Nostalgisch utopische Zukunft

Neue CDs neuer Musik, vorgestellt von Dirk Wieschollek


(nmz) -
Roger Reynolds’ „FLiGHT“ (2012–16) | Luigi Nonos „La lontananza nostalgica utopica futura“ (1988/89) | In der Zither-Anthologie Stimmungen zeigt Martin Mallaun, was so alles im vermeintlichen Volksmusik-Instrument steckt.
Ein Artikel von Dirk Wieschollek

Roger Reynolds’ „FLiGHT“ (2012–16) war als groß angelegtes Multimedia-Projekt konzipiert, das der menschlichen Faszination für das Fliegen gewidmet war, mit einer raumgreifenden Text-Collage zwischen Ikarus, Lindbergh und Outer Space. Der zugrunde liegende Streichquartett-Part entstand in enger Zusammenarbeit mit dem JACK Quartet und funktioniert ganz wunderbar auch ohne visuelle und sprachliche Unterstützung. Das liegt natürlich nicht zuletzt daran, dass der Computer- und Elektronik-erprobte Reynolds es auch auf rein instrumentalem Wege versteht, vielschichtige Räume zu entwerfen. So ist „FLiGHT“ praktisch ein Bilderbuch-Streichquartett, angesichts der expressiven Energien und klanglichen Finessen von „Imagining“, „Preparing“, „Experien­cing“ und „Perspective“. Es liegt in der Natur der Sache, dass dort Gleitbewegungen eine ebenso prominente Rolle spielen wie Violinpassagen in stratosphärischen Höhen. Das Wunderbare an Reynolds Quartett ist aber die Unvorhersehbarkeit seiner Flugroute, die ständige Perspektivänderungen garantiert. „not forgotten“ (2007-10) bewegt sich eher rückwärts im Zeitstrahl: eine Erinnerung an Menschen und Orte in sechs Sätzen, die Kollegen wie Iannis Xenakis, Toru Takemitsu oder Elliott Carter dramatisch virtuos, kontemplativ oder geräuschhaft die Ehre erweisen. Das JACK Quartett agiert hier als denkbar eloquenter Anwalt eines Komponisten, der hierzulande sträflich unterbelichtet ist. (mode)

Luigi Nonos „La lontananza nostalgica utopica futura“ (1988/89) kommt einer Expedition in mikroskopische Tiefen des Violinklanges gleich, deren brüchig perforierte Gebilde sich oft am Rande des Wahrnehmbaren bewegen und aus dieser Instabilität heraus ganz neue Klangerfahrungen generieren. Die verdanken sich einer flexiblen Interaktion von Solist und 8 vorproduzierten Tonbändern, in denen Nono einst mit Gidon Kremer gleichsam die DNA des Violinspiels erkundete. Aus den expressiven Bausteinen, aber auch Wortfetzen und Umgebungsgeräuschen ihrer Arbeitstreffen, formte Nono eine geradezu mystische Bandzuspielung. Sie steht in ständigem Dialog mit dem Solisten, der sein Material auf 8-10 Notenständern verteilt im Raum „erwandern“ muss. Klangregisseur Pierluigi Billone, als Komponist selbst in den Randbezirken des Klingenden unterwegs, hat die Tonbandspuren ausführlichen Analysen unterzogen und die räumliche Bewegung der Klänge in der Studioaufnahme virtuell nachgebildet. Marco Fusi streunt in den flirrenden Geräuschartikulationen und flüchtigen Spuren musikalischer Vergangenheit mit hörbarer Hingabe an das taktile Ausdifferenzieren des Verborgenen umher. Ergebnis ist eine Realisierung, die nicht nur aufgrund der größeren Verständlichkeit der Gesprächsfragmente eine noch größere Intimität ausstrahlt als frühere Aufnahmen! (Kairos)

Welche Potenziale für die zeitgenössische Musik in der Zither schlummern, hat Leopold Hurt jüngst beim Festival ECLAT mit seinem Trio „Rossbreiten“ vor Ohren geführt. In der Zither-Anthologie Stimmungen zeigt Martin Mallaun, was so alles im vermeintlichen Volksmusik-Instrument steckt. In einem Programm, das (schmutzige) neue und (schöne) alte Musik (von Dowland und Sweelinck) zusammenbringt und dabei insbesondere auf mikrotonale Erweiterungen des Zitherklanges aus ist: In „Differenz/Wiederholung 10a“ für E-Zither und Loop-Generator von Bernhard Lang führt das zu wunderbar verbogenen Wiederholungsschleifen; William Dougherty hingegen treibt mit „Traum in Traum“ für mitteltönige Zither und Sinustöne ein blasses Geplänkel ostinater Pulse und Repetitionsmuster in ein klaustrophobisches Ennui hinein, das seinem Inhalt gewissenhaft entspricht: ein „Zustand der Stagnation und Apathie“, wie Dougherty ihn in Alfred Kubins surrealistischem Roman „Die andere Seite“ gefunden hat. Der Kracher dieser Produktion ist aber Marco Döttlingers „graben/wischen/Feder“, das seine rhythmischen Module zu einem immer dichter werdenden Gewebe vernetzt, das aus anfänglicher Abstraktion richtigen Drive entwickelt. Die brummend tiefen Licks klingen fast wie ein E-Bass, der von verzerrten Gitarren-Akkorden flankiert wird. Absolute Empfehlung! (loewenhertz)

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