unüberhörbar 2019/07

Jón Leifs | Paweł Łukaszewski | Elusive Affinity


(nmz) -
Jón Leifs: EDDA II; Hanna Dóra Sturludóttir, Elmar Gilbertsson, Kristinn Sigmundsson, Schola cantorum, Iceland Symphony Orchestra, Hermann Bäumer. BIS +++ Paweł Łukaszewski: Daylight Declines – Chorwerke. Tenebrae, Ltg.: Nigel Short. Signum Classics +++ Elusive Affinity. Bach, Schnittke, Kancheli, Shchedrin, Pärt, Rihm. Anna Gourari, Klavier. ECM New Series
Ein Artikel von Hanspeter Krellmann, Mátyás Kiss, Wolf Loeckle

Jón Leifs: EDDA II; Hanna Dóra Sturludóttir, Elmar Gilbertsson, Kristinn Sigmundsson, Schola cantorum, Iceland Symphony Orchestra, Hermann Bäumer. BIS

Von den unbekannteren Komponisten Nordeuropas ist der Isländer Leifs (1899–1968) wohl der vergessenste. Sein Schaffensziel, eine isländische Nationalmusik, ist er beharrlich und erfolgreich angegangen – Mythen und Natur spiegelnd, hat er diese ausdrucksscharf charakteristisch wiedergegeben. Dafür setzte er eine allgemeine Pflege für klassische Musik auf seinem Heimat-Eiland durch. Da Leifs einer ausgeprägten Modernität in seinen eigenen Werken niemals auswich, lud er zu Hause viel Feindseligkeit auf sich. Seine EDDA, nach Wagners Ring-Mus­ter in vier jeweils abendfüllenden Abschnitten konzipiert, musste er, von todbringendem Leiden gezeichnet, im dritten Zyklus-Viertel aufgeben (dessen rund sechzig Minuten partiturreif fertiggestellte Musik blieben bis heute unbeachtet). Bäumer, seit Jahrzehnten Leifs’ Musik engagiert verbunden, hat, nach EDDA I 2007, EDDA II 2018 in Reykjavik uraufgeführt (!) und aufgenommen. Mit „Lebensbeschreibung der Götter“ untertitelt, gewinnt EDDA II in Leifs’ Klanggestaltung – mit ihrer auf eigene Art prosodischen Erzähldisziplin wie, andererseits, einer bis in Scharfkantigkeit sich aufspreizenden Hymnik – eine großespressiv gegenwärtige oratorische Gestalt. Ihr entspricht Bäumers kompetenter Zugriff auf die sich unmittelbar mitteilende hochoriginäre Kunst Leifs’. · Hanspeter Krellmann

Paweł Łukaszewski: Daylight Declines – Chorwerke. Tenebrae, Ltg.: Nigel Short. Signum Classics

Die spannendste CD mit A-cappella-Chormusik, die mir seit Langem untergekommen ist! Der Pole Łukaszewski (Jg. 1968) macht aus seinem katholischen Glauben keinen Hehl, vor allem aber glaubt er unerschütterlich an die Tonalität – und zwar eine Tonalität, welche durch die (Hör-)Erfahrungen des 20. Jahrhunderts gewissermaßen geläutert wurde. Kein Tonsetzer früherer Zeiten hätte derart vielfältige Mittel zur Verfügung gehabt; so treffen beispielsweise Wendungen aus Strawinskys Psalmensinfonie auf Harmoniewechsel aus dem Progressive Rock der 70er. Łukaszewski hätte sich keine engagierter und perfekter musizierende Sängerschar als den auf dem Kontinent viel zu wenig gepriesenen Chor Tenebrae (Schatten) wünschen können; mit dieser gloriosen Aufnahme müssten der Komponist und seine Interpreten beide endlich aus dem Schatten heraustreten. · Mátyás Kiss

Elusive Affinity. Bach, Schnittke, Kancheli, Shchedrin, Pärt, Rihm. Anna Gourari, Klavier. ECM New Series

Ein Album zum eintauchen in Melancholien, tiefe Gedanken, die Suche nach Ähnlichkeiten, in Tonalitäten und Atonalitäten. Ein Album, das nicht zum reinhören und nebenbei hören verleitet sondern zum zuhören. Anna Gouraris neue Scheibe beginnt mit Bach. Sie endet mit Bach, Johann Sebastian. Im italienischen Gewand. Und sie nimmt uns mit in verrätselte, rätselhafte, Rätsel lösende Territorien von Alfred Schnittke, Giya Kancheli, Rodion Shchedrin, Arvo Pärt, Wolfgang Rihm. Hier öffnet sich eine pianistische Klanglandschaft, die der Musik in ihrer weltweiten Offenheit Tür und Tor öffnet. Die der Einheit von dem, was als neu und dem, was als alt definiert wird, in der spannenden Beziehung zwischen all dem, was wir uns angewöhnt haben, in tonal und atonal zu teilen, Spielraum eröffnet. · Wolf Loeckle

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