Orchestergewalt, Flötenzauber, Obertontänze

Neue Musik auf neuen CDs, rezensiert von Max Nyffeler


(nmz) -
Neue Musik von und mit Samuel Zyman, Walter Zimmermann, Carin Levine und Hugues Dufourt
Ein Artikel von Max Nyffeler

Hugues Dufourt, französischer Spektralist der ersten Stunde, hat sich häufig von Werken der bildenden Kunst inspirieren lassen. Das Orchestre Philharmonique du Luxembourg unter ­Pierre-André Valade hat nun zwei solche Orchesterwerke aufgenommen, beide von rund halbstündiger Dauer: „Lucifer d’après Pollock“, ein  gewaltiges Klanggemälde, das den Gestus des abstrakten Expressionisten Pollock in brodelnde Klangmassen umsetzt, und „Voyage par-delà les fleuves et les monts“, das sich auf die transzendierenden Visionen eines chinesischen Malers aus dem zehnten Jahrhundert bezieht – große Orchestermusik, die den Hörer unweigerlich in ihre Strudel hineinzieht. (Timpani 1C1195)

An den Beginn ihrer Solo-CD „The Mythic Flute“ stellt Carin Levine als Referenzwerk Debussys „Syrinx“. Eine gute Wahl, die ihre gestalterischen Fähigkeiten und ihren von weiten Atembögen getragenen, leuchtenden Ton ins beste Licht rückt, was von einer exzellenten Aufnahmetechnik unterstützt wird. Mit „Sequenza 1“ von Berio und „Air“ von Takemitsu folgen zwei weitere, großartig musizierte Flöten-Klassiker, während in „Sisyphus Redux“ und „Mnemosyne“ von Ferneyhough sowie in „Bone++“ von Keiko Harada das ganze erweiterte Artikulationsspektrum des Instruments zur Darstellung kommt. Werke von Trevor Baca und Klaus Hinrich Stahmer ergänzen das Rezital, in dem eine hoch entwickelte Instrumentaltechnik auf souveräne Weise der musikalischen Gestaltung dienstbar gemacht wird. (Musicaphon M 55721)

Die „Fränkischen Tänze“, Teil des großen Projekts „Lokale Musik“ von Walter Zimmermann aus den späten 1970er-Jahren, sind die Frucht eingehender Feldforschung und erhalten durch die Feinarbeit an der Obertonstruktur eine zauberhaft-poetische Note. Auf der Doppel-CD mit dem Sonar Quartett, die wichtige Ausschnitte aus Zimmermanns Schaffen dokumentiert, erklingen die zehn kurzen Stücke einmal mit und einmal ohne Borduntöne – Avantgardismus und Volksmusik gehen eine perspektivenreiche Verbindung ein.

Die Spannung zwischen sensiblem kompositorischem Intellekt und vertrackter Einfachheit prägt auch die „Songs of Innocence & Experience“ für Streichquartett und Tonband, während in „Festina Lente“ der Gegensatz langsam-schnell in paradoxe Strukturen übersetzt wird. Philosophisch grundiert sind das Violinsolo „Die Sorge geht über den Fluss“ und „Taula/Novo Ben“ für einen singenden Bratschisten – eine Art musikalische Gedankenlyrik, seltsam changierend zwischen fremdartigem und vertrautem Tonfall. (Mode 245/46)

Das Klavierkonzert des 1956 geborenen Mexikaners Samuel Zyman klingt ziemlich eklektizistisch, was aber überhaupt nicht stört. Mit seinen Doppeloktaven, Martellatoakkorden und virtuosen Läufen dreht er mächtig auf und macht das dreisätzige Werk zu einem mit lateinamerikanischem Pfeffer gewürzten rhythmischen Feuerwerk. Von seinem älteren Landsmann José Rolón (1876–1945) sind auf der gleichen CD eine lebhaft erzählende sinfonische Dichtung und ebenfalls ein Klavierkonzert mit Einflüssen mexikanischer Melodien und Rhythmen zu hören. Die Entdeckungen werden von der brillanten mexikanischen Solistin Claudia Corona und den Nürnberger Symphonikern unter Gregor Bühl mit großem Schwung und Präzision zum Klingen gebracht. (TYXart TXA 13024) 

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