Verantwortung tragen vor allem die Lehrenden

Gedanken zur Musikergesundheit: Internationales und interdisziplinäres Symposium an der Kunstuniversität Graz


(nmz) -
Die Musik zum Beruf machen zu können gilt für viele Menschen als Verkörperung eines Traums – sein ganzes Leben das auszuführen, was einem am meisten Freude bereitet. Die Wirklichkeit besteht jedoch darin, dass vor allem professionelle Musikerinnen und Musiker in zunehmendem Maße mit verschiedensten berufsspezifischen Beschwerden und Krankheiten konfrontiert sind, die sie bei der Ausführung ihrer Arbeit behindern oder sogar zum Aufhören zwingen. Eine Untersuchung zur Häufigkeit von Schmerzen bei Orchestermusiker/-innen aus dem Jahre 2000 ergab, dass 58 Prozent von ihnen unter Schmerzen beim Musizieren litten. (Diese Ergebnisse stammen aus Untersuchungen von Musiker/-innen aus weltweit 56 Orchestern und 1.639 ausgefüllten Fragebögen (vgl. James, I. (2000): Survey of Orchestras. Overview of a national survey. In: Tubian, R./ Amadio, P.C. (Hrsg.): Medical problems of the instrumenalist musician. London: Martin Dunitz Ltd. S. 369–378)
Ein Artikel von Silke Kruse-Weber

Aber auch junge Musikschüler/-innen sowie Studierende klagen über spielbedingte Schmerzen beim Musizieren. Betroffen sind demnach sowohl Profis als auch Laien. Zu den physischen Risikofaktoren zählen unter anderem dauerhaft einseitige und fehlerhafte körperliche Belastungen und Bewegungen sowie ungenügende kinästhetische Wahrnehmung und fehlende selbst­regulierende Fähigkeiten. Die psychischen Hauptstressoren kreisen im Wesentlichen um das konkurrierende Umfeld, Ungeduld und Frustration über die eigene musikalische Entwicklung, Auftrittsangst, Unsicherheit über die berufliche Perspektive, Konflikte zwischen Musikausübung und Privatleben, Belastung durch ständiges Üben sowie depressive Verstimmungen und Konzentrationsschwierigkeiten (Spahn, Claudia/Richter, Bernhard/Altenmüller, Eckhart (Hrsg.) (2011): MusikerMedizin: Diagnostik, Therapie und Prävention von musikerspezifischen Erkrankungen. Stutt­gart: Schattauer. S. 12).

Trotz alarmierender Befunde stellt die Thematik „Krankheit“ ein Tabuthema dar. Bei körperlichen oder seelischen Einschränkungen werden Musikerinnen und Musiker leicht als ungeeignet für das Konzertieren bezeichnet. So ist nachvollziehbar, dass Defizite verleugnet und störende Signale unbeachtet gelassen werden, anstatt sofortige Entlastung zu schaffen. Verdrängung kann jedoch den Grundstein für spätere Erkrankungen legen. Gesundheit umfasst subjektiv empfundenes körperliches sowie seelisches Wohlbefinden, welches lebenslang immer wieder neu hergestellt werden muss. Sie bildet die Voraussetzung für die motivierte Entwicklung künstlerischer Potentiale und erfolgreiche Bewältigung beruflicher Herausforderungen.

Die Kunstuniversität Graz hat sich dem brisanten und komplexen Thema der Musikergesundheit im Laien- und Profimusizieren gewidmet. Vom 21. bis zum 22. Juni 2013 fand im dortigen MUMUTH ein Symposium statt, an dem rund 180 Gäste aus dem In- und Ausland teilnahmen. Die Thematik dieses Symposiums mit dem Titel „Traum und Wirklichkeit. Gesundes und motiviertes Musizieren – ein Leben lang.

„(Inter)disziplinäre Ansätze zur MusikerInnengesundheit“ vereinte Wissenschaftler, ausübende und unterrichtende Musiker/-innen, Musikcoaches sowie Experten der Bereiche Psychologie, Musikmedizin, Neurobiologie, Physiotherapie, Elektrotechnik, Entspannungs- und Körpermethoden und Mentaltraining.

Das Symposium fungierte als Initiator, um Fachwissen und praktische Impulse zu vermitteln sowie die Teilnehmenden für die Risiken beim Musizieren zu sensibiliseren. Die Referentinnen und Referenten spannten durch ihre unterschiedliche Expertise einen weiten inhaltlichen Bogen: Prof. Dr. Peter Röbke (Wien) widmete sich der grundsätzlichen Beziehung von Musik, Musiker und Instrument. Prof. Dr. Gary McPherson (Melbourne) gab Einblicke in seine Forschung zum selbstbestimmten und selbstregulierten Lernen. Prof. Dr. Heiner Gembris (Paderborn) und Prof. Dr. Horst Hildebrandt (Zürich) stellten Studien zur Musikergesundheit beziehungsweise Musikermedizin vor und nahmen Lösungsstrategien in pädagogischen Kontexten in den Blick. Prof. Dr. Wilfried Gruhn (Freiburg) beleuchtete neurowissenschaftliche und biomechanische Aspekte von Musik und Motorik, Prof. Dr. Helmut Moeller (Berlin) setzte einen Schwerpunkt zum Thema Lampenfieber und Aufführungs­angst. Die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin (DGfMM), Prof. Dr. Maria Schuppert (Detmold), berichtete über die Implementierung der Musikermedizin in die musikalische Hochschulausbildung. Prof. Dr. Freia Hoffmann (Oldenburg) referierte aus ihren Fallstudien zu Nähe und Distanz beziehungsweise Grenzüberschreitungen im instrumentalen Einzelunterricht. Tobias Grosshauser (Zürich) stellte erstmalig eine neue Software („creative music lab“) zum Evaluieren und Spiegeln des eigenen Instrumentalspiels vor, die umfassende Einsatzmöglichkeiten für viele Bereiche der Instrumentalpädagogik bietet. Hildegard Wind (Bamberg) sprach aus ihrer eigenen Erfahrung im Umgang mit fokaler Handdystonie und über ihre neu gewonnene positive Einstellung zum Musizieren durch Feldenkrais. Prof. Ulrike Wohlwender (Stuttgart) stellte zusammen mit Oliver Margulies (Zürich) die bisher wenig beachtete „Musikerhand“ in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Prof. Dr. Matthias Bertsch (Wien), derzeit auch Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Musik und Medizin (ÖGfMM), gab praktische Impulse zu Netzwerken und stellte Zugänge zur wissenschaftlichen Recherche von Themen innerhalb der Musikergesundheit vor. Dr. Magdalena Bork ermöglichte den Teilnehmenden in ihrem Workshop, die Tagungsthemen Traum, Wirklichkeit und Musikergesundheit auch persönlich reflektieren zu können.
Darüber hinaus wollte das Symposium Lösungsstrategien und Ansätze für den ganz persönlichen musikalischen Alltag bieten. Hierzu gab es ein breites Angebot an funktionalen körperbezogenen Methoden: unter anderem Fel­denkrais, Alexandertechnik, Qi Gong und Yoga. Abgerundet wurde das Angebot durch die Möglichkeit, dass Studierende der Kunstuniversität in Einzelarbeit mit den Coaches Elisabeth Grabner und Elke Dommisch ganz persönlichen Fragestellungen nachgehen konnten.

Präventivangebote nützen nur dann, wenn effiziente Übestrategien, ein positives Selbstkonzept, und ein physiologisch gesundes Instrumentalspiel vorhanden sind. Verantwortung für die Gesundheit von Musikerinnen und Musikern tragen vor allem die Lehrenden im instrumentalen und vokalen Unterricht. Bereits im Anfangsunterricht können die Weichen dafür gestellt werden, ob jemand körperbewusst oder körperfeindlich, subjektiv bedeutungsvoll oder entfremdet musiziert. Auf allen Niveaus sollten Instrumentallehrende autonomie- und kompetenzunterstützend sowie fehlerfreundlich und unter Berücksichtigung individueller und sozialer Bedürfnisse unterrichten. Wesentlich ist die Vermittlung strukturierter Übekonzepte, sodass die Studierenden sich selbst gesund üben, ihr Selbstkonzept stärken und dadurch motiviert werden (vgl. Gerhard Mantel (2010): Sich gesund üben. Wie wir das Verhältnis von Belastbarkeit und Belastung selbst verbessern können. In: Üben und Musizieren 1/2010. S. 10–14).Gesunderhaltend wirkt auch, nicht primär defizit­orientiert zu denken, also nicht einseitig das Negative herauszustellen, und im Unterricht dem Lernenden nicht autoritär und mit verengten behavioristischen Sichtweisen gegenüber zu treten. Auch die nicht-instrumentalen Fächer und Veranstaltungen an der Hochschule und Musikuniversität können in dieser Weise einen Beitrag zur Gesunderhaltung der Studierenden leisten.

Insgesamt haben sich folgende musikmedizinische Präventivmaßnahmen (vgl. Hans Christian Jabusch in einem Vortrag bei den Saarbrücker Klaviergesprächen 2012)  als regulär herauskristallisiert: Jedes Musizieren sollte mit einem Aufwärmen und Dehnen beginnen. Gesunde Musiker/-innen üben mit Erholungspausen und Abwechslung und achten auf vielseitige Bewegungen. Bei spieltechnischen Problemen sind unterstützende pädagogische und instrumentenspezifische Maßnahmen von zentraler Bedeutung. Mentales Üben sollte auf allen Leistungsstufen in das physische Üben eingegliedert werden. Zur Vermeidung externer Auslöser gehören zum Beispiel die richtige Sitzposition, die angemessene Größe des Instruments oder ein individuell angepasster Kinnhalter. In jedem Fall sollten Musikerinnen und Musiker auf regelmäßigen körperlichen Ausgleich achten.

Auf der Suche nach gesunderhaltenden Kriterien ist es nicht zuletzt die Aufgabe aller Lehrenden in der (Hochschul-)Ausbildung, günstige Voraussetz­ungen für ein psychisch und physiologisch gesundes und authentisches Musizieren zu schaffen sowie auf eine niedrige Stressbelastung durch musikalisch-künstlerischen Druck zu achten (Vgl. Samsel, Walter/Möller, Helmut (2006) zitiert nach Abilgaard, Peer (2010): „Hauptsache gesund!“ Sind Musiker kränker als andere Menschen? In: Üben und Musizieren 1/2010. S. 8).

Einige Hochschulen und Musikuniversitäten haben ihre Verantwortung erkannt und richten je nach inhaltlicher Gewichtung, finanzieller Ausstattung und personellen Ressourcen Zentren für Musikmedizin mit individueller Beratung ein oder bieten Lehrveranstaltungen (curricular verankert oder als freies Wahlfach), Gastkurse, Weiterbildungen, Schwerpunktstudien in Musikphysiologie sowie präventiv verschiedene Körpermethoden und Entspannungstechniken an (Schuppert, Maria (2010): Einen fruchtbaren Boden bereiten. Zur Implementierung der Musikergesundheit in die Hochschulausbildung. In: Üben und Musizieren 1/2010. S. 22–27)

Wer das Symposium nicht miterleben konnte, kann das detaillierte Programm sowie die Hauptbeiträge in der Dokumentation nachlesen, die voraussichtlich im Frühjahr 2014 erscheint, oder in dem Blog, der im Herbst 2013 eingerichtet und über die Homepage http://igp.kug.ac.at abrufbar sein wird.

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