Verlängerte Handlung: „Der Ring des Nibelungen“ aus Weimar auf DVD und Blu-ray


(nmz) -
Bevor sich Richard Wagner an die Ausführung des „Ring des Nibelungen“ machte, hatte er mit der Komposition der Heldenoper „Siegfrieds Tod“ begonnen, aus der später die „Götterdämmerung“ wurde. In Richard Wagners Kompositionsskizze singen Siegfried und Brünnhilde bei ihrem Abschied dieselben Worte wie in der Endversion, jedoch im Stile von Lohengrin und Elsa; nur die Nornen lassen – rückbezogen auf das frühe Schicksalslied vom Tannenbaum aus Wagners Rigaer Zeit – die späteren Dimensionen ahnen. Die­se ersten beiden Szenen von „Siegfrieds Tod“ wurden bereits wiederholt auf CD eingespielt (MGB CD 6156 und Guild GCD 7923).
Ein Artikel von Peter P. Pachl

Auf der Bühne floss die Urform der Nornenszene erstmals mit ein in eine Gesamtinterpretation des „Ring“, die in den Jahren 2005 bis 2008 im Nationaltheater Weimar produziert wurde und nun komplett auf sieben DVDs (Arthaus 3467113, 9387542, 9389977, 4090002) oder Blu-ray Disc (Schuber: Arthaus 101 374) vorliegt. Dass sich die gesamte Spieldauer dieses Zyklus’ mit den diversen gesprochenen und gesungenen Zutaten nicht wesentlich verlängert, liegt an der forschen Lesart des Dirigenten Carl St. Clair. Unter dessen Leitung blüht die Staatskapelle Weimar als jener Klangkörper, den Franz Liszt hier geschliffen hat, in der Dramatik der Naturszenen wie in lyrischen Momenten, zur Hochform auf. Das makellos intonierende Orchester gehört zu den wenigen musikalisch rundum ausgezeichneten Partien dieser Live-Gesamteinspielung.

Das sängerische Niveau bleibt dahinter leider weit zurück – bis auf eine Ausnahme: die Altistin Nadine Weissmann, die eine sinnlich berückende Erda und später auch die Waltraute und die zweite Norne verkörpert. Die Sängerdarstellerin der Brünnhilde, Catherine Foster, partiell auch Johnny van Hall als junger Siegfried, gehören zu den erfreulicheren Erlebnissen der Besetzung. „Götterdämmerungs“-Siegfried Norbert Schmittberg vermag wenig auszustrahlen, da er primär bemüht ist, die Einsätze des Dirigenten zu sehen. Die allerdings für ein großes Theater kaum fassbaren Tiefpunkte gesanglicher Leistungen sind bei Fri­cka und Alberich erreicht. „Live“ hin oder her, es gibt wohl kaum einen „Ring“ auf CD, bei dem so viel falsche Töne verewigt wurden.

Andererseits ist die vom Publikum frenetisch gefeierte Inszenierung kamera- und bildregietechnisch brillant eingefangen, und optisch ist kaum zu glauben, dass es sich um den Mitschnitt nur einer Aufführung handelt – aber dies wird im Beiheft weder behauptet noch bestritten, denn es sind keine Aufnahmedaten genannt.

Die Regie von Michael Schulz wartet mit zahlreichen, durchaus ungewöhnlichen Lösungen auf. Da gibt es nicht nur drei, sondern eine Vielzahl von Rheintöchtern auf einer erhöhten Rampe. Wotan und Alberich sind anfangs gleichgewichtige Gegenspieler, Alberich bindet sich große Schuhe an die Knie, um sodann als Zwerg durch die Szenerie von Dirk Becker zu schlurfen. Verblüffende Wirkungen entstehen durch zusätzlich eingeführte Personen, wie durch Fortsetzung des Spieles von Handlungsträgern der Tetralogie, deren Anwesenheit in diesen Szenen nicht vorgesehen ist. So bleibt Waltraute, die bei ihrem Besuch Brünnhildes in der „Götterdämmerung“ ihre sieben Schwestern hinter sich hergezogen und mit auf den Walkürenfelsen gebracht hat, auch nach Ende dieser Szene an Brünnhildes Seite. Donner und Froh werden nicht nur zu Umbau-Arbeitern, sondern sie vergewaltigen und töten jenen Teenager, der dem Waldvogel Aussehen und Stimme geliehen hatte.

Auf Wagners Vorliebe für intensive Gerüche kann sich der Regisseur berufen, wenn das Olfaktorische in dieser Inszenierung eine wichtige Rolle spielt und sich beispielsweise Siegmund und Sieglinde durch Geruchsvergleich ihrer Augenbinden aus Kindertagen erkennen. Da die Kindheit fast aller Figuren des „Ring“ in der Vorgeschichte von Wichtigkeit ist, sind zahlreiche Haupthandlungsträger durch Kinder gedoubelt. Diese rezitieren vor Beginn des „Rheingold“ besagte Verse der Nornen aus „Siegfrieds Tod“, und vor der „Walküre“ lässt sich Wotan, von Harfe begleitet, diese Urfassung der Geschichte von den Walkürenkindern vorsingen, bis ein gellender Schrei des jungen Hagen in Walhalls Salon dringt, die Beschaulichkeit stört und mit dem Orchestervorspiel die Handlung des ersten Aufzuges einsetzt. Vor Beginn des „Siegfried“ erlebt der Betrachter das Kind beim Studium in Büchern, und dazu erklingt über Band ein Tagebucheintrag Cosima Wagners über Siegfrieds erlittenes Leid bei der vom Vater verlangten Zerstörung seines Theaters im Wahnfried-Garten. So schlägt der Regisseur eine Parallele zwischen dem bourgeoisen Alltag der Wagner-Familie und der Sippe Wotans.

Zu den gelungensten Szenen gehört der Walkürenritt, der hier im Kinderzimmer der Walküren, in den Hochbetten eines Mädchenpensionats, als ausgelassene Kissenschlacht passiert. Am Ende der „Götterdämmerung“ steht der tote Siegfried wieder auf und verlässt mit Brünnhilde die Szene, während sich die Bevölkerung, die im Vorspiel des Schlussabends als aggressive No-Future-Bewegung aufgetreten war, in einem Regenguss alle Erlebnisse von sich abwäscht. Eine durchaus originelle, bisweilen erhellende szenische Interpretation, deren Intensität und Innovation allerdings an den bei Decca erschienenen „Ring“ aus Kopenhagen nicht heranreicht. Aufschlussreich ist jedoch der Vergleich zwischen DVD und Blu-ray. Nicht nur, dass man bei der Blu-ray-Edition den Bildtonträger während der Oper nicht wechseln muss, da eine gesamte Oper auf eine Blu-ray-Scheibe passt. Faszinierend ist die Bildschärfe und -tiefe, ohne die störenden Verwischungen bei Fahrten (insbesondere auf LED-Bildschirmen) ein echter Qualitätssprung!

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