Schummriges Leuchtturm-Szenario

Zu den baden-württembergischen Konzentrationsplänen in Sachen Elementare Musikpädagogik


(nmz) -
Elementare Musikpädagogik (EMP) als „einsamer Leuchtturm“ neben dem „Leuchtfeuer Alte Musik“ in der Brandung von Trossingen? Zu Zeiten, in denen Termini wie Exzellenzcluster, Profilbereiche, Leuchtturmprojekte und Orchideenfächer Einzug in die Alltagssprache des deutschen Musikhochschuljargons gehalten haben, fragt man sich, womit die EMP diese Sonderbehandlung verdient habe. Wer die rasante Entwicklung der Studienrichtung in den vergangenen Jahren verfolgt hat, versucht derzeit vergeblich zu verstehen, welche konzeptionellen Überlegungen dieser baden-württembergischen Entscheidung zugrundeliegen. Wer sind die vermeintlichen Fachleute, die dafür verantwortlich zeichnen, dass der Studiengang zukünftig an eine Musikhochschulakademie verlegt werden soll?
Ein Artikel von Barbara Stiller

Wie kaum eine andere hat die Studienrichtung Elementare Musikpädagogik seit Beginn des neuen Jahrtausends an zahlreichen deutschen Musikhochschulen einen regelrechten Quantensprung vollzogen. An mehreren Hochschulen wurden erstmalig EMP-Professuren neu besetzt, vorhandene Stellen aufgestockt und die Studienplatzzahlen ausgeweitet. Als Gründe dafür kann neben der bildungs- und kulturpolitischen Aktualität des Faches eine nahezu hundertprozentige Arbeitsplatzgarantie nach absolviertem EMP-Studium ausgemacht werden. Im Zuge dieser Hochschulentwicklungsplanungen hat sich an allen Musikhochschulen ein unterschiedlich ausgeprägtes Profil der EMP-Studiengänge etabliert, das für die Wahl des jeweiligen Studienortes außerordentlich bedeutsam sein kann. Potenzielle Interessenten für ein EMP-Studium müssen sich heutzutage bereits vor der Bewerbung zu den Aufnahmeprüfungen damit auseinandersetzen, ob sie sich mehr für die musikalische Arbeit mit Babys oder Senioren interessieren, ob sie sich zutrauen, das Instrumentalfach auf Hauptfachniveau zu studieren, ob das Studium neben der großen Bandbreite an künstlerisch-praktischen Fächern verstärkt auch wissenschaftliche Anteile aufweisen soll und welche Ausprägung das kulturelle Umfeld des jeweiligen Studienortes offenbaren kann. Anders als bei einem traditionellen Instrumentalstudium, bei dem die Wahl der Hochschule in erster Linie von der Person des jeweiligen Hauptfachlehrers abhängt, ist es in der EMP die gesamte Fächerkombination, die den Ausschlag für oder gegen eine Hochschule gibt.

Seitdem die traditionellen Fächer Musikalische Früherziehung und Musikalische Grundausbildung nur noch einen von mehreren Schwerpunkten innerhalb eines EMP-Studiums bilden, ist die Möglichkeit zur Spezialisierung für die Arbeit mit bestimmten Altersgruppen besonders interessant geworden. Von der Eltern-Baby-Gruppe über instrumentale Orientierungskurse, JeKi und Musiktheaterprojekte mit Jugendlichen bis hin zur Arbeit mit alten Menschen hat die EMP neben dem „Kerngeschäft“ an den Musikschulen in den vergangenen Jahren auch in zahlreichen außerschulischen Institutionen und Einrichtungen Einzug gehalten. Umso abhängiger ist jeder EMP-Studiengang von den strukturellen Bedingungen und regionalen Gegebenheiten des kulturellen Umfelds, der Stadt und der Region des jeweiligen Hochschulstandortes.

Wenn auch nicht überall als Hauptfach studierbar, gehört der Studiengang Elementare Musikpädagogik dennoch zum sogenannten Kernbereich des Ausbildungskanons der Musikhochschulen und unterscheidet sich in den Pflichtfachmodulen nicht von den traditionellen Studiengängen der künstlerischen und künstlerisch-pädagogischen Ausbildungsprofile. Die Spezialisierung findet umso intensiver im Hauptfachmodul statt und zeichnet sich dabei durch performative Herangehensweisen in improvisatorischen und bewegungsorientierten Bereichen sowie experimentelle Arten im Umgang mit Musik aus. Nicht zuletzt wegen dieser vielfältigen Qualifikationen haben sich EMP-Lehrkräfte heutzutage auch auf dem weiten Feld der außerschulischen Musikvermittlung  und Konzertpädagogik einen Namen gemacht.

Vor dem Hintergrund der beschriebenen Fakten erscheint es unwahrscheinlich, dass sich uns die Vorzüge eines „Leuchtturms EMP“ in Form eines „Konzentrationsmodells“ auf einen einzigen Standort im großen Flächenland Baden-Württemberg ohne zusätzliche Erläuterungen der dafür Verantwortlichen werden erschließen können. Für Aufbaustudiengänge oder berufsbegleitende Zertifizierungskurse mag sich das Prinzip einer „Musikhochschulakademie mit Lehrgangscharakter“ bewährt haben, für einen grundständigen EMP-Bachelorstudiengang sind bei einem solchen Szenario zunächst jedoch dramatische Qualitätseinbußen zu befürchten. Eine vielerorts noch junge Studienrichtung wie die EMP, die von kultureller Vielfalt und einem intensiven Bezug zum regionalen Umfeld lebt, an einen einzigen Ort zu verlegen, erscheint auf den ersten Blick ebenso absurd, wie den Studiengang an anderen Standort­en ganz zu schließen.

Alle, die ihren Urlaub einmal am Meer verbracht haben, werden es bemerkt haben: Heute haben Leuchttürme in ihrer ursprünglichen Funktion vielfach ausgedient und stattdessen die Funktion einer Aussichtsplattform für Touristen übernommen. Auch der Beruf des dazugehörigen Leuchtturmwärters wurde aufgrund einer zunehmenden Automatisierung nahezu vollständig wegrationalisiert. Bei allen Bedenken soll zum aktuellen Zeitpunkt dennoch nicht vollständig ausgeschlossen werden, dass es Expertisen für zeitgemäße „Leuchttum-Szenarien“ auch für die Elementare Musikpädagogik geben mag. Nur wo?

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