Vergessene Interpreten, Repertoire-Raritäten

Neue Produktionen mit Lorraine Hunt Lieberson, Endre Wolf, Stella Doufexis, Oslo String Quartet


(nmz) -
Lorraine Hunt Lieberson – A Tribute: Arien von Händel, Bach und Purcell +++ Der große Geiger Endre Wolf mit allen dänischen Tonaufnahmen 1949–1951 +++ Hamlet Echoes mit Stella Doufexis, Pauline Sachse, Daniel Heide +++ Wilhelm Stenhammar: Streichquartette 3 bis 6. Oslo String Quartet
Ein Artikel von Hanspeter Krellmann

Lorraine Hunt Lieberson – A Tribute: Arien von Händel, Bach und Purcell. Freiburger Barockorchester, Philharmonia Baroque Orchestra, Nicholas McGegan.
harmonia mundi usa 907471.72

Hat die unbarmherzige Vergessens-Üblichkeit Lorraine Hunt Lieberson schon unserem Blick entzogen? Die amerikanische Sängerin erlag 2006 mit 52 einem schweren Krebsleiden. Die Tätigkeits-Schwerpunkte der einzigartigen Künstlerin lagen, trotz zahlreicher kontinental-europäischer Abstecher, in USA und Großbritannien. Ein Album mit zwei CDs erinnert an die begnadete Händel-Sängerin. Ihr warm timbrierter, weich und empfindungserfüllt geführter Mezzo klingt berührend. Für die Barockmusik hat sie hörbar gebrannt. Dazu fächerte sich ihr umfassendes Repertoire stilistisch breit auf – unter Einschluss der Kompositionen ihres Ehemannes Peter Lieberson, der fünf Jahre nach ihr an derselben Krankheit gestorben ist. Ihre so lautere Künstler-Erscheinung bleibt im heutigen Musikalltag die Ausnahme.

Der große Geiger Endre Wolf mit allen dänischen Tonaufnahmen 1949–1951
Danacord 714/715 (Klassik Center Kassel)

Der ungarische Geiger Endre Wolf gehörte zur Generation der Schneiderhan, Szeryng, Végh. Er war in Dänemark sesshaft geworden, von wo aus er überall konzertierte. Kaum verbreitete Tonträger bezeugen seine souveräne Kunst eines schlichten, stilsicheren, musikalisch tief eindringenden Spiels. Die vorliegende Doppel-CD beschert als Beweis ausgezeichnete, zwischen 1949 und 1951 entstandene Mono-Aufnahmen von Mozart-, Tschaikowsky- und Bruch-Konzerten mit dänischen Orchestern und Dirigenten (Thomas Jensen, Erik Tuxen) sowie von zwei in höchstem kammermusikalischen Geist vorgetragenen Beethoven-Sonaten (mit seiner ersten Ehefrau Antoinette als Pianistin). 

Wolfs Spiel zeichnet sich aus durch eine mühelos-gelassene Unaufgeregtheit, ohne je in ein nivellierendes Gleichmaß zu verfallen. Eine Empfehlung für seine Schüler lautete, schöner zu spielen als jene, die das schneller und lauter könnten. Nach dieser Rezeptur verfuhr auch er selbst als Solist. Seine Interpretations-Ergebnisse sind eine bleibende Erinnerung wert. 

Hamlet Echoes mit Stella Doufexis, Pauline Sachse, Daniel Heide
CAvi-music 8553234 (helikon harmonia mundi)

Der Titel dieser konzeptgebundenen CD, Hamlet Echoes, leitet sich her von Christian Josts gleichnamigem, im Zentrum der Aufnahmen positionierten Monolog nach Shakespeare. Diesem ordnen sich, mit der anspruchsvollen dramaturgischen Idee als Ariadnefaden, charakteristische Situationsgesänge unter mit der Originalbesetzung für Mezzostimme, die ihr klangnahe Bratsche und Klavierbegleitung. Lieder von Liszt, Brahms, Frank Bridge, Schostakowitsch und Charles Martin Loeffler (eine veritable Entdeckung!) rahmen die thementragende Komposition Josts. Die im Nachklang musikalisch so gegenwärtig bleibenden Darstellungen fügen sich zu einer bildhaften Klangfolge. Die verdankt sich der diktionsgenauen, mit schönstem Stimmklang intonierenden Sängerin Stella Doufexis, der gewichtige Kantilenen ausspielenden Bratscherin Pauline Sachse, dem seinen differenzierten pianistischen Aufgaben souverän gewachsenen Daniel Heide. Die vorbildliche Programm-Dramaturgie spricht für sich selbst.

Wilhelm Stenhammar: Streichquartette 3 bis 6. Oslo String Quartet
cpo/jpc 777426-2

Wer spricht noch von Wilhelm Stenhammar? Nationalität, ein überreich bestücktes Konkurrentenumfeld, seine zeitaufwendigen musikalischen Betätigungen, schließlich sein relativ früher Tod bieten für eine Erinnerungshaltung keine günstigen Voraussetzungen. Er war Zeitgenosse von Carl Nielsen und Sibelius, von Hugo Wolf, Mahler, Busoni, Richard Strauss, Pfitzner und Reger, aber auch von Schönberg. Vor allem aber war er Schwede, galt als der beste skandinavische Pianist seiner Zeit mit reichen Auslandstätigkeiten, war in seinem Heimatland Dirigent mit wichtigen Beschäftigungsverhältnissen. Hauptsächlich aber wollte er komponieren. Das tat er skrupulös, verwarf vieles, suchte unablässig nach der ihm gemäßen Stillösung und vermied dabei zu offensichtliche Anlehnungen. So blieb sein Schaffen quantitativ übersichtlich, in Form und Struktur klassisch, im Ausdruck spätromantisch mit bemerkenswerten Abweichungen. Seine sechs Streichquartette dürfen als ausgefallene Funde betrachtet werden. 

Mit beethoven’scher Verarbeitungsdisziplin durchdrang er minutiös die klangsprachliche Substanz, errichtete exakt kalkulierte Spannungsverläufe, die nie Maß und Ziel überschreiten. Dadurch verlieh er seiner Musik eine unüberbietbare Eigenart. In seinen Kompositionen leistete sich Stenhammar keinerlei modische Extravaganzen, überstrapazierte nie die ausgewählten Mittel, folgte seinem rigide gehandhabten Eigenanspruch kompromisslos. 

Die Quartette drei bis sechs, die dafür einstehen, werden vom Osloer Streichquartett hochengagiert gespielt. Der den Kompositionen innewohnende Repertoireanspruch der vier hier vorgestellten Stücke besteht unüberhörbar.

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