Unglücklicher Zwitter

Engelbert Humperdinck: „Dornröschen“


(nmz) -
Engelbert Humperdinck: „Dornröschen“ (Gesamtaufnahme mit Dialogen). Brigitte Fassbaender, Christina Landshamer, Kristiane Kaiser, Tobias Haaks, Chor des Bayerischen Rundfunks, RO München, Ulf Schirmer. (2 CDs) CPO 777 5110-2
Ein Artikel von Peter P. Pachl

Im Zuge der Wagner-Nachfolge auf der Opernbühne beschritt Humperdinck mit „Hänsel und Gretel“ einen dann für fast zwei Dezennien mustergültig scheinenden Weg. Er verwandelte dazu das zunächst nur vom Klavier begleitete häusliche Singspiel auf ein Libretto seiner Schwester Adelheid Wette zu einer leitmotivisch gefügten, durchkomponierten Oper in symphonischem Orchestergewand (1893). Durchaus artifizieller gelang ihm dies dann mit der Oper „Königskinder“, nach einem Kunstmärchen von Elsa Bernstein-Porges, der eine Fassung als Melodram vorausgegangen war, dessen rhythmische und Tonhöhennotation ihrerseits richtungsweisend wirkte auf Schönbergs Melodram „Pierrot Lunaire“.

Neben den abendfüllenden Opern „Die Heirat wider Willen“ (1905), „Die Marketenderin“ (1914) und „Gaudeamus“ (1919) verarbeitete Humperdinck auch weitere Märchenstoffe nach Grimm zu musikalischen Märchenspielen, ohne bei diesen Arbeiten anschließend den Weg zur durchkomponierten Oper zu beschreiten, etwa „Schneewittchen“ (1888) und „Die sieben Geißlein“ (1895). „Dornröschen“ wurde ihm 1902, während der Arbeit an der Urfassung der „Königskinder“, als Libretto der Autorinnen Elisabeth Ebeling und Bertha Lehmann-Filhés angeboten. Die Berliner Jugendbuchautorin Ebeling verstand es, den Komponisten nach seiner Übersiedlung nach Berlin in Abhängigkeit zu bringen, so dass er sich zur Vertonung des unsäglichen Machwerks verpflichtet fühlte.

„Tonbilder aus Dornröschen“, eine 1902 in Krefeld uraufgeführte fünfsätzige Suite, ist das optimale musikalische Derivat dieses Märchenspiels (so auf der Virgin CD 262396 unter Karl Alfons Rickenbacher und auf Marco Polo 8.223369 unter Martin Fischer-Dieskau). Jenseits dieser symphonischen Teile hat die Musik in unterschiedlichen Situationen thematisch unveränderte Chorsätze. Lieder und Melodramen der Protagonisten haben wenig spezifischen Charakter. Manches, etwa die Musik von Prinz Reinhold, der als Enkel des eins­tigen Bräutigams nach 100 Jahren das schlafende, immer noch schöne Röschen erweckt, erklingt als ein schwacher Nachklang des Königssohns in den „Königskindern“. Das Libretto streckt das Werk all zu sehr in die Länge, wenn der Enkel zu Sonne und Mond reist, um nach den verlorenen Verlobungsringen zu suchen, die er schließlich im Reiche der Zwerge findet, bevor er beinahe der Verführung Dämonias verfällt, um im letzten Moment doch noch rechtzeitig die Prinzessin durch einen Kuss zu erlösen.

Der kundryartigen Figur der bösen Fee Dämonia ist vom Komponisten der Verzicht aufs Singen auferlegt. Brigitte Fassbaender gestaltet die melodramatischen Rezitationen denn auch als verhinderte Diva, mit allzu überzogener Deklamationskunst.

Peinlich ist das hohle Pathos des mit Schauspielern besetzten Königspaares. In der Bearbeitung von Rolf Eger hat der König sogar Dialoge mit dem Dirigenten zu führen.

Von einer Oper ist diese mit zahlreichen Sprechrollen aufwartende Handlung weit entfernt. Die Naivität, mit der die Bayerische Oberlandbühne unter der musikalischen Leitung von Rudolf Maier-Kleeblatt im Jahre 1989 mit dieser Spielvorlage umging, wurde dem unglücklichen Zwitter von Kindermärchen und großer Oper weit mehr gerecht als der vermeintliche Hochglanzschliff bei der Produktion des Bay­erischen Rundfunks im Jahre 2008. Chor und Radiosinfonieorches­ter geben ihr Bestes, und die zumeist jungen Stimmen der Solisten überzeugen insgesamt mehr als die sprechenden oder sprechsingenden Kollegen. Ulf Schirmer leitet das „Ausstattungsstück mit allerhand Musik“ (Humperdinck) beherzt und mit Verve.

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