Mimikry und Transformation

Neue CDs neuer Musik, vorgestellt von Dirk Wieschollek


(nmz) -
Neue Musik von Max Richter, Emmanuel Nunes, Charles Uzor und Robin Hoffmann.
Ein Artikel von Dirk Wieschollek

Hat man auch nicht oft in dieser Rubrik: das Cover einer Country-Scheibe, der Komponist als Cowboy hoch zu Ross in deutscher Agrarlandschaft. Eine Camouflage, die sich im letzten Stück aufklären wird. Das Spiel mit Identitäten ist jedenfalls auch kompositorisch eine wesentliche Triebfeder des Frankfurter Komponisten Robin Hoffmann, was in „anstatt das“ dazu führt, dass die Klangverläufe ungefähr jede zehn Sekunden ein anderes Gesicht zeigen. Hoffmanns Absage an Ideen musikalischer „Stimmigkeit“ begünstigt „unordentliche“ Formgefüge und Stil-Collagen, in die jederzeit etwas Unerwartetes hineingeschleudert werden kann. In „was stimmt“ wird aus solchen Prämissen eine schräge Motette (Neue Vocalsolisten) um die Signifikanz von Sprache, die sich im Grimm’schen Wörterbuch, respektive im Artikel „stimmen“ subversiv herumtreibt. Gänzlich skurril wird es dann in „Kunst pfeifen“, wo die brüchige Anmut eines Pfeif-Künstlers auf elaboriert wuselnde Ensemble-Kultur trifft, die am Ende mit einem Western-Song aus Howard Hawks „El Dorado“ vom Komponisten höchstpersönlich aus den Angeln gehoben wird. (Thorofon)

Charles Uzor ist ein hierzulande viel zu wenig beachteter Komponist. Vielleicht ändert das diese Doppel-CD mit durchweg eloquenten Realisierungen. Der Schweizer Komponist mit nigerianischen Wurzeln bringt dabei in raumgreifenden Kombinationen von Instrumentalklang und Bandzuspielung Dinge zusammen, die eigentlich kaum zusammengehen können, bei ihm aber völlig selbstverständlich klingen. Bes­tes Beispiel: „sweet amygdala“, wo voluminöse Drones auf expressive Violin-Schraffuren und Passagen bestrickender Einfachheit treffen, die minutenlang ein paar ausgefranste Klavierakkorde repetieren. Wiederholung, Nachahmung und Transformation sind Konstanten in Uzors Musik, die keine Material-Tabus kennt: In „Nri/mimicri“ sind das transkribierte Vogelstimmen, die auf gamelanhafte Perkussionsklänge und ätherische Rauschflächen treffen. In „spleen/mimicri“ ist es anstatt Naturlaut der Klang von Menschenwerk im Hafen von San Francisco, in dessen maschinelle Interferenzen und Loops sich ein Klavier hineinstürzt. Im Tonbandstück „Mother Tongue Fire/mimicri“ bilden nigerianische Igbo-Sprichwörter aus dem kundigen Mund von Uzors Mutter die materielle Grundlage „vergilbter“ Kindheitserinnerungen. (Neos)

In der essentiellen Verbindung von struktureller Dichte und vielschichtiger Klang-Expressivität war Emmanuel Nunes ein Komponist von überragendem Format. Der „Minnesang“ für 12 Stimmen a cappella (1975/76) ist eine vielstimmige Reflexion über die spirituelle Kraft der Liebe, deren Textmontage sich auf diverse Schriften des Mystikers Jacob Böhme gründet. Eindrucksvoll, mit welcher Deutlichkeit der Diktion  das SWR Vokalensemble in diesem vielschichtigen Sprach-Relief unterwegs ist und dessen Texturen minutiös durchleuchtet. Eine fein austarierte Dynamik bildet den intendierten Raumklang der verschiedenen Duo- und Gruppen-Konstellationen gut ab. Auf einer komplexen Verräumlichung des Orchesterapparates beruht „Musivus“ (1998/2001), das in eine Vielzahl von Klang-Gruppierungen aufgespalten ist. Auch wenn deren räumliche Differenzierung in dieser Ersteinspielung akustisch nur bedingt transportabel ist, kann sich das Ergebnis des WDR Sinfonieorchester unter Emilio Pomàrico mehr als hören lassen. Es präsentiert ein monströs zersplittertes Klang-Mosaik, dessen überbordende Fülle an Einzelereignissen ständig neue Orientierung und Aufmerksamkeit verlangt. (Wergo)

Das diametral andere Ende der Welt von Emmanuel Nunes heißt Max Richter. Richard Clayderman mit Tape? Philip Glass in den letzten Zügen? Es plätschern die Mollakkorde in dieser erweiterten Neuveröffentlichung von Richters inzwischen 15 Jahre altem Einstand in der „Klassik-Branche“ unendlich selbstgenügsam dahin, angereichert mit Kleinst-Melodien von der Stange und ein bisschen urbaner Soundtapete. Die Melancholie der „Blue Notebooks“ ist so offensichtlich wie die Substanz haarsträubend dünn und man fragt sich, wieso diese „Eingebungen“ Notizbücher benötigten, welcher Farbe auch immer sie sein mögen. Musik-Sedierung fürs Wartezimmer … (DG

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