Trotz allem!

Der Landeswettbewerb „Jugend musiziert“ in Kairo


(nmz) -
In 19 Landeswettbewerben musizieren und konzertieren die Nachwuchsmusikerinnen und -musiker, geben dort ihr Bestes und hoffen auf eine Bewertung durch die Jurygremien, die ihnen die Teilnahme am Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ ermöglicht. Drei der Landeswettbewerbe werden an den Deutschen Schulen im Ausland ausgetragen, einer im Westen Europas, einer im Norden und einer im östlichen Mittelmeerraum. Der diesjährige Landeswettbewerb der „Deutschen Schulen östlicher Mittelmerrraum“ fand vom 10. bis 14. März in der Deutschen Evangelischen Oberschule Kairo statt.
Ein Artikel von Ulrich Rademacher

Niemals war es so wenig selbstverständlich, dass er wie geplant über die Bühne gehen konnte. Durch die Terroranschläge weltweit, in Europa und eben auch Ägypten war eine enge Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt, der Deutschen Botschaft in Ägypten und den Leitungen der Deutschen Schulen vor Ort bis zum endgültigen „go“ mehr denn je gefragt.

Nachdem die Entscheidung schließlich gefallen war, hatten Goethe-Institut, Botschaft und Schulleitung nochmals – beinahe eindringlich – ihre Einladung unterstrichen und betont, dass die Sicherheitslage in Kairo nicht bedenklicher als in europäischen Großstädten sei (siehe Brüssel, Köln, Paris etc.), dass auch die Kinder des Botschafters wie alle anderen Schülerinnen und Schüler „nicht im Panzerspähwagen, sondern ganz normal im Schulbus“ jeden Morgen zur Deutschen Schule gebracht würden und dass Kairo sich aller Voraussicht nach als sicherer und gastfreundlicher Austragungsort für den Landeswettbewerb erweisen werde. Dass trotzdem einige Eltern und ein Schulvorstand ihre weitergeleiteten Kinder nicht reisen ließen, wurde mit Traurigkeit und Unverständnis aufgenommen, da so allen Daheimgebliebenen ein eindrucksvolles Erlebnis von kultureller Vielfalt und kulturellem Austausch oder sogar die Teilnahme am Bundeswettbewerb verwehrt wurde. Umso schöner in diesem Zusammenhang, dass einige Visa-Probleme der Jerusalemer Delegation in letzter Minute gelöst werden konnten.

Vielleicht war es gerade das aufregende Umfeld des Wettbewerbs, das ihn in der öffentlichen Wahrnehmung so präsent machte. So verband der Deutsche Botschafter Julius Georg Luy beim Eröffnungskonzert seinen herzlichen Willkommensgruss mit einem engagierten Appell zum kulturellen Dialog. Im Abschlusskonzert sprach der für das kulturelle Erbe zuständige Minister der Ägyptischen Regierung an alle Teilnehmenden und Organisatoren eine Einladung zum Besuch der nationalen Museen in Kairo aus. Die Gastgeber um den Musikpädagogen Jürgen Schober von der Deutschen Evangelischen Oberschule hatten in enger Zusammenarbeit mit dem Vorsitzenden des Landesausschusses, Lorenzo Rüdiger aus Rom, neben einem fachlich und räumlich gewissenhaft geplanten Wettbewerb ein attraktives Rahmenprogramm mit Workshops, Kairo-Führungen in kleinen Gruppen und sogar einen Besuch der Pyramiden vorbereitet, das begeistert angenommen wurde.

In der Gruppe der Schulmusiker, die ja gleichzeitig Lehrende, Organisatoren, Betreuer/-innen und Jurymitglieder sind, gab es in diesem Jahr viele neue Gesichter, da kam der Wunsch nach einer Teambildungs-Maßnahme vor Beginn der Wertungsspiele nicht von ungefähr. Umso eindrucksvoller, wie schnell sich alle in ihre auf den ers-ten Blick schwer miteinander zu vereinbarenden Aufgaben hineinfanden. Bewährt hat sich die Praxis, die Schulmusik-Generalisten in der Juryarbeit durch Fachjuroren – vorzugsweise aus dem Gast-Land – zu ergänzen, wie zum Beispiel in diesem Jahr durch die ehemalige Bundespreisträgerin Farrah El Dibbany, die mittlerweile in Berlin studiert hat und gerade einen Vertrag am Opernstudio der Pariser Oper unterschrieben hat.

Eine Besonderheit war die Premiere für zwei neue – noch auf die Deutschen Schulen in östlichen Mittelmeer begrenzte – Kategorien: die arabische Laute Oud und das Quanun, am ehesten vergleichbar mit unserer Zither. Für viele überraschend und erhellend war in diesem Zusammenhang die Erklärung des Deutschen Botschafters in seinem Grußwort, der davon schrieb, dass das deutsche Wort für „Laute“ vom arabischen Wort „al-Oud“, Holz, stammt, das dann die Vorgängerin unserer Gitarre bezeichnete: Alte, spannende, die Liste der im wechselnden Turnus auszutragenden Sonderkategorien – teilweise kompatibel mit der Bundesebene – umfassen in Zukunft außerdem Bouzouki und Baglama solo oder als gemischte Besetzungen mit anderen Instrumente sowie Tabla-Ensemble. Hier können wertvolle Erfahrungen gesammelt werden, die dann einmal für oder gegen eine Zulassung für bundesdeutsche Regional- und Landeswettbewerbe und die Bundesebene sprechen können. 

Mitzubekommen, wie spannend es ist, wenn kulturelle Grenzen überwunden werden, mitzubekommen, wie Annäherung, Dialog und Austausch möglich werden oder auch schrille Kontraste anregend nebeneinander stehen bleiben, mitzuerleben, wie eine junge Frau mit Kopftuch in der Pop-Wertung hinreißend temperamentvoll und unbegleitet „I need a tough lover“ singt, wie junge Menschen aus Ägypten und Italien, Griechenland und der Türkei, Israel und Palästina über Musik und ihr Leben selbstverständlich auf deutsch miteinander sprechen, ist jedes Mal wieder ein großes Geschenk für alle Beteiligten, die sich schon jetzt auf die nächs-te Begegnung freuen.
  

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