Orchester- und Kammermusik von Karel Reiner

Verdienstvolle Einspielung


(nmz) -
Karel Reiner: Cello Concerto, Op. 34, Sonata Brevis, Op. 39, Elegy and Capriccio, Verses for viola and piano. Sebastian Foron, Cello, Tschechische Philharmonie, Ltg. Zdeněk Mácal, Matti Raekallio, Klavier. Toccata Classics TOCC 0083
Ein Artikel von Albrecht Dümling

Spricht man von den Theresienstädter Komponisten, denkt man sofort an Pavel Haas, Gideon Klein, Hans Krása und Viktor Ullmann. Vergessen wird in der Regel der 1910 in Nordböhmen geborene Karel Reiner, obwohl er in diesem Zwangs-Ghetto neben seiner Tätigkeit als Betreuer in einem Kinder- und Jugendheim auch musikalisch sehr aktiv war. So schrieb er 1944 die Bühnenmusik zu dem in Theresienstadt mindestens fünfzehnmal aufgeführten Volksstück Esther, einer offenen Anklage der Judenverfolgungen, welche Zeitzeugen als eine der mutigsten Kundgebungen des politischen Widerstands einschätzen. Aber diese Musik hat sich ebenso wenig erhalten wie alle anderen Kompositionen, die Reiner im Ghetto schuf. Der Komponist selbst hat überlebt. Auf wunderbare Weise überstand er nach Theresienstadt auch noch die Konzentrationslager Auschwitz und Dachau-Kaufering. Körperlich geschwächt, aber geistig ungebrochen kehrte er nach Prag zurück, wo er sogleich verantwortliche Positionen im Musikleben übernahm, seine freitonale Musiksprache allerdings auch bald dem Vorwurf des „Formalismus“ begegnete. Eine entscheidende Zäsur bedeutete für Karel Reiner das Jahr 1968. Als Reaktion auf die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ trat er aus der kommunistischen Partei aus, was zum Verlust aller seiner Ämter sowie zu einem Aufführungsverbot führte. Anders als etwa der Dirigent Karel Ančerl hat er Prag nicht verlassen, sondern hier bis zu seinem Tod im Jahr 1979 weiterkomponiert; nun kritischer als je zuvor.

Bei uns blieb dieser ungewöhnliche Komponist trotz seines umfangreichen Oeuvres fast unbekannt. Umso verdienstvoller ist die vorliegende Einspielung, die einen Einblick gibt in die Vielgestaltigkeit seines Schaffens. Neben dem Kompositionsunterricht bei Josef Suk war Reiner Privatschüler bei Alois Hába, mit dem er bis zu dessen Tod befreundet blieb. Sein Cellokonzert konnte Reiner noch vollenden, bevor er im Juli 1943 nach Theresienstadt eingeliefert wurde. Dass er während der deutschen Besatzung, als keinerlei Aufführungschancen bestanden, überhaupt ein so großdimensioniertes Werk in Angriff nahm, muss als ein Akt des geistigen Widerstands begriffen werden. Erst im Dezember 2010 fand im Prager Rudolfinum die Uraufführung mit dem Cellisten Sebastian Foron und der Tschechischen Philharmonie unter Leitung von Zdeněk Mácal statt. Bei der vorliegenden Aufnahme handelt es sich um einen Mitschnitt der Uraufführung.

Es ist ein reifes und anspruchsvolles Werk im athematischen Stil Alois Hábas. Anstelle von thematischer Arbeit dominieren in den drei Sätzen dramatische Gesten und Klangfelder, energische Bewegungen im Kopfsatz, rhythmische Signale im ausdrucksvollen Mittelsatz und tänzerische Figuren im lebhaften Finale, in dem das Cello fast pausenlos im Einsatz ist. Die packende Wirkung dieser Live-Aufnahme wird allerdings teilweise durch Intonationstrübungen beeinträchtigt. 

In Ausdruck und Form noch überzeugender wirkt die Sonata brevis für Cello und Klavier, die Reiner 1946 unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Prag schrieb. Ihre Ecksätze erinnern in der kraftvollen Rhythmik an Schostakowitsch, während die tappende Marcia funebre wohl ein beklemmendes Echo der zurückliegenden Lagererfahrungen ist. Die zehn Jahre später entstandenen Elegie und Capriccio orientieren sich stärker am Publikum. Dagegen musste Reiner nach der politischen Desillusionierung und dem Verlust seiner Ämter 1975 in den „Versen“ keinerlei Rücksichten mehr nehmen. Diese vier kurzen, eigentlich für Viola und Klavier geschriebenen Stücke zeigen eine radikale und kompromisslose Verdichtung, sie sind stachlig und unbequem. Diese wie die anderen Kammermusikstücke hat Foron mit dem finnischen Pianisten Matti Raekallio in einem New Yorker Studio aufgenommen. Das Londoner Label Toccata Classics, das sich seit Jahren für im Musikleben vernachlässigte Komponisten einsetzt (so auch für Adolf Busch, Julius Bürger, Hans Gál und Günter Raphael), beginnt mit dieser CD eine Karel-Reiner-Edition. Dieser tschechische Komponist, der im Widerstand gegen mehrfache Verfolgungen eine stilistisch breite Palette entwickelte, muss erst noch entdeckt werden. Seine Cello-Noten sind inzwischen, ediert durch Sebastian Foron, bei Ricordi erhältlich.

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