Neue Unternehmenskultur soll Gutes besser machen

Stefan Piendl, Geschäftsführer der Deutscher Musikrat gemeinnützige Projektgesellschaft mbH, im Interview


(nmz) -
Stefan Piendl wurde zum 1. Juli 2018 Geschäftsführer der Deutscher Musikrat gemeinnützige Projektgesellschaft mbH. Piendl folgt damit auf Norbert Pietrangeli und Benedikt Holtbernd. Mit dem Personalwechsel wurden die bisher getrennten Bereiche der Kaufmännischen und Künstlerischen Geschäftsführung zusammengeführt. nmz-Chefredakteur Andreas Kolb traf sich mit ihm in der Trimburgstraße in München-Pasing, dem Sitz des Bundeswettbewerbs „Jugend musiziert“, zum Gespräch.
Ein Artikel von Andreas Kolb

neue musikzeitung: Mit der Einstellung eines Alleingeschäftsführers vollzog der Musikrat eine radikale Strukturreform auf der Leitungsebene. Machen Sie jetzt die Arbeit für zwei?

Stefan Piendl: Seit 11 Monaten ist diese Frage noch mit Ja zu beantworten. Die neue Struktur der Projektgesellschaft sieht auch die neugeschaffene Position einer Verwaltungsleitung vor, die den Geschäftsführer in den sehr umfangreichen Verwaltungsaufgaben entlasten soll. Dazu zählen auch die komplexen Bestimmungen des Zuwendungsrechts für 13 einzigartige Projekte, die von verschiedenen Minis­terien gefördert werden. Diese Verwaltungsleitung haben wir aber noch nicht. Wir bemühen uns derzeit um eine adäquate Bewertung der Stelle, um sie wettbewerbsfähig auszustatten. Sobald uns das gelungen ist, werden wir sie ausschreiben.

nmz: Welches sind aktuell die wichtigen Punkte auf Ihrer Agenda?

Piendl: Da steht an erster Stelle natürlich der Umgang mit dem Team, also den Projektleitern und allen Mitarbeitern. Damit einhergehend ein Wandel der Unternehmenskultur. Bei 50 Mitarbeitern sehe ich das als eine meiner ganz zentralen Aufgaben. Auf der ers­ten Projektleiter-Klausur im Herbst 2018 formulierten wir das Motto „Gutes noch besser machen“. Das drückt aus, wonach wir streben: Unsere Angebote, die Projekte, die seit Jahrzehnten erfolgreich etabliert sind, möglichst noch besser zu gestalten. Das Bessere ist der Feind des Guten …

Ebenso wichtig ist mir die öffentliche Wahrnehmung des Musikrates. Gemessen an dem, was wir alles leisten, ist die Wahrnehmung und Wertschätzung für den Deutschen Musikrat in dem für uns relevanten Umfeld viel zu schwach. Das liegt an unserer Selbstdarstellung und dafür gibt es Ursachen: Bisher hatte das keine Priorität und man braucht dafür auch ein vernünftiges Budget und Menschen, die sich um diese Aufgaben professionell und fokussiert kümmern können. Für eine Pressereferentenstelle gibt es bisher keine Ressourcen. Hier leiste ich Überzeugungsarbeit, insbesondere auch bei unseren Hauptförderern. Wenn wir unsere Spielräume erweitern wollen, müssen wir für Sponsoren und Mäzene sichtbarer und attraktiver werden. Dafür halte ich ein Budget für die Bereiche Öffentlichkeitsarbeit, Marken-Management, Marketing, Social Media und Fundraising von mindestens 5 Prozent unseres Gesamthaushaltes für unerlässlich.

nmz: Projektleiter Edgar Auer wird Ende des Jahres in Rente gehen. Wie geht es weiter?

Piendl: Wir sind gerade mitten in der anspruchsvollen Suche nach einer kompetenten und vielseitigen Nachfolgerin beziehungsweise Nachfolger für Edgar Auer, der über 35 Jahre den Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ maßgeblich mit geprägt hat, die letzten 11 Jahre als Projektleiter. Sein Job ist eine komplexe Aufgabe: gefordert sind Führungsqualitäten, sehr gute Kenntnisse über all die musikalischen Aspekte, Pflegen eines Netzwerks aus Förde­rern, Gastgeberstädten bis hinein in die Landes- und Regionalwettbewerbe, in den Musikrat, ins deutsche Musikleben; gefordert sind auch Organisationstalent, Kreativität sowie die Verantwortung für ein fast siebenstelliges Budget. Wahrlich keine banale Aufgabe. Wir haben 57 Bewerbungen bekommen und führen im Juni mit 12 Kandidaten persönliche Gespräche.

nmz: Der Musikrat e.V. sitzt in Berlin, die Projektgesellschaft in Bonn und München. Ist das sinnvoll?

Piendl: Das Team in München organisiert den Bundeswettbewerb seit Jahrzehnten erfolgreich und verfügt über sehr viel Erfahrung. Das verdient Anerkennung und Dank. Die Frage, ob München noch der richtige Standort ist, wurde schon des Öfteren gestellt und nun in den letzten Monaten erneut thematisiert. Nachdem ich mich mit dem Präsidenten und Präsidium des Deutschen Musikrats, dem Aufsichtsrat der Projektgesellschaft, dem Vorsitzenden des Projektbeirates, dem Betriebsrat, dem Bundesfamilienministerium als Hauptgeldgeber und dem Bonner OB Ashok Sridharan sowie der neuen Kultur- und Sportdezernentin Birgit Schneider-Bönninger beraten habe, fiel die Entscheidung im Sinne „Ein Unternehmen – ein Standort“. Wir sind überzeugt, dass die Rahmenbedingungen für die Weiterentwicklung des Bundeswettbewerbs in Bonn – wo alle anderen Projekte unter einem Dach zusammenarbeiten – besser sind als mit 600 km Distanz. Unser Ziel ist die harmonische Einbindung der Münchner Kolleginnen und Kollegen in das Team der Projektgesellschaft für eine bessere Kommunikation und Kooperation. Hinzu kommen Einsparpotentiale im hohen fünfstelligen Bereich, beispielsweise für Mieten und Reisekosten. Der Umzug ist für die zweite Jahreshälfte 2020 geplant. Alle zehn Mitarbeiter haben eine Jobgarantie für den Arbeitsplatz Bonn.

nmz: Was heißt das für die Mitarbeiter?

Piendl: Das ist natürlich sehr individuell und für einige Kolleginnen und Kollegen alles andere als einfach. Wir wollen diese besondere Situation bestmöglich begleiten und unterstützen und helfen, soweit es in unserer Macht steht. Aber man muss aufrichtig sein und einräumen, dass wir da auch an Grenzen stoßen, zum Beispiel wenn es im Einzelfall um die familiäre Situation geht. Deshalb war es uns so wichtig, das Team so früh wie möglich zu informieren. Jetzt bleiben jedem fast eineinhalb Jahre Zeit, um sich in Ruhe auf die neue Konstellation einzustellen und persönlich das Beste daraus zu machen.

nmz: Was bedeutet das für die Durchführung des Wettbewerbs?

Piendl: Wir schätzen die Erfahrung und das Knowhow der Kolleginnen und Kollegen in München sehr und hoffen, dass letztlich möglichst viele unser Angebot annehmen und mit nach Bonn kommen. Natürlich ist es das Ziel, auch 2021 den ersten Bundeswettbewerb nach dem Umzug so reibungslos wie möglich durchzuführen. Mit all den vereinten Kräften, dem Engagement und der Begeisterung für „Jugend musiziert“ der vielen, auch ehrenamtlichen, Mitarbeiter wird uns das letztlich auch wieder gelingen.

nmz: Ist der Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ nach dem Umzug nach Bonn fit für die Zukunft?

Piendl: Der Umzug allein macht ja noch gar nichts fit, sondern ist zunächst eine große Belastung und echte Herausforderung. Aber ich bin sicher, dass wir damit die richtigen Voraussetzungen im Sinne guter, langfristiger Perspektiven für den Bundeswettbewerb schaffen. Die Weiterleitungen der Landeswettbewerbe sind auch in diesem Jahr mit 2.870 Teilnehmern erneut auf Rekordniveau. Das ist einerseits natürlich erfreulich, stellt uns andererseits aber vor große Probleme, denn unser Budget wächst ja nun mal nicht automatisch mit. Wir hatten schon im letzten Jahr die wirtschaftlich vertretbare Grenze überschritten, müssen in diesem Jahr massiv sparen und brauchen für 2020 ganz sicher Lösungen, die das wirtschaftliche Risiko wieder vertretbar machen.

nmz: Man hört, den Regionalwettbewerben und Landeswettbewerben brechen die Teilnehmer weg. Warum? Und entspannt das die Lage im Bundeswettbewerb nicht automatisch?

Piendl: Wegbrechen wäre übertrieben formuliert, aber es gibt Regionen, die zumindest stagnieren. Dennoch leiten die Landeswettbewerbe jedes Jahr mehr Teilnehmer an den Bundeswettbewerb weiter. Solange es nicht gelingt, dementsprechend auch das Budget adäquat anzupassen müssen wir kluge Lösungen finden, um ab 2020 die Teilnehmerzahl auf einem sehr hohen, aber eben auch wirtschaftlich verantwortbaren Niveau zu halten. Schließlich bedeutet mehr Quantität nicht automatisch auch einen qualitativ besseren Wettbewerb. So gibt es zum Beispiel Sorgen um den möglicherweise zu kurz kommenden Begegnungscharakter, dem viele aber eine elementare Bedeutung für den „Jugend musiziert“-Spirit beimessen.

nmz: Ist eine Kostenbeteiligung der Länder angedacht?

Piendl: Das ist zumindest eine Variante, über die im Projektbeirat nachgedacht wird. Fest steht jedenfalls, dass die Landeswettbewerbe unmöglich weiterhin einfach steigende Kosten für andere auslösen können, die dann wir mit dem Bundeswettbewerb allein zu tragen haben. 

nmz: Beim Chorwettbewerb wurden 2018 Stimmen laut, die sich über den Wegfall der Preisgelder echauffierten.

Piendl: Zunächst ist das ein Vorgang aus einer Zeit, bevor ich als Geschäftsführer zum Deutschen Musikrat kam. Aber ich kann die Verärgerung verstehen, auch wenn es dafür eine gute Erklärung gibt. Mit rund 5.000 Sängerinnen und Sängern war die Teilnehmerzahl deutlich höher als vorhersehbar und als Folge davon die Hotelkos­ten in Freiburg erheblich teurer als kalkuliert. Das führte zu Mehrausgaben im sechsstelligen Bereich. Um dies zu kompensieren, mussten auch die Preisgelder hinzugezogen werden. Rückblickend muss man wohl einräumen, dass wir diese Umstände nicht optimal erklärt und kommuniziert haben. So hat dann auch kaum jemand gewürdigt, dass der Musikrat auch diese erhöhte Teilnehmerzahl noch ermöglicht hat. Stattdessen wurden die ausbleibenden Preisgelder beklagt. Ähnlich der geschilderten Problematik bei „Jugend musiziert“ müssen wir also auch beim Orchesterwettbewerb und Chorwettbewerb gute Wege finden, die Teilnehmerzahlen auf hohem, aber eben auch vertretbarem Niveau zu sichern. Derzeit arbeiten wir bereits an einer Reformierung unserer beiden Amateurwettbewerbe und planen für die Zukunft eine Garantie der Preisgelder in Höhe von jeweils mindestens 50.000 Euro.

nmz: Was gibt es noch für Vorhaben des neuen Geschäftsführers?

Piendl: Zu meinen schönen Aufgaben gehört es, unsere Angebote gemeinsam mit den Projektleitern und -teams innovativ weiterzuentwickeln und neue Projekte ins Leben zu rufen, aber auch zu evaluieren und zu prüfen. Wir haben zum Ende 2018 die Aktivitäten der Europäischen Musikbörse eingestellt. Als dieser virtuelle Treffpunkt der Musikwelt vor zehn Jahren ins Leben gerufen wurde, hatte er eine Vorreiterrolle. Heute muss man einräumen, dass wir mit den Recherche- und Vernetzungsmöglichkeiten von Google, facebook und Co nicht Schritt halten können.

Jetzt freuen wir uns sehr, dass der Deutsche Musikrat mit Beginn des Jahres 2020 den Bundesjugendchor gründen wird. Eine Zusage über die dauerhafte Grundfinanzierung durch das Familienministerium machte Bundesministerin Franziska Giffey am 27. April bei ihrer Glückwunschrede zu 50 Jahren BJO. Der Bundesjugendchor ist ein langgehegter Wunsch vieler. Auch die konstruktive Haltung der involvierten Chorverbände hat dazu beigetragen, das Ministerium zu überzeugen.

nmz: Wie genau sind DCV, BDC und andere involviert?

Piendl: Seit Monaten gibt bis auf höchster Ebene der involvierten Organisationen, also dem Deutschen Musik­rat, dem Deutschen Chorverband, der Bundesvereinigung Deutscher Chorverbände – also inzwischen dem vereinten Bundesmusikverband Chor & Orchester – der Deutschen Chorjugend und dem Deutschen Jugendkammerchor intensive und konstruktive Gespräche um die bestmöglichen Weichenstellungen für den neuen Bundesjugendchor.

nmz: Gibt es bereits Personalia?

Piendl: Für die Ausschreibung von Projektleitung und Assistenz wie auch für die Berufung des neuen Projektbeirates bedarf es zunächst noch der formellen Zusage des BMFSFJ.

nmz: Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit zwischen e.V. und gGmbH?

Piendl: Mit meinen fast zwanzig ehrenamtlichen Jahren Musikratshintergrund bin ich der Überzeugung, dass wir unsere Ziele letztlich nur gemeinsam erfolgreich erreichen. Die gegebene Rollenverteilung zwischen Präsident, Generalsekretär und Geschäftsführer ist klar. Martin Maria Krüger, Christian Höppner und ich arbeiten sehr gut zusammen – auf einem Niveau, das es so in der Vergangenheit nicht gab.

nmz: Welche Projekte liegen Ihnen besonders am Herzen?

Piendl: Gerne möchte ich den Spielraum der Projektgesellschaft durch Mittel aus der Wirtschaft erweitern. Dafür müssen wir, wie schon gesagt, die Wahrnehmung des Deutschen Musikrates und seiner vielschichtigen Aktivitäten massiv verbessern. Dafür müssen wir uns über Jahre kontinuierlich einsetzen. Und Fundraising ist nichts, was man nur so nebenbei betreiben könnte, auch dazu braucht es eine professionell ausgestattete Stelle.

nmz: Vielleicht noch ein paar Worte zur Grundstruktur der Finanzierung?

Piendl: Unsere beiden öffentlichen Hauptförderer, das BKM und das BMFSFJ, fördern in einer großen und verlässlichen Kontinuität, für die wir sehr dankbar sind. In den letzten Jahren wurde die Förderung durch diese Häuser angehoben. Wir wollen Gutes noch besser machen und die Projekte weiter entwickeln, dafür benötigen wir natürlich auch mehr Mittel. Ich konstatiere einen permanenten Kampf ums Geld. An manchen Stellen brechen Förderer weg: Die GEMA ist praktisch ganz aus der Förderung des MIZ ausgestiegen, der Bundesverband der Volksbanken und Raiffeisenbanken wird seine langjährige Förderung der Amateurwettbewerbe beenden, die Stadt Bonn hat ihre Förderung für dieses Jahr um 60 Prozent reduziert, obwohl wir unsere Aktivitäten und den Standort Bonn ausbauen. Es gibt derzeit aber Gespräche mit der Stadt, ein hoffnungsvoll stimmender Anfang, um die Fördersituation wieder auf ein besseres Niveau zu bringen.

nmz: Muss der Deutsche Musikrat die Tariferhöhungen des öffentlichen Dienstes mitmachen?

Piendl: Unsere Vergütungen erfolgen in Anlehnung an den TVöD, unterliegen aber nicht der Tarifautomatik. Es ist unser Anspruch, die Tariferhöhungen soweit als möglich auch für die Belegschaft der Projektgesellschaft zu realisieren.

nmz: Wenn 2020 „Jugend musiziert“ nach Bonn kommt, sehen Sie darin eine Chance für eine neue Unternehmenskultur?

Piendl: Der Austausch der Projekte untereinander und die gegenseitige Stärkung ist mir ein persönliches Anliegen. Auch das „Jugend musiziert“-Team wird davon profitieren. Der Wissens- und Erfahrungstransfer unter den Projektleitern und die Transparenz in der Projektgesellschaft insgesamt haben sich schon deutlich intensiviert. Kollegialität und Teamgedanke bekommen eine größere Rolle, wir agieren verstärkt gemeinsam als ein Unternehmen. Das ist nicht nur der bessere und erfolgreichere Weg, sondern macht einfach auch mehr Freude.

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