Neue Töne statt Analogkäse

Das „Augsburger Violinbuch“ bietet zeitgenössische Musik für junge Geiger


(nmz) -
Braucht man ein neues Violinbuch? Die Frage ist so akademisch wie die, ob man eine neue Fertigpizza-Variante benötigt. Man verhungert nicht, wenn man sich bei den schätzungsweise einhundert bereits vorhandenen bedient. Aber: varietas delectat – und Konkurrenz belebt das Geschäft. Genauso ist es mit der Violinliteratur.
Ein Artikel von Niko Firnkees

Die Frage muss also lauten: Braucht man die drei Bände des „Augsburger Violinbuchs“, das der Tonkünstlerverband Bayern, unterstützt von zahlreichen Förderern, beim Verlag „Neue Musik“ unter dem Motto „Neue Töne“ herausgegeben hat? Einen Band für Violine solo, einen für Violine und Klavier und einen für zwei bis drei Violinen beziehungsweise zwei Violinen und eine Viola.

Bände mit neuer Violinmusik sind dann sinnvoll, wenn sie Originelles beinhalten und die Fülle der Tonsprache des 20. Jahrhunderts zielgerichtet eingesetzt wird. Das passiert in vielen Fällen, so etwa in Christian Glowatzkis „Kaleidoskop“, einem dodekaphonischen Stück, das sein durchstrukturiertes System hinter scheinbar zufällig aufperlenden Farbsplittern eines Kaleidoskops verbirgt. Schön, wenn gleich das nächste Werk, zwei Sätze aus Max Beckschäfers „The Image of Melancholy“ kontrastreich in quasi modale Welten entführen. Sehr wirkungsvoll klingt das „Rhythmikon modale“ von Wolfram Graf. Vierteltöne erzeugen einmal eine unheimliche Stimmung. Die Gefahr, dass das Stück damit aber eher falsch klingt, ist groß. Da hilft dann auch ein geheimnisumwitterter und nirgendwo erläuterter Titel „schmago“ nicht weiter. Ein andermal, in Johannes Kotschys „Orientalischer Rast“, integrieren sie sich sehr geschickt in die Klangsprache. Es gibt auch Ansätze, die auf den ersten Blick nicht einleuchten und wie Gimmicks erscheinen: Vokalisen etwa, die synchron zum Geigenspiel gesummt werden sollen. Soll man etwa auf einem Liederabend nun im Gegenzug erwarten, dass der Sänger auch noch auf leeren Saiten dilettiert? Vielleicht wird die Kombination aus Stimme und Instrument aus einer Hand noch ein Hit – zeitgenössische Irrtümer der Kritiker hinsichtlich der Nachhaltigkeit einer Technik oder eines Stils haben eine lange Tradition.

Ebenso vielfältig ist das Buch für Violine und Klavier angelegt. Aber es justiert den Level, was das Spielkönnen betrifft, tiefer. Herbert Baumanns „Duettino“ etwa, ein gut durchgearbeitetes, in seiner Einfachheit reizvoll imitatorisch angelegtes Werk, würde man gerne bei „Jugend musiziert“ in der Altersstufe II oder III hören. Ähnlich angelegt ist Gernot Tschirwitz’ „Lamentation und Toccata“ zumindest zu Beginn. Die Kraft der Imitation wird durch Reduktion erreicht, wenn das Klavier in Oktaven musiziert.

Gestaltungswillen setzt Klaus Hinrich Stahmers „Sul G“ voraus, das in beiden Instrumenten auf der Quint g-d basiert. Franz Trögers „Die Primitiven“ mit Sprecheinlagen für beide Interpreten geben einen netten Rausschmeißer als Zugabe ab. Das technische Anspruchsniveau des Werks ist simpel, ein heiter-verfremdendes Gute-Nacht-Lied am Ende eines Schülervorspiels kann so auf jüngere Spieler zurückgreifen, nachdem die älteren Brahms absolviert haben. Damit kann die traditionelle Strukturierung von Schülervorspielen etwas aufgelockert werden.

Am überzeugendsten innerhalb der Reihe scheinen die Duette und Trios für Violinen. Es handelt sich durchwegs um Schüler-Stücke, technisch für versierte Teenager nicht allzu anspruchsvoll und damit mit Freiraum für das Zusammenspiel sowohl hinsichtlich der Intonation wie auch der Strukturen. Gott sei Dank sind zwei bis drei von ihren Fähigkeiten her gleichwertige Schüler eingebunden. Ein Pseudo-Lehrerpart und zwei Hilfsstimmen fehlen. Interessant ist Johannes X. Schachtners „… and Fanny’s your aunt“: Hier liegt von der Tonhöhendisposition keine typische Violine II, sondern eher eine Violine Ib vor. Gut also, um dem Spieler der unteren Stimme den Irrglauben zu nehmen, er sei halt doch nur zweite Wahl. Kernig und kraftvoll wiederum klingt Gregor A. Mayrhofers „Sekundentanz“.

Es wird diesen drei Büchern gehen wie allen anderen Sammelbänden: Nicht alle Stücke werden auf eine gleich große Nachfrage stoßen. Um zur Fertigpizza zurückzukehren: Wer die Oliven nicht mag, soll sie halt herunternehmen und stattdessen nur die Artischocken essen. Und grobe Patzer wie Analogkäse weist die Sammlung ohnehin nicht auf.
  

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