Papierene und digitale Schlüssel zur Weltkultur

Die lindgrüne Reihe: 150 Jahre Edition Peters


(nmz) -
„Billig und gut; nur mittels dieses Schlüssels sind die musikalischen Schätze der Weltkultur zu erschließen.“ Mit diesen Worten erläuterte der Verleger Max Abraham im Jahr 1867 eine neue Reihe mit Notenausgaben des Verlages C. F. Peters. Am 9. November des Jahres, dem Tag der ersten Auslieferung, begann der Siegeszug der lindgrünen Reihe „Edition Peters“, die bis heute auf den Pulten von Schülern, Studenten, Profis sowie Musikliebhabern liegt. Weltweit!
Ein Artikel von Barbara Lieberwirth

Voraussetzung für die „musikalische Universalbibliothek“ zu niedrigen Preisen war einerseits die Erfindung der lithographischen Notendruckschnellpresse, die eine Verbilligung der Notenherstellung um 800 Prozent (!) ermöglichte. Andererseits erlaubte ein Beschluss des Deutschen Bundes aus dem Jahr 1856, dass der Urheberrechtsschutz für alle vor dem 9. November 1837 verstorbenen Autoren und Komponisten erlischt. Neben der „Edition Peters“ konnte auch „Reclams Universalbibliothek“ davon profitieren; sie wurde ebenfalls im November 1867 in Leipzig aus der Taufe gehoben. Es verwundert nicht, dass in der Musik- und Buchstadt Leipzig die „Edition Peters“ mit einer Ausgabe von J.S. Bachs Wohltemperiertem Klavier eröffnet wurde. Ihm folgten Klavierwerke von Beet­hoven, Händel, Mozart und Schubert. Bereits im ersten Jahr sollten einhundert Titel in der Sammlung erscheinen. Drei festangestellte und vierzig freie Mitarbeiter waren dafür verantwortlich.

Max Abraham und sein Nachfolger Henri Hinrichsen bereiteten sich auch später auf den Ablauf der Schutzfristen für so beliebte und renommierte Komponisten wie Mendelssohn, Chopin, Schumann, Wagner und Liszt akribisch vor. So erschienen zum Beispiel noch am gleichen Tag nach dem Freiwerden der Werke Schumanns einhundert Titel von ihm. Mit der Herausgabe von Mendelssohns „48 Liedern ohne Worte“ (EP 1703a) platzierte der Verlag einen Bestseller, dessen Preis dadurch von circa 10 Mark auf 1,50 fiel. Das war das Geheimnis der profitablen Edition. Um die Jahrhundertwende stand der Verlag auf dem Höhepunkt seines wirtschaftlichen Erfolges. Er präsentierte sein Sortiment auf mehreren Weltausstellungen, erhielt 1900 in Paris sogar einen Grand Prix. Der Kunstmäzen Henri Hinrichsen stellte einen Teil seiner Gewinne der Öffentlichkeit zur Verfügung. Unter anderem mit der 1893 gegründeten „Musikbiblio­thek Peters“, 1911 mit der von Henriette Goldschmidt angeregten Gründung der ersten deutschen Hochschule für Frauen. Zudem legte er den Grundstock für das heutige Musikinstrumentenmuseum der Universität Leipzig.

Doch das Blatt sollte sich mit dem Machtantritt der Nazis wenden, eine menschliche Tragödie auslösend. Die beiden Söhne Walter und Max verließen 1936 beziehungsweise 1937 Deutschland in Richtung New York und London und gründeten dort die C. F. Peters Corporation beziehungsweise die Hinrichsen Edition Ltd. Der Großteil der in Deutschland verbliebenen jüdischen Familie überlebte das sogenannte Dritte Reich nicht.

1945 kehrte Walter Hinrichsen als Master Sergeant der US Army nach Leipzig zurück. Er übernahm für die Familie wieder die Firma C. F. Peters und verlegte sie nach der Enteignung durch die SED in den amerikanisch besetzten Teil Deutschlands, nach Frankfurt am Main. Unabhängig davon wurde in Leipzig parallel der Musikverlag VEB Peters gegründet.

Im August 2010 schlossen sich alle Einzelfirmen von C. F. Peters unter dem Dach der Edition Peters Group zusammen, deren Eigentümer die gemeinnützige Henri Hinrichsen Foundation in London sowie die Erben von Walter Hinrichsen in New York sind. Der Standort in Frankfurt am Main wurde 2014 geschlossen, so dass der deutsche Sitz der Firma jetzt wieder allein in der Heimat Leipzig liegt, wo sie einst gegründet wurde. Unabhängig von den Wirren der Vergangenheit war die „grüne Reihe“ ununterbrochen im Druck und wurde durch zahlreiche Urtextausgaben erweitert. Heute ist die Edition Peters Group ein weltweit agierendes Unternehmen und will sich auf den Lorbeeren seiner editorischen Leis­tung nicht ausruhen. Für die 150 Jahre alte „grüne Reihe“ wurde durch die wegweisende Technologie der App Tido Music eine Tür ins digitale Zeitalter geöffnet. Die Klassiker der „grünen Reihe“ werden künftig auch als erweiterte digitale Ausgabe zur Verfügung gestellt. Unser Autor Thilo Braun hat die App in der nmz im Detail bereits beschrieben („Perspektivwechsel am Notenpult, Ausgabe“ 9/2017).

Mit der Auftaktreihe „Piano Masterworks“ stehen dem Nutzer heute für einen monatlichen Abo-Preis von 3,99 Euro einhundert Klavierwerke zur Verfügung. Im gewohnt hervorragenden Druckbild der „grünen Reihe“, mit Video­aufnahmen und Hintergrundinformationen in Textform. Inhalt und Technologie der App wird von Peters ständig erweitert. Noch in diesem Jahr soll eine neue Edition mit Vokalmusik erscheinen, Chor und Instrumentalmusik steht für das kommende Jahr auf der Agenda der App-Entwickler. Dann sollen die Erläuterungen und die Textpassagen auch in deutscher Sprache erscheinen. Kathryn Knight (CEO von Tido) berichtete während der Tido-Präsentation in Leipzig, dass die Edition Peters Group eng mit Musiklabels zusammenarbeitet und auch offen für Notenausgaben anderer Musikverlage ist.
Die Titelliste der lindgrünen Reihe „Edition Peters“ begann im Jahr seiner Gründung mit 100 Titeln und umfasst heute 12.000. Es wird nicht 150 Jahre dauern, bis Tido Music auf die gleiche Anzahl zurückschauen wird.

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