Tonträger-Bilanz 2020 von Peter P. Pachl

Der persönliche Jahresrückblick der nmz-Phonokritiker


(nmz) -
Die schönsten Reize des Alten und des Neuen – Viele Erstveröffentlichungen.
Ein Artikel von Peter P. Pachl

Nicht nur Novitäten der Opernbühne – etwa Detlev Glanerts ins Ohr gehende jüngste Oper „Oceane“ als Mitschnitt der Deutschen Oper Berlin (Oehms Classics) – ließen heuer aufhorchen, auch die Wiederentdeckung von Ingeborg und Hans von Bronsart, mit Duos für Flöte und Klavier („Couples in Love and Music“, dB Productions).

Richtung Szene verweist die Erstveröffentlichung von Anton Urspruchs Sonate für Klavier und Cello op. 29, denn deren erster Satz paraphrasiert schwungvoll das erste Finale der Erfolgsoper „Das Unmöglichste von Allem“ (Kalaidos).

Das Klavierkonzert in b-Moll zeigt Oscar Straus als E-Musiker, doch in der Abfolge der von der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern unter Ernst Theis dargebotenen Raritäten ist der Trangant-Walzer das Tor zu den ohrwurmgeladenen Bühnenwerken leichterer Muse (cpo). 

Eine kleine Sensation im Vorfeld des Gedenkjahres: die Ersteinspielung von Werken Engelbert Humperdincks für Konzertsaal und Leinwand mit dem Opern-Chor und -Orchester Malmö unter Dario Salvia, darunter eine Suite zum „Mirakel“, „Die Wallfahrt nach Kevlaar“ und die Bühnenmusik zu „Lysistrata“ (Naxos).

Die limitierte Reihe CDs-im-Buch von Bru Zane fand mit Camille Saint-Saens‘ „Le Timbre d’Argent“ hochwertige Fortsetzung. Konstant hohes Niveau beweisen sinfonische Gesamtreihen: Zdenek Fibich (Vol. 3, Naxos), Karl Goldmark (Vol. 2, cpo) und die soeben vielversprechend begonnene Neueinspielung sämtlicher Orchesterwerke von Franz Schreker unter Steven Sloane (cpo). Unter symphonischen Neudeutungen der Zweiten Wiener Schule sei Marc Albrechts Deutung von Alexander Zemlinskys „Seejungfrau“ auf Pentatone hervorgehoben.

Der Vertriebsbereich von Naxos wurde um den von artverwandten Labels erweitert. Dazu gehört die Erstveröffentlichung von Egon Wellesz „Die Opferung des Gefangenen“ auf Capriccio. Naxos selbst bietet die Erst­einspielung von Jules Massenets „Don César de Bazan“ mit dem Ensemble Aedes und dem Orchestre des Frivolités Parisiennes unter Mathieu Romano. Insgesamt aber wird, was Bühnenwerke angeht, die Verlagerung des Schwerpunkts auf DVDs deutlich: Erst­einspielungen von Stefano Landis „La Morte d’Orfeo“ in Pierre Audis Amsterdamer Inszenierung (Naxos), Erich Wolfgang Korngolds „Das Wunder der Heliane“ aus der Deutschen Oper Berlin (Naxos) und „Violanta“ aus Turin (Dynamic).

Sehens- und hörenswert die Neuinterpretation von Hans Werner Henzes „Prinz von Homburg“ unter Cornelius Meister aus Stuttgart (Naxos) und Alexander Zemlinskys „Der Zwerg“ unter Donald Runnicles in der Inszenierung von Tobias Kratzer aus der Deutschen Oper Berlin (Naxos). Der Lockdown hat offenbar die Nachfrage nach Opern-Bildtonträgern zusätzlich angekurbelt. Mund-Nasen-Schutz findet sich auch als gestalterisches Mittel auf der Bühne wieder, so in Romeo Castelluccis Salzburger Festspiel-Inszenierung von Richard Strauss‘ „Salome“ (Unitel). Die heftig umstrittene Inszenierung Barrie Koskys von Jacques Offenbachs „Orphée aux Enfers“ sollte ursprünglich aus Salzburg auch nach Berlin kommen; dort steht sie aufgrund der Covid19-Beschränkungen nun doch (noch) nicht auf dem Spielplan – aber sie ist genussreich zu erleben auf BluRay und DVD (Unitel).

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