Voller Einsatz an der Orgel

Ein neu entwickeltes Kinderpedal erleichtert Musizieren


(nmz) -
Sie gilt als „Königin“ unter den Instrumenten. Und es ist wahrlich eine Königsdisziplin, die Orgel zu spielen. Man muss sich auf mehreren Tastaturen zurechtfinden und ist mit beiden Händen und Füßen gleichzeitig im Einsatz. Manuale und Pedale zu bedienen, ist Kindern zeitgleich oft nicht möglich. Mal sind die Beine zu kurz, mal die Arme – je nachdem, auf welche Höhe die Orgelbank gerade eingestellt ist. Doch in Hamburg ist vor wenigen Wochen ein neues Kapitel im Orgelunterricht aufgeschlagen worden: Ein eigens entwickeltes Kinderpedal ermöglicht es jungen Orgelbegeisterten seit kurzem, mit beiden Händen und Füßen gleichzeitig in Aktion zu sein.
Ein Artikel von Chantal Nastasi

„Ich finde die Orgel toll, weil sie ein großes Instrument ist und sie einfach schön ist!“ – Der zehnjährige Mattis spielt seit zwei Jahren Orgel. Zuvor hat Mattis Klavier gespielt. Doch das wurde ihm auf Dauer langweilig. Irgendetwas fehlte.

Das majestätische Gefühl, wenn große Orgelpfeifen durch Luft in Schwingung gebracht werden, hat auch Mattis’ Lehrerin Kerstin Petersen früh gefangengenommen. „Ich habe manchmal stundenlang neben der Orgel gesessen, auch ohne zu üben“, erzählt sie. „Ich wollte irgendwie immer in der Nähe der Orgel sein und so wurde die Orgelempore zu einer Art zweitem Kinderzimmer für mich. Bisschen verrückt vielleicht, aber ich glaube im Nachhinein, dass mich die Art der Tonerzeugung so fasziniert hat – wie der Wind in die Tasten einströmt. Damit habe ich mich auf Anhieb verbunden gefühlt.“ Folgerichtig studierte Kerstin Petersen Orgel in Herford, Bremen und Heidelberg. Seit 2010 lebt sie in Hamburg und gibt neben ihren solistischen Tätigkeiten mit viel Begeisterung Orgelunterricht. Doch die wenigsten wissen, dass man dieses Instrument bereits in jungen Jahren erlernen kann. „Das fiel mir auf, als ich bei ‚Jugend musiziert‘ Jurorin war und sah, dass es immer nur eine oder zwei Anmeldungen von 12- oder 13-Jährigen gab. Die haben sich – wahrscheinlich aus totaler Orgelbesessenheit heraus – selber und individuell einen Weg geöffnet. Aber es gibt das Angebot sonst so gut wie gar nicht.“ Die Orgel in der Evangelischen Grundschule an der Osterkirche in Hamburg-Ottensen staubte tatsächlich schon vor sich hin. Kaum jemand kommt auf die Empore des Raumes, in dem sie steht. Kerstin Petersen lacht. „Mein erster Blick in einer Kirche oder in einem Raum geht immer nach oben. Wo ist die Orgel? Und als ich hier in diesem Raum stand, dachte ich, ich traue meinen Augen nicht: Da stand eine Orgel mit einem wirklich auffälligen, langgezogenen Pfeifenprospekt. Ich war natürlich sofort magisch angezogen.“ Doch der Generalschalter für die Orgel war abgestellt, sie wurde ja nicht genutzt. Das hat sich inzwischen geändert. Das Instrument, eine Walcker-Orgel, erwies sich als voll funktionstüchtig mit einem wunderbar samtenen Klang. Kerstin Petersen bot die ersten Schnupperstunden für die Grundschulkinder an.

„Kerstin Petersen hat die Orgel quasi reanimiert. Und es war letztlich Mattis selber, der das dann irgendwann gehört hat – bei einer Andacht, bei der sie hier in der Schule gespielt hat – und dann gesagt hat: ,Das will ich auch!‘“, erinnert sich Mattis’ Mutter Anke. Wie Mattis ist auch die neunjährige Mia ganz begeistert vom Klang der Orgel. „Mir gefällt, dass die Töne so schön klingen“, sagt sie und strahlt. Zuhause kann sie auf einer elektronischen Orgel üben, ein altes Familienerbstück, das auch wieder reaktiviert wurde. Moritz fasziniert, wie er durch das Verstellen der Knöpfe dem Instrument verschiedene Klangfarben entlocken kann. „Morgens spiele ich auf der Orgel und abends spiele ich zuhause auf einem Klavier.“

Als Kerstin Petersen mit dem Unterrichten in der Evangelischen Grundschule anfing, musste sie, je nach Stück, die Orgelbank ständig rauf- und runterschrauben. Ihre Schüler konnten entweder Stücke ausschließlich mit den Manualen spielen oder ausschließlich mit den Pedalen. „Beides gleichzeitig ging eben nicht, weil die Proportionen der Kinder einfach anders sind“, sagt Kerstin Petersen. „Darum haben wir das immer abwechselnd gemacht, aber auf Dauer ist das natürlich nicht so befriedigend.“ Schon vor längerer Zeit war sie auf eine skandinavische Kollegin aufmerksam geworden, deren Studenten Kinder nach der Suzuki- Methode unterrichten. So hörte Kerstin Petersen erstmals auch von Kinderpedalen, die auf den eigentlichen Pedalen befestigt werden. „Ich habe dann bei den Orgelbauern in Deutschland angefragt, ob sie so etwas entwickelt haben oder Lust haben, das zu entwickeln. Und nach fünf Jahren etwa, das hatte wirklich viel Vorlauf, habe ich dann einen Orgelbauer in Lübeck gefunden. Und die Evangelische Kirchengemeinde, der Träger der Grundschule, hatte auch Interesse, hier einen Standort für Kinder einzurichten und hat mich dann offiziell beauftragt, dieses Projekt auf den Weg zu bringen.“ Von Grund auf musste der Orgelbauer Rainalt Klein dann einen Pedalaufsatz konstruieren, einen hölzernen Kasten mit 27 Pedalen, die über einen Stift auf den jeweils darunterliegenden, ursprünglichen Pedaltasten fixiert werden. „Man findet auch keine Erfahrungswerte und Maße im Netz. Denn es gibt keine Normgrößen für die Pedale“, erzählt Kerstin Petersen.

Es ist ein völlig neues Konzept in Deutschland, Aufsätze zu konstruieren, durch die sich die Orgelpedale erhöhen, die Orgelbank aber nicht verstellt werden muss. Als sich herausstellte, dass das Projekt auch nicht überdimensional teuer werden würde, konnte noch eine zweite Erhöhungsstufe entwickelt werden, die auch noch kleineren Kindern das Spielen des Instruments ermöglicht. Ein neuer Weg für Kinder und kleingewachsene Menschen, die Königin Orgel in ihrer Gesamtheit spielen zu können.

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