältige, beziehungsreiche und produktive Weise berührten und zur freien Assoziation anregten, aber auch zur Vertiefung des jeweils Gehörten beitrugen.

Der programmatische Titel des Konzertes, „Metamorphosen“, durchzog alle Gedichte und auch alle zwölf Klavierkompositionen, versinnbildlichte sich aber am stärksten in Christoph Kellers gleichnamiger Komposition von 1992. Der erste der acht Sätze ist „Klang“ betitelt. Er enthält das Tonmaterial der sieben folgenden Sätze, das dann in jeweils anderer Gestalt ins Tänzerische, ins Groteske, ins Feierliche und so fort verwandelt übergeht. Wie beim Paradigma der Metamorphose, dem von Goethe angeschauten, durchdachten und beschriebenen Gestaltwandel der Pflanze, entwickelte sich hier aus einer verflüssigten Anlage, einer Potenzialität, die je eigene Realität eines neuen, gestalteten Ausdrucks. Es erklang eine durchkomponierte metamorphische Vielfalt der formal-konkreten Wechselwirkung des vorgegebenen Tonmaterials.

„Präludium, Inventio und Choral“ (1993), ebenfalls ein Werk von Christoph Keller, führt vor, wie eine strenge Form nach und nach durchbrochen wird, um einen Fortgang, eine Verwandlung, eben eine Metamorphose, zu ermöglichen. Der dritte Satz, der Choral, zitiert die Melodie des Auferstehungshymnus „Christ ist erstanden“, was uns formal wie sprachlich daran erinnert, dass die großen Basismomente des christlichen Glaubens ja auch von Metamorphosen sprechen. Ernest Blochs „Nirvana“ entzündet sich an den Vorstellungen einer anderen Religion. Thematisiert werden die Zustände der Bedürfnislosigkeit und des Nichts als eine Art kosmischer Frieden. Die Musik schreitet nur langsam fort und scheint sich dabei wie etwas Lebendiges, wie eine Pflanze, zu öffnen. Sie entfaltet sich, geht auf, geht über sich selbst hinaus und offenbart sich dadurch.

Nicht alle vorgestellten Werke kamen dem Charakter der Metamorphose so nahe. Alexander Skrjabins „5 Préludes“ op. 74 erfordern eine pianistisch virtuose Herangehensweise und ein angemessenes technisches Können vom Pianisten. Freilich dürfen die Virtuosität und die sinnliche Seite des Werks nicht zum Selbstzweck werden. Diese letzte Klavierkomposition von Skrjabin ist nur die Vorskizze zu einem geplanten Werk über die geistige Fortentwicklung der Menschheit, das „Mysterium“ heißen sollte. Diese fünf einzigartig emotional verdichteten Préludes wollen seelische Grundzustände wie „schmerzhaft, herzzerreißend“ oder „stolz, kriegerisch“ ausdrücken und damit die menschlichen Grundkräfte in ihrer Intensität verdeutlichen. Christoph Keller traf das Zugleich von ekstatischem Ausdruck und spiritueller Verdichtung kongenial. Die anschließende Rezitation des „Sonnenaufgangs“ ließ in moderner Sprache Grundgedanken aus Jakob Böhmes „Aurora“, der Morgenröte im Aufgang, anklingen.

Auch die im weiteren Verlauf des gut besuchten Konzerts erklungenen Werke von Erkki-Sven Tüür („Four Piano Pieces“), Heitor Villa-Lobos („Que Lindos Olhos“, eine Hymne an die schönen Augen eines Madonnengesichtes), Claus Kühnl („Zwei Klavierstücke“), Erkki Melartins „Korkeuksissa“, eine Hommage an Skrjabin, Lajos Papps „Improvvisazione“, die an die Kompositionstechniken Anton Weberns erinnerten, der wiederum aufs Intensivste von Goethes Metamorphosenlehre beeinflusst war, und ein weiteres Werk von Christoph Keller, „Wie ein Choral“ und „Stimme der Nacht“ aus „Kaleidoskop“ (2002), machten dynamische Wandlungsprozesse hörbar. Alexander Skrjabins „Vers la flamme“ (Der Flamme entgegen) vertont mit großem Anspruch und pianistischer Riesengeste das Sterben, Verbrennen und Läutern in den Flammen und damit verbunden die Höherentwicklung zum Geistig-Göttlichen hin. Dieses Phönix-aus-der-Asche-Motiv ist so intensiv und überbordend ausdrucksstark in orchestral anmutenden Steigerungen auskomponiert, auch im Tonalen an die Grenzen gehend, dass es auch eine weniger intime, weniger spirituelle Seite der Wandlungsprozesse offenbaren konnte: Metamorphosen haben in ihrer zielgerichteten, nicht steuerbaren Dynamik auch etwas Überindividuelles, Gewalttätiges, Schicksalhaftes.

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