Vom Wunsch nach Veränderung – Der Pianist, Komponist und Kulturbeweger Franz Liszt im Gespräch


(nmz) -
Als sich im Jahr 1861 der Allgemeine Deutsche Musikverein konstituierte, zählte Franz Liszt zu den Gründungsmitgliedern. Bis zu seinem Tod war er dem Verein und dessen regelmäßig veranstalteten Tonkünstlerfesten eng verbunden. Schon in seiner Zeit als reisender Klaviervirtuose hatte er sich, etwa in der Artikelserie „Über die Situation der Künstler und ihre Stellung in der Gesellschaft“ (1835 in französischer Sprache erschienen), „kulturpolitisch“ geäußert, später plante er die Gründung einer Goethe-Stiftung, die mit Wettbewerben in verschiedenen Disziplinen der Kunstförderung dienen sollte. Grund genug, anlässlich seines 200. Geburtstags im Oktober das Gespräch mit ihm zu suchen.
Ein Artikel von Franz Liszt, Juan Martin Koch

 

neue musikzeitung: Verehrter Meister, darf man nach dem werten Befinden fragen?

Franz Liszt: Ich stecke tief in der Arbeit. Je mehr man das Feld besäet, je mehr erweitert es sich. Man müsste ein Methusalem-Alter vor sich haben, um etwas Ausgiebiges zu leisten! (1)

nmz: Keine falsche Bescheidenheit! Ihr Wirken in Weimar ist ebenso in die Musikgeschichte eingegangen wie Ihre Triumphe als Klaviervirtuose, obwohl es dort für Sie wahrlich nicht immer einfach gewesen ist…

Liszt: Wenn ich dennoch ein Dutzend Jahre in Weimar geblieben bin, so bin ich dort von einem Gefühl zurückgehalten worden und obendrein von einer großen Idee: die der Wiedergeburt der Musik durch das innigste Bündnis mit der Dichtung… (2)

nmz: …eine der musikästhetischen Positionen, die Sie zu einem der Protagonisten in der großen Kontroverse um die „Zukunftsmusik“ der „Neudeutschen Schule“ gemacht haben.

Liszt: Nirgends habe ich weder geschrieben noch ausgesprochen, daß ich mit irgendeiner umstürzlerischen Theorie verwachsen wäre – dagegen habe ich überall den Enthusiasmus ausgedrückt, den mir das Schöne einflößt, und zwar jede Art des Schönen. Was die Kunst betrifft, so haben Theorien für mich gar keinen Wert. (3)

nmz: Da trifft es sich gut, dass wir heute einmal weniger über die Musik selbst, denn über deren Bedingungen in der Gesellschaft sprechen wollen. Wie Sie wissen, steht es damit ja bis heute nicht zum Besten. Teilen Sie diese pessimistische Sicht?

Liszt: Überall auch, bei allen Klassen von ausübenden, lehrenden oder komponierenden Musikern, hörten wir Klagen, Widerrufe, Worte der Unzufriedenheit und des Zorns, den Wunsch nach Veränderung oder Verbesserung, Sehnsucht nach einer besseren, angenehmeren Zukunft; eine mitunter dumpfe und widersprüchliche Sehnsucht, welche aber stets die Gärung der neuen Hefe verrät. Mehr oder weniger offen, mehr oder weniger tief: Alle leiden. Sei es in ihrem Kontakt mit dem Publikum oder der Gesellschaft; sei es im Namen der Herren Theaterdirektoren, der Herren Kritiker-Feuilletonisten, der Herren Ministerialbeamten, der Herren Musikalienhändler etc. etc. (4)

nmz: Wo liegen aus Ihrer Sicht die Hauptgründe für diese Misere?

Liszt: Unbedingt liegt in der Vereinzelung und Lähmung der Kunst-Autoritäten ein sehr gewichtiges Hemmnis, welches in seiner Fortdauer die Kunst wesentlich beeinträchtigen und gefährden muss. (5) Nach dem Urteil eines jeden, ob Reaktionär oder Neuerer, ob unverbesserlicher Fanatiker des Status quo oder kühner Theoretiker des Fortschritts, genießt die Kunst uneingeschränktes Bürgerrecht. In dieser Beziehung sparen selbst die wichtigen Verteidiger der Ordnung nicht an schönen Worten und großen Gläsern voller parlamentarischen Zuckerwassers. Gegenwärtig ist also nichts gebräuchlicher, trivialer, als mit hohlen und wohlklingenden Phrasen die angebliche Macht der Kunst zu preisen, die ebenso wahr und ebenso erlogen ist wie die angebliche Macht des Volkes. (6)

nmz: Woher rührt die Machtlosigkeit der Kunst und der Künstler?

Liszt: Musik und Musiker leben bisher nur ein künstliches und unvollkommenes Leben an der Oberfläche der Gesellschaft. Durch irgendein mir unbekanntes Verhängnis sind die Künstler verurteilt, ohne Verbindung, ohne Würde und ohne Weihe zu vegetieren, selbst in ihrer materiellen Existenz sind sie der Willkür des ersten besten ausgeliefert; und was jene Einrichtungen betrifft, die wir Institutionen nannten, so kümmert man sich um sie ebensowenig wie um den einzelnen. (7) Um auf die Rolle eines wirklichen Künstlers Anspruch erheben zu können, handelt es sich nicht nur darum, Talent, Herzens- und Geistesgröße zu besitzen, sondern obendrein noch gesunden Menschenverstand, vernunftgemäßes Benehmen, und ich möchte sogar sagen, einen gewissen Rechnungssinn. (8) „Kein Kreuzer, kein Schweizer“, sagt das alte Sprichwort. Die germanische Wissenschaft und Kunst sind wenigstens ebenso geldbedürftig wie die Schweizer von ehemals. Gelehrte und Künstler bilden eine Bande armer Teufel! (9)

nmz: Von der prekären materiellen Situation abgesehen, steht es aber auch um einzelne Institutionen des Musiklebens nicht zum Besten, wenn ich Ihre Andeutung richtig verstanden habe. Das Konzertwesen zum Beispiel…

Liszt: Was ist langweiliger, sterbenslangweiliger als Dreiviertel aller Konzerte? Wer hat diese traurige Erfahrung noch nicht gemacht? (10)

nmz: … die professionelle Musikausbildung …

Liszt: Ich frage ohne Vorurteil und Parteilichkeit, ich frage Lehrer und Schüler selbst: Entspricht das Konservatorium den Bedürfnissen, befriedigt es in jeder Hinsicht die Ansprüche der Gegenwart? Pulsiert kräftiges Leben in diesem riesigen Körper, den viele der Hinfälligkeit zeihen und den wir nur für träge halten? Sind sie, die mit der Leitung und dem Unterricht der Klassen betraut sind, untereinander wirklich verbunden und vereint durch ein System und gemeinsame Interessen? Sind sie sich des Werkes bewußt, das sie zu verwirklichen berufen sind? Haben sie den Mut und das glühende Sendungsbewußtsein? (11)

nmz: Ein weiteres wichtiges Feld ist die zeitgenössische Musik, wie würden Sie deren Zustand charakterisieren?

Liszt: Was neue Musik betrifft, so sind wir jetzt so weit, daß die einen sagen weiß, wo die anderen sagen schwarz – die Zeit wird lehren, wer recht hat… Wie ich Ihnen oft gesagt habe, gibt es nur zwei Parteien – die Fähigen und die Unfähigen in jeder Art von Schattierungen und in verschiedenen Abstufungen. Es ist natürlich, daß die letzteren sich in der Mehrheit befinden… (12)

nmz: Wobei aber den Komponisten auch das Recht auf ein mögliches Scheitern eingeräumt werden müsste, oder?

Liszt: Sie wissen, daß ich selbst die Dummheiten der Leute von Geist dem Geist der Dummen vorziehe, und daß derartige Mängel angenehmer sind als solche Eigenschaften. In diesem Sinne gibt es mißglückte Werke, die viel mehr Wert besitzen als andere, die gut gelungen sind und von Erfolg strotzen… (13)

nmz: Was sich dann auch in der Drucklegung von Werken niederschlägt…

Liszt: Auf die Herausgabe dieser Kompositionen kann ich leider nicht einwirken, da die Verhältnisse des Verlagsgeschäftes zur Kunst von vielen anderen Umständen als dem künstlerischen Werte der Kompositionen abhängig sind. Viele schlechte Produkte können sich unter günstigen Umständen gut verkaufen – während ganz vortreffliche wie Blei in den Musikalienhandlungen liegen bleiben. (14)

nmz: Und welche Rolle spielt bei all dem die Musikritik?

Liszt: Die Kritik, anstatt das Selbstgefühl der Künstler anzuspornen, schmeichelt ihrer Eitelkeit, sie folgt der Mode, anstatt den Geschmack zu läutern, und spielt gewöhnlich die Rolle des Cicerone, der mit prunkender Bewunderung das Namensregister der besichtigten Gegenstände aufzählt. (15) Wäre nicht überhaupt das beste Resultat der Kritik, zu neuem Schaffen anzuregen? (16) Die Würde und die schwere Pflicht des Unterrichtens und der Kritik (die nichts anderes als ein allgemeiner Unterricht ist) werden nur von sehr wenigen begriffen… Doch ich wage es nicht, noch irgend etwas zu diesem Thema zu sagen oder vorzuschlagen, aus Angst, mich mit einigen ehrenwerten Kollegen vollkommen zu überwerfen und die unerbittliche Rache der Krittelei und des Feuilletonismus auf mich zu ziehen. (17)

nmz: Vielleicht wollen Sie stattdessen Verbesserungsvorschläge machen; woran denken Sie?

Liszt: Erstens: Die Besetzung der Orchester und Chöre gleichsam in Kriegsstärke setzen und in Vollzähligkeit halten. Sie durch klug gesteigerte, bald getrennte und besondere, bald allgemeine und vollständige Proben häufig üben lassen. Zweitens: Musikschulen und -bibliotheken gründen. Für erstere fähige Lehrer gewinnen und für letztere die bedeutendsten musikalischen Publikationen und Fachzeitschriften subskribieren. Drittens: Generalversammlungen alle fünf oder sechs Jahre festsetzen; Preise für ernste Werke aussetzen; ein annehmbares Honorar bestimmen für bedeutende Künstler… (18)

nmz: Dazu bedürfte es aber auch eines starken Zusammenschlusses der Musiker untereinander.

Liszt: Im allgemeinen glänzen die Beziehungen unter Künstlern nicht durch ein Übermaß von Herzlichkeit oder Wohlwollen. (19)

nmz: Dennoch: was könnten die Hauptziele einer solchen Initiative sein?

Liszt: Zum einen den wachsenden Fortschritt, die Ausbreitung und unbegrenzte Entwicklung der Musik zu bewirken, zu befördern und zu beleben; zum anderen die Stellung der Künstler zu heben und zu adeln, indem die Mißbräuche und Ungerechtigkeiten, denen sie ausgesetzt sind, beseitigt und die im Interesse ihrer Würde notwendigen Maßnahmen bestimmt werden. (20)

nmz: Noch einmal zurück zu Ihnen: In diesem Jahr wird Ihrer in aller Welt auf besondere Weise gedacht. Spüren Sie eine gewisse Genugtuung?

Liszt: Hol der Teufel meinen ganzen Berühmtheits-Cancan! der mich immer zwingt, rechts zu gehen, wenn die Phantasie mich treibt, nach links zu gehen! (21) Niemand mehr als ich hat die Richtigkeit dieses Lehrspruchs von Chamfort unter Beweis gestellt: „Die Berühmtheit ist die Strafe für das Talent und die Züchtigung für das Verdienst.“ Darum hat mir auch mit Recht meine Tochter geschrieben: „Ich verstehe schon seit langem, daß der einzige Dienst, den man Ihnen erweisen kann, darin besteht, Sie in Ruhe zu lassen.“  (22)

Alle Antworten sind Originalzitate aus Liszts Briefen und Schriften. 

(1) An Franz Brendel, 10.10. 1863, FLBr 2, S. 55
(2) An Agnes Street-Klindworth, 16.1.1860, Reuss, S. 211
(3) An Carolyne von Sayn-Wittgenstein, 12.6. 1861, Reuss, S. 223
(4) FLSr 1, S. 59, 61
(5) An Gustav Schmidt, 18.5.1852, FLBr 1, S. 108f.
(6) FLSr 1, S. 29, 31
(7) FLSr 1, S. 33
(8) An Carl Alexander von Sachsen-Weimar, 1.1.1845, Reuss, S. 26
(9) An Carl Alexander von Sachsen-Weimar, 9.9.1854, Reuss, S. 217
(10) FLSr 1, S. 47
(11) FLSr 1, S. 37
(12) An Hans von Bülow, 30.1. 1857, Reuss, S. 113
(13) An Agnes Street-Klindworth, 12.4.1855, Reuss, S. 164f.
(14) An Friedrich Smetana, 12.4.1854, Reuss, S. 162f.
(15) An Maurice Schlesinger, November 1838, Reuss, S. 82
(16) An Carl Reinecke, 25.3.1849, FLBr 1, S. 73
(17) FLSr 1, S. 51, 53
(18) FLSr 1, S. 47
(19) An Carolyne von Sayn-Wittgenstein, 29.9.1861, FLBr 5, S. 234
(20) FLSr 1, S. 63
(21) An Therese von Bacharacht, 17.7.1845, FLBr 8, S. 43
(22) An Carolyne von Sayn-Wittgenstein, 27.4.1874, FLBr 7, S. 69

Abkürzungen:

FLBr 1–8: Franz Liszts Briefe, 8 Bände, gesammelt und hg. von La Mara, Leipzig 1893–1905
FLSr 1: Franz Liszt, Sämtliche Schriften, Band 1, Frühe Schriften, hg. von Rainer Kleinertz, Wiesbaden 2000
Reuss: Eduard Reuss, Franz Liszt in seinen Briefen, Stuttgart 1911

 

liszt-interview

vielen dank fuer und gratulation zu diesem glaenzend recherchierten und geschriebenen artikel.k.mauter germering


Schönes Interview

Hallo, danke für den schönen, originalen und beeindruckenden Artikel. Man hatte beim Lesen wirklich den Eindruck, ein echtes Interview zu lesen. Schöne Initiative, die ich den Lesern des Klavierblogs "Musikgourmet" mitteilen werde. Viele Grüße, Juan.


Schöne Idee der

Schöne Idee der himmlischen Gespräche!


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