Starke Stimme für die musikalische Bildung

Lore Auerbach und Gabriele Nogalski vom Arbeitskreis Musik in der Jugend im Gespräch


(nmz) -
Der Arbeitskreis Musik in der Jugend (AMJ) feiert in diesem Jahr sein 75-jähriges Jubiläum. Seit seinem Gründungsjahr 1947 fördert der Verband die außerschulische musikalische Bildung für Kinder und Jugendliche, für Erwachsene und ganze Familien, für Multiplikator*innen oder Orchester- und Chorleiter*innen. Lore Auerbach ist schon seit 60 Jahren im Verband als langjähriges Mitglied des Vorstands aktiv. Verbandspolitisch war sie auf vielen Ebenen engagiert und begleitet die Arbeit des AMJ bis heute. 2021 wurde Gabriele Nogalski, im Hauptberuf Referatsleiterin beim Senator für Kultur in Bremen, zur neuen Vorsitzenden gewählt. Mit ihr und Lore ­Auerbach führte Barbara Haack ein Gespräch über Vergangenheit und Zukunft des Verbandes.
Ein Artikel von Barbara Haack

neue musikzeitung: 75 Jahre AMJ: Wie hat sich der Verband entwickelt?

Lore Auerbach: Der AMJ hat sich so entwickelt, wie sich auch die Zeit entwickelt hat. Der Verband ist professioneller geworden, auch die Mitglieder sind professioneller geworden, von daher auch anspruchsvoller. Wir sind alle miteinander gewachsen. 

nmz: Gab es besondere Meilensteine oder Brüche?

Auerbach: Brüche gibt es natürlich in so einer langen Zeit immer wieder. Der AMJ ist einerseits ein Chorverband, der seine Mitgliedschöre betreut, zum anderen ist er ein Verband, der Bildungsarbeit anbietet – seinen Chören, aber auch weit darüber hinaus. Diese beiden Seiten sind nicht immer wirklich austariert gewesen. Jetzt haben wir aber ein schönes Gleichgewicht.

nmz: Die Tradition der Jugendmusikbewegung hat bei der Gründung eine wichtige Rolle gespielt. Wie viel ist davon heute noch lebendig? Setzt sich der Verband mit diesem Thema auseinander?

Auerbach: Es wird im Verband wenig darüber geredet. Die Historie ist bekannt, aber sie spielt keine besondere Rolle. Ich denke, den Mitgliedern ist sie nicht bewusst, aber die Ideen sind immer noch da: die Idee, dass der Zugang zum Musizieren für jeden und jede offen sein soll, die Idee, dass das gemeinsame Musizieren Gemeinschaft bildet. Ich glaube aber kaum, dass die Menschen im Umfeld des AMJ diese Ideen an Fritz Jöde und der Jugendmusikbewegung der 1920er-Jahre festmachen würden.

nmz: Würden Sie sich wünschen, dass sich der Verband etwas mehr in diese Historie hineinbegibt und sich damit beschäftigt? Gerade die Figur Fritz Jöde polarisiert ja auch.

Gabriele Nogalski: Das 75-jährige Jubiläum war auch für mich Anlass, mich mit der Historie zu beschäftigen. In der heutigen Zeit, in der wir mit vielen Bedrohungen zu tun haben, sind mir bestimmte Parallelen aufgefallen. Dass jemand im Jahre 1947, als hier alles in Schutt und Asche lag, es so wichtig fand, Kinder und Jugendliche an Musik heranzuführen, fand ich sehr bemerkenswert. Das hat damals eine große Anstrengung bedeutet. Fritz Jöde hat Leute um sich geschart, die versucht haben, Musikfreizeiten zu organisieren, Singtreffen zu organisieren, Chorliteratur bereitzustellen. Er hat sich auch darum gekümmert, Kulturen anderer Länder kennenzulernen. Im Grunde ist es das, was wir heute immer noch machen.

Eine große Differenz zur heutigen Zeit ist, dass dieses Gemeinschaftsgefühl bei Fritz Jöde einen weltanschaulichen Hintergrund hatte. Im Grunde hat er eine Gesinnungsgenossenschaft beschworen. Das machen wir heute natürlich nicht mehr. Trotzdem ist dieser Gedanke, dass wir Gemeinschaft und Begegnung schaffen, im Angebot des AMJ ein wichtiger: Das hat durchaus seine Wurzeln in dieser Geschichte, die man kritisch betrachten, aber die man auch würdigen kann. Heute sind wir wieder in einer schwierigen Situation. Wir haben durch die zwei Jahre Pandemie ein sehr gefährdetes Kinder- und Jugendchorwesen, wir haben auch eine Verunsicherung, weil die Menschen nicht wissen, wohin sich unsere Welt entwickelt. Da müssen wir uns mit unserer Tätigkeit positionieren. 

nmz: Was kann ein Verband wie der AMJ in dieser Zeit der Unsicherheit und Ängste ausrichten?

Auerbach: Direkt ausrichten kann der AMJ nichts. Aber er kann Angebote machen, in denen Kinder und Jugendliche Stunden und Tage der Gemeinschaft und Freude erleben, auch des Kennenlernens der Musik anderer, das Internationale, das Überwinden von Grenzen. Wir haben in den Monaten, in denen solche Veranstaltungen kaum möglich waren, gesehen, was den Kindern und Jugendlichen und eigentlich allen Menschen in dieser Zeit gefehlt hat.

Kultur- und Bildungspolitik

nmz: Ein Thema des Verbands ist die Kultur- und Bildungspolitik. Wie laut ist die Stimme des AMJ in diesem Bereich?

Auerbach: Der Verband ist ja, gemessen an den meisten anderen Chorverbänden, ein kleiner, aber die Stimme ist immer eine große gewesen, weil Protagonisten des AMJ stark in der kulturellen Gremienarbeit engagiert waren.

Nogalski: Ich sehe den AMJ als einen Player in der größeren Gemeinschaft der Musikverbände, in denen er sich engagiert und entsprechend in den Gremien mitwirkt Natürlich können wir nicht die Welt retten. Aber wir machen an unserem Platz mit unseren Erfahrungen qualitative Angebote.

nmz: Die Verbandslandschaft im Bereich Chorverbände erscheint ziemlich unübersichtlich, zumal sich ja immer mal wieder neue Verbände gründen oder umbenennen, andere gibt es dann plötzlich nicht mehr. Wo stehen Sie in diesem Netzwerk der Verbände? Ist die Struktur so sinnvoll, wie sie ist?

Nogalski: Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man im Verbandswesen ein bisschen aufräumen könnte. Ich habe in den letzten Jahren mitbekommen, dass es Bewegungen gibt. Die erste größere Bewegung war der Zusammenschluss der Verbände für Chöre und der Verbände für Orchester zum BMCO im Jahr 2019. Das sehe ich als zweischneidige Geschichte an: Einerseits ist Bewegung entstanden, da ist dann auch Geld geflossen. Aber ich erlebe es so, dass zum Teil Strukturen auch zubetoniert worden sind. Ich habe zum Beispiel mit großer Irritation zur Kenntnis genommen, dass sich dieser Riesenverband, der Dachverband aller Dachverbände im Bereich Amateurmusik, mit drei männlichen Präsidenten und zwei männlichen Geschäftsführern aufgestellt hat. Das ist aus meiner Sicht ein No-Go.

Wir haben leider eine ähnliche Entwicklung beim Tonkünstlerverband, das fünfköpfige Präsidium ist erst vor wenigen Monaten komplett männlich besetzt worden. Das sind Dinge, die aus der Zeit fallen und meiner Meinung nach indiskutabel sind und letztlich in unserer Gesellschaft nicht mehr akzeptiert werden. Der AMJ positioniert sich daher deutlich in den Ausschüssen und Gremien der Verbände und unterstützt Menschen, die Gen­dergerechtigkeit und Diversität wichtig finden.

Es gibt auch viel Hin und Her, weil Streit darüber entstanden ist, wer im BMCO Mitglied werden darf und wer nicht. Einzelne Verbände haben die Sorge, dass ihre Stimme weniger gilt, wenn es noch mehr Mitglieder gibt. Das ist eine Ansicht, die ich nicht teile. Je mehr Leute sich beteiligen, desto besser ist es.

Auerbach: Ich bin besorgt darüber, dass dieser neue Gesamtdachverband so riesengroß ist. Ich bin auch besorgt, wenn Bundestagsabgeordnete, die nicht Musiker sind, Vorsitzende werden. Ich war ja als Landtagsabgeordnete auch Politikerin, als ich zum Beispiel Präsidentin der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Chorverbände war, aber ich war schließlich vom Fach.

nmz: Frau Auerbach, Sie waren in Ihrer weiter zurückliegenden aktiven Zeit sicher oft die einzige Frau in solchen Leitungsgremien. Wie sehen Sie diese Entwicklung? Sind Frauen aktiv genug in diesen Verbänden?

Auerbach: Als ich 1991 ins Präsidium und gleich zur Vizepräsidentin des Deutschen Musikrats gewählt wurde, war ich die erste Frau, die je im Musikratspräsidium war und dann auch erst mal für zwei Perioden die einzige. Das ist ein Problem, das Frauen überall haben: Je höher die Verbandsebene ist, desto schwieriger wird es oft für sie, hier überhaupt Gremienarbeit leisten zu können, abgesehen davon, dass die Männer ja nicht unbedingt darauf erpicht sind, für sie Platz zu machen.

Nogalski: Es gibt auch Tendenzen, die überrascht haben, zum Beispiel die letztjährige Wahl beim Deutschen Musikrat, wo viele tolle junge Frauen einen Durchmarsch gemacht haben. Das war eine Art Palastrevolution und das macht mir Hoffnung, dass es auch anders geht. Die Neuwahlen bei der BMCO stehen im Herbst wieder an. Ich wünsche und hoffe, dass die Frauen sich melden und sich auch für diese höheren Positionen zur Verfügung stellen.

Thema Singen

nmz: In den 1960er-Jahren hatte das Singen keine gute Lobby, da hatte es der AMJ wahrscheinlich nicht leicht. Hat sich der Stellenwert des Singens heute wieder zum Positiven geändert? Was tut der Verband, um gerade junge Menschen zum Singen zu motivieren?

Nogalski: Ich glaube, die Entwicklung geht sehr weit auseinander. Zum einen bin ich häufig irritiert, wie schlecht Kinder spontan eine Melodie oder einen Rhythmus nachsingen können. Die Kompetenzen haben sehr nachgelassen. Der natürliche Zugang zu Tönen und Rhythmus wird nicht gelebt – in der Familie nicht und in der Schule nicht. Andererseits werden die guten Chöre immer besser, das Niveau ist zum Teil unglaublich hoch. Das driftet ziemlich auseinander. Wir versuchen, im Bereich der außerschulischen Arbeit die Multiplikatoren fit zu machen für moderne Formate. Wir haben aber auch traditioneller ausgerichtete Kurse im Angebot. Wir haben da eine gute Palette, mit der wir Kinder und Jugendliche und auch die Multiplikatoren ansprechen können. Das Thema Singen hat durch die Pandemie großen Schaden genommen. Da muss der AMJ zusammen mit den anderen Chorverbänden dafür sorgen, dass das Singen wieder ein besseres Image bekommt.

nmz: Der AMJ engagiert sich international. Welche Projekte stehen an?

Auerbach: Ein großes Projekt ist der Eurotreff in Wolfenbüttel, der jährlich alternierend mit der internationalen Jugendkammerchorwoche auf Usedom stattfindet. Usedom ist zweimal wegen Corona ausgefallen, für den Eurotreff haben wir eine digitale Ersatzlösung gefunden, allerdings nur für einige wenige Sängerinnen und Sänger.

nmz: In den letzten Jahren kamen und kommen viele Menschen aus anderen Kulturen zu uns. Spielt das eine Rolle in den Kurs- oder Chorangeboten des AMJ? Werden diese anderen Kulturen aufgegriffen? 

Nogalski: „Andere Kulturen“: Das ist natürlich ein weites Feld. Wir haben einen Spezialisten für Chorarbeit und Migration, das ist Karl Ermert, mein Vorvorgänger. Er hat sich in den Jahren 2016 bis 2018 im Rahmen eines Forschungsprojekts des AMJ diesem Thema gewidmet, auch dem Topos, dass Musik Grenzen überwinden kann. Er sagt, dass Musik auch ein Dis­tinktionsmittel ist. Aus meiner Wahrnehmung wirkt Musik oft sogar mehr trennend als verbindend. Man unterscheidet zwischen verschiedenen Genres, zwischen vokal und instrumental und dividiert das alles schön auseinander. Wir sind die alte Musik, ihr seid die neue Musik, da ist die Volksmusik… Jeder fühlt sich in seinem Raum am wohlsten.

Trotzdem ist es natürlich so, dass in dem Augenblick, wo Menschen offen füreinander sind, die Musik ganz tolle Möglichkeiten bietet, sich zu begegnen, gemeinsam musikalischen Ausdruck zu gestalten, sich kennenzulernen ohne Worte. Bei uns geht es auch darum, Begegnungen zu ermöglichen, zum Beispiel zwischen Jugendchören verschiedener Länder. Die deutsch-französischen und deutsch-polnischen Freizeiten oder die Jugendkammerchorwoche in Usedom haben das Ziel, internationale Begegnungen zu schaffen.

Auerbach: Integrationsarbeit findet überwiegend in den Chören statt. In diesem Forschungsprojekt sind sehr interessante Erhebungen gewesen darüber, wie weit solche Integration möglich ist.

nmz: Inwieweit ist es möglich oder wünschenswert, dass syrische oder arabische Musik Eingang in die Chorwelt findet? Ich stelle mir das schwierig vor, weil es eine andere Form von Hören und Musikerleben ist.

Nogalski: So wie ich das erlebe, bleiben die Kulturen, die hier ankommen, eher unter sich. Die türkische Community hat ganz viele Musikgruppen, aber die machen für sich Musik. Da muss nicht der AMJ kommen und sagen: Wir machen jetzt türkische Volkslieder.

nmz: Die Mitglieder des AMJ sind vor allem Chöre. Warum werden sie Mitglied beim AMJ, was haben sie davon?

Nogalski: Der AMJ ist ein kleiner Verband, der nicht davon lebt, dass er viele Mitglieder hat. Als Chor wird man in der Regel Mitglied, wenn man ein Angebot, einen Support bei der Organisation oder eine Vergünstigung wahrnimmt – so kommt man in Kontakt. Dabei kann man die Arbeit des AMJ erleben und dann Mitglied bleiben, um die wertvolle Arbeit des Verbands zu unterstützen. Es ist eine Gemeinschaft mit Idealen, zu der man gern gehören möchte.

Auerbach: Viele sind auch Mitglied im AMJ, weil sie die Kontakte, die der Verband ermöglicht, schätzen, die Anregungen und auch den Service. Dieser Austausch ist sicher ein wichtiges Motiv.

Nogalski: Ich sehe eine riesige Herausforderung für alle, die im Bereich Musik für Kinder und Jugendliche tätig sind. Da kann man nur zusammen wirken. Der AMJ beteiligt sich an den Gremien, an den Gesprächen, die geführt werden mit den Partnerverbänden, mit den Dachverbänden. Ich finde es unglaublich wichtig, dass wir an dem Platz, an dem wir stehen, unsere Arbeit gut machen.

Das könnte Sie auch interessieren: