Qualitäten musikalischer Teilhabe (I)

Violinduo Cecilia & Marin Gelland über ein besonderes Konzertformat für Kinder und Jugendliche


(nmz) -
Teilhabe ist ein schillernder Begriff, auf den sich (musik-)kulturelle Vermittlungsprojekte in unterschiedlicher Weise berufen. Es geht darum, Zugang zu Ressourcen zu ermöglichen und damit soziale Benachteiligungen auszugleichen, zum Beispiel indem Kinder kostenlosen Zugang zu Instrumentalunterricht erhalten.
Ein Artikel von Constanze Rora

Andere Projekte stellen die Teilhabe an musikalischen Projekten in den Vordergrund und laden dazu ein, mit Musikern zusammen ein Konzert zu gestalten oder etwas zu komponieren. Ungeachtet der Vielfalt an Modellen, Kindern, Jugendlichen beziehungsweise musikalischen Laien eine aktive Beteiligung an musikalischen Praxen zu ermöglichen, lässt sich ein einheitliches Bestreben darin sehen, die Adressaten zu einer persönlichen Beziehung zu Musik anzuregen und einen Raum für eine direkte Begegnung mit Musik zu schaffen. Um dieses Ziel zu erreichen, reicht es nicht aus, dass ein Rahmen gesteckt wird, sondern es geht darum, wie dieser Rahmen gefüllt, in welcher Weise ein Angebot situativ ausgestaltet wird und welche individuellen Erlebnis- und Erfahrungspotentiale darin liegen. Das Gelingen musikalischer Teilhabe wird durch die Gestaltung und Dramaturgie der konkreten einzelnen pädagogischen Situation maßgeblich mitbestimmt. Hinter dem von außen, mit Blick auf das „Haben“ und „Teilen“ von Ressourcen gefassten Begriff der Teilhabe erscheint dabei eine Innenansicht, die das Teilhaben an musikalischem Sinn fokussiert. So unbestimmt der Aspekt des musikalischen Sinns erscheint, der sich einer begrifflichen Definition entzieht, so unverzichtbar ist er andrerseits als Grundlage und Bezugspunkt musikpädagogischen Handelns.

Das Violinduo Cecilia & Martin Gelland praktiziert seit vielen Jahren ein besonderes Konzertformat, das die beiden Musiker in pädagogischen Einrichtungen durchführen. Sie spielen dort aus ihrem Repertoire bevorzugt zeitgenössische Werke und sprechen mit den Kindern und Jugendlichen über die Musik. Mit weiteren interaktiven Elementen wie gemeinsamem Improvisieren, instant composing und Malen zu Musik gelingt es ihnen, diese für einen Dialog mit und über Musik zu öffnen.

CR: Ihr geht in Kitas, Schulen, Jugendgefängnisse und andere Einrichtungen, um dort bevorzugt zeitgenössische Musik vorzuspielen. Was ist eure Idee dazu, warum macht ihr das?

Cecilia Gelland: Wenn wir das Klassenzimmer betreten, sind wir genauso neugierig wie die Kinder selbst auf das, was passieren wird. Wir nehmen die Schüler als Zuhörer so ernst wie jedes andere Publikum, geben alles was wir anzubieten haben und erforschen gleichzeitig die Musik zusammen mit den Schülern. Wir hören die Musik, die wir gerade spielen, sozusagen mit den Ohren der Schüler, und wenn sie uns anschließend erzählen, was sie in der Musik gehört und erlebt haben, dann hören wir ganz genau zu, weil wir wissen, dass sie uns etwas Wichtiges über die Musik und über das Leben überhaupt mitzuteilen haben. Diese Art von Respekt ist mehr als eine reine Geste, sie basiert auf dem, was wir spüren konnten: Wir haben außerordentlich viel von Kindern und Jugendlichen sowohl über das innere Wesen, über die inneren Mechanismen einzelner Kompositionen als auch über Kunst und Kommunikation an sich gelernt. Dabei sind wir fest davon überzeugt, dass die Kinder und Jugendlichen ihre eigenen Fähigkeiten, Musik zu hören, sie wahrzunehmen und mit ihr zu interagieren, viel besser entwickeln können und auch wollen, wenn sie merken, dass das was sie über die Musik zu sagen haben, uns tatsächlich sehr interessiert.

CR: Ich hatte mehrfach Gelegenheit, euch bei der Begegnung mit Schülern im schulischen Musikunterricht zuzusehen. Dabei fiel mir jedesmal die ungewöhnliche Offenheit auf, mit der sich die Schüler auf das Gespräch mit euch einließen. Ist es das, worauf es euch pädagogisch ankommt? 

Cecilia Gelland: Die Welt ist eine erschütternd komplexe Angelegenheit. Ein unvorstellbar hohes Maß an Beherrschung eines komplexen Denkens, Fühlens und Gestaltens wird von uns in unserer Gesellschaft abverlangt, allein auch deshalb, um die Demokratie aufrechtzuhalten. Es gibt unendlich viele Erlebnisse, Bedürfnisse, Informationen, Perspektiven, zu denen man sich zu verhalten hat. Nur ein „richtig oder falsch “als Denkmuster anzuwenden, reicht nicht aus, um aktiv und konstruktiv an den Lösungen aktueller Probleme teilzuhaben. Musik bietet ein Forum für hochkomplexe Erlebnisse. Musik intensiv zu hören nimmt, wie die Forschung bestätigt, beide Gehirnhälfte gleichzeitig mehr in Anspruch als jede andere bekannte Aktivität oder Kombination von Aktivitäten. Über Musik können sogenannte offene Fragen gestellt werden, wie zum Beispiel, was habt ihr in der Musik gehört oder erlebt? Dazu gibt es keine falsche, sondern nur richtige Antworten, jeder kann etwas Neues hinzufügen.

CR: Wenn ich euch beim Gespräch mit den Schülern zusehe, entsteht bei mir der Eindruck eines spontanen Agierens, das flexibel und kreativ auf Impulse der Kinder und Jugendlichen reagiert. Dabei liegen Sprechen und Spielen sehr nahe beieinander und wechseln einander übergangslos ab. Habt ihr methodische Prinzipien oder Regeln, nach denen ihr vorgeht?

Cecilia Gelland: Wenn die Schüler über die Musik und ihre Erlebnisse in der Musik erzählen, gelangen sie irgendwann an die Grenze von dem, was Wörter beschreiben können. Auch in der Musik, wie sonst überall, werden wir von Momenten und Aspekten umgeben, die so vollkommen einmalig sind, dass es dafür keine passenden Wörter gibt. Sehr viel Wesentliches im Leben passiert zwischen den Wörtern, um die Wörter herum oder weit weg von Wörtern und lässt sich daher kaum im Gedächtnis speichern. Das was man nicht sagen kann, mag vielleicht sogar das Allerwichtigste sein. Je mehr wir in die Musik hineinlauschen desto mehr hören wir – ein endloser Sensibilisierungsprozess. Und vielleicht wird uns mehr und mehr bewusst, was Musik, fern von Wörtern, an unerwarteten Gefühlen, Strukturen, Erkenntnissen und kreativen Impulsen in unserem Inneren widerspiegelt.

Martin Gelland: Während wir ein längeres Stück spielen, laden wir die Kinder und Jugendlichen dazu ein, aus der Musik heraus ein Bild entstehen zu lassen. Dieses mit meist flüssigen Farben Gemalte ist weniger ein fertiges Bild, sondern eher etwas wie eine Gedächtnisstütze, als eine spontane Äußerung zu den unvorhergesehenen Erlebnissen beim Zuhören. In diesem Zustand, beim simultanen Hören und Malen, können sich Dinge aus dem Unterbewusstsein lösen. Ich erinnere mich an ein Kind, das mit vielen Farben gemalt hatte und die Lehrerin danach ihr Erstaunen zeigte und zu uns sagte, es hätte bis jetzt immer nur in schwarz/weiß gemalt. Diese Bilder wiederum können Ausgangspunkt für kleine Texte oder Gedichte werden. Oder wir nehmen die Bilder als eine Inspirationsquelle für Improvisationen. Vielleicht lässt sich ein Gefühl oder eine Situation nennen, aus dem Bild heraus, die Grundlage für eine Gruppenimprovisation werden können, wie Klangkompositionen, die wir mit oft einfachen Instrumenten alle zusammen gestalten. Niemals vergessen werde ich, wie ein Mädchen das Wort „das Unsagbare“ fallen ließ. Ich bat sie, ob sie das Unsagbare vielleicht auf der Trommel, die sie vor sich hatte, spielen möchte. Sie spielte zutiefst ergreifend und initiierte dabei eine neue Gruppenimprovisation.

CR: Indem ihr eure Musik in Klassenzimmer und andere Einrichtungen tragt, ermöglicht ihr den Kindern und Jugendlichen die Begegnung mit einer Musik, der sie sonst eher nicht begegnen. Wie würdet ihr über diesen äußeren Aspekt hinaus die Dimension der Teilhabe in euren Konzertangeboten beschreiben?

Martin Gelland: Die Interaktion mit den Kindern und Jugendlichen ist für uns wie eine gemeinsame Wanderung, wir alle entdecken dabei Neues, Unerwartetes. Musik ist das Medium, aus dem sich im Augenblick neue Wörter bilden, Erinnerungsbilder auftauchen, Gefühle und Stimmungen spürbar werden, ohne dabei den Anspruch zu erheben, eine objektive Richtigkeit zu vertreten. Die Wahrheit wird immer im schimmernden Bereich der Fiktion verbleiben, in der Welt der Phantasie. Ich möchte die Phantasiewelt als eine parallele Welt bezeichnen, als eine von uns selbst geschaffene Welt, über die wir Einfluss haben können, die wir selbst gestalten können. Warum sich nicht mal einen Zentaur vorstellen?

Moderation und Fragen: Constanze Rora

  • Duo Gelland mit seiner breiten, international gerühmten Konzert- und CD-Produktion gehört zu den führenden Ensembles zeitgenössischer Musik. Über 200 Werke wurden für das Duo komponiert, gleichzeitig bringt es Werke von Barock bis Frühromantik in einer eigenständigen Interpreta­tion zu Gehör. www.duogelland.com

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