Musikalisches Großaufgebot

Die Bremer Hausmusikwoche 2016 – Retrospektive


(nmz) -
Vom 18. bis 27. November 2016 fand die 67. Bremer Hausmusikwoche statt. Veranstaltet vom Tonkünstlerverband Bremen konzertierten an die 2.000 Musikerinnen und Musiker in 62 Konzertveranstaltungen an 15 Spielorten Bremens vor begeistertem Publikum.
Ein Artikel von Britta Helmke

Interpreten der Bremer Hausmusikwoche sind neben den professionellen Musikerinnen und Musikern des Bremer Tonkünstlerverbandes vor allem musikbegeisterte Kinder und Jugendliche und auch erwachsene Laienmusiker. Wer sich die Bremer Hausmusikwoche deshalb als Marathon dessen vorstellt, was man landläufig unter „Schülervorspiel“ versteht, bei dem jeder Schüler seinen momentanen Könnensstand – oft an Nummern eines Schulwerkes entlanghangelnd – präsentiert, irrt sich gewaltig. Die Konzerte der Bremer Hausmusikwoche zeichnen sich durch spannende inhaltliche Konzepte, musikalisch reife Darbietungen und eine Vielseitigkeit aus, die bundesweit einmalig ist.

Laien- und professionelle Musikerinnen und Musiker teilen sich die Bühne: Größen des Bremer Konzertlebens musizieren gemeinsam mit ihren Schülern, renommierte Bremer Musiker gestalten Konzerte mit Kindern und Jugendlichen. Konzerte von Alter bis Neuer Musik, Jazz-, Rock- und Popevents, Kammermusik und Orches-teraufgebote zeugen von der Lebendigkeit des Bremer Musiklebens.

Stimmgewaltig

Sage und schreibe acht Bremer Chöre und Vokalformationen ließen in der Bremer Hausmusikwoche 2016 die Herzen aller Chorliebhaber höher schlagen. „That’s Entertainment“ aus Bremerhaven unter Leitung von Renate Priebe überzeugte nicht nur das Ohr, sondern auch das Auge mit stimmigen Kostümen und Accessoires und spritzigen Choreografien. Nuancenreich bis stimmgewaltig interpretierten Chor und Solisten Hits von Ennio Morricone, Irving Berlin über David Bowie bis zu Peter Fox und Namika, was es dem Publikum mitunter schwer machte, auf den Sitzen zu bleiben. That’s Entertainment…

Viva la Vida war Titel eines Begegnungskonzertes der Chöre „Vocal Vibes“ (Leitung: Titi del Ponte) und „Chorona“ (Leitung: Stefanie Lubrich), letzterer ein so (nicht nur zahlenmäßig) großer Chor, dass es ihm möglich war, sich auch mal statt auf der Bühne ums Publikum herum zu platzieren, was den Klang für selbiges noch spür- und greifbarer machte – ein besonderes Hörerlebnis mit garantiertem Gänsehautfaktor. „Vocal Vibes“, ein kleiner, überaus feiner Jazz-Chor, präsentierte sich in Cocktailkleidern mit Glitter und Glimmer, Smoking und Hut und überzeugte mit blitzsauberer Intonation und Virtuosität. 

Ein musikalisches Großaufgebot lieferte die Bremer Hausmusikwoche 2016 auch von instrumentaler Seite: Cellowerk Bremen feierte mit einem Jubiläumskonzert sein zehnjähriges Bestehen: Die Cellowerker – vier junge Bremer Cellisten –, selber neben ihrer pädagogischen Tätigkeit gefragte Konzertcellisten, interpretierten gemeinsam mit ihren Schülern in verschiedenen Ensemblebesetzungen einen Querschnitt durch zehn Jahre Konzertliteratur. Zu den jüngsten Virtuosen, die sich neben ihren Lehrern auf der Bühne bereits sichtlich und hörbar wohlfühlten, brillierte als Special Guest ein ehemaliger Schüler der ersten Stunde von Cellowerk, der inzwischen selbst seinen Weg als Berufscellist eingeschlagen hat. Das Alte Fundamt Bremen bot dabei mit herzlicher warmer Atmosphäre den idealen Konzertort, und es störte gar nicht, dass er aus allen Nähten platzte; das Publikum groovte unverdrossen auch auf Stehplätzen mit.

Nicht weniger atmosphärisch gestaltete das BremerQuerflötenEnsemble unter Leitung von Britta Helmke ein Konzert im schönen und bis zum letzten Platz gefüllten Christophorus-Saal der Kirche Unser Lieben Frauen mit Werken rund um den Winter: Haydns feierlich-fröhliche Winterlandschaft stand Piazzollas winterlicher Melancholie gegenüber, Vivaldis winterwarmes Kaminzimmer korrespondierte mit den weihnachtsmarktlich anmutenden Miniaturen eines Leslie Searle. Gerade in langen unisono-Passagen überzeugte das Ensemble durch saubere Intonation, klare Phrasierungen – und hatte immer wieder Mut zu leisen Tönen, bei denen das Publikum den Atem anhielt. Seinen Atem brauchte das Publikum allerdings bei der letzten der Zugaben, bei der es – begleitet vom BremerQuerflötenEnsemble – den zuvor gehörten 2. Satz aus Vivaldis „Winter“ selber singen durfte.

Prädikat: Besonders

Ein Konzert jenseits allen Mainstreams gestaltete im Rahmen der Bremer Hausmusikwoche 2016 Alexander Derben in der Freien Musikschule Bremen-Nord: Als SPACE ATTACK III setzte er ein seit inzwischen drei Jahren laufendes Projekt zu elektroakustischer Musik und visuellen Medien fort. Kinder und Jugendliche überzeugten und begeisterten mit eigenen Kompositionen und Improvisationen. Das Publikum hofft und freut sich auf SPACE ATTACK IV

Tonkünstler leibhaftig – Jazz & Shakuhachi

Musikerinnen und Musiker des Bremer Tonkünstlerverbandes sorgten höchstpersönlich für zahlreiche musikalische Highlights der Bremer Hausmusikwoche, sei es mit ihren Klassen, mit kammermusikalischen Besetzungen oder solistisch. 

Dieter Weische, Bremer Flötist und Shakuhachi-Spieler, lud zu einem Solo-Konzertabend unter dem Titel „Hildegard von Bingen und die Shakuhachi“. Schon zu Lebzeiten der Hildegard von Bingen im frühen Mittelalter spielten buddhistische Mönche in Japan die Shakuhachi. Die Bambusflöte wurde dabei nicht als Musikinstrument, sondern als Werkzeug des Zen angesehen. Hildegard von Bingen befasste sich in ihren Werken mit Religion, Medizin, Kosmologie und Musik. In der „Symphonia Armoniae Celestium Revelationem“ (Zusammenklang der Harmonie der himmlischen Offenbarung) hinterließ sie eine Sammlung von 77 Gesängen, in der ihre Version von Gott und ein von Glück erfülltes Leben besungen werden. Dieter Weische interpretierte auf der warm klingenden und obertonreichen Shakuhachi Gesänge der Hildegard von Bingen und traditionelle Stücke für Solo-Shakuhachi.

Der Musiker, der das gesamte Konzert im Yoga-Sitz auf einem Kissen im Altarraum der St.-Joseph-Kapelle spielte, versetzte das gebannte Publikum innerhalb weniger Töne in eine meditativ-ruhige Stimmung voll innerer Ruhe, aus der die Zuhörer sich erst einige lange Sekunden nach Ende des letzten Musikstückes lösen mochten.

Eine Rarität ganz anderer Art bot das Markus Kröger Trio an seinem Jazz-Abend „Punk in Nadelstreifen“. Die ungewöhnliche Besetzung – Markus Kröger (Saxophon), Dani Catalan Davila (Vibrafon), Axel Zajac (Gitarre & Effekte) – bot dem experimentierfreudigen Free-Jazz-Trio ein riesiges klangliches Register, dessen sich die drei Musiker freudigst bedienten. Wer meinte, Bass und Schlagwerk vermissen zu müssen, hörte sich durch das virtuos gespielte Vibrafon und die durch Effektgeräte zum echten Klangpool avancierte achtsaitige Gitarre mehr als entschädigt. Basierend auf eigenen Kompositionen und Improvisationen führte das Trio um den virtuos-souveränen Saxophonisten Markus Kröger durch einen spannenden Abend, in dem Bud Spencer in einem Latinstück gehuldigt wurde, Orientalisches neben Polyrhythmischem und auch mal ein Blues im Dreiertakt zum Besten gegeben wurden. Das Publikum entließ das Trio nur widerwillig und mit eindeutigem „Mehr-Haben-Wollen“-Applaus.

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