Vom Yogi geküsst

Erfahrungen beim Yoga-für-Musiker-Kurs während des mu:v-Camps


(nmz) -
Was vereint den hippen Berliner Jugendlichen, alternative Mamis, die dem Familienstress entfliehen wollen, und den knallharten Topmanager? Sie gehen alle zum Yoga. Eine Modeerscheinung? Neuerdings gibt es sogar Kurse für spezielle Berufsfelder – natürlich auch für Musikerinnen und Musiker, der neue Trend wird einfach allen übergestülpt.
Ein Artikel von Carla Maria Bangert

Trotzdem recherchiere ich kurz Im Internet und entdecke sofort folgendes Zitat von der Oboistin, Musikpädagogin und Yogalehrerin Flavia Käfer: „Yoga ist wie Musik. Der Rhythmus des Körpers, die Melodie des Geistes und die Harmonie der Seele komponieren die Symphonie des Lebens.“ Noch Fragen? Ich für meinen Teil habe nach dieser schnulzigen Aussage jedenfalls schon fast wieder genug von der indischen Entspannungspraxis. Aber ich will dem Ganzen noch eine Chance geben und wage mich selbst auf die Yoga-Matte. Im Rahmen des mu:v-Camps wird ein Yoga-Kurs für Musiker angeboten. Der Dozent ist Martin Müller-Wilmsen aus Berlin. Selbst ein studierter Schlagzeuger, beruflich aber in der IT-Branche tätig, entdeckte er seine Leidenschaft für Yoga. Woher die konkrete Vorstellung von Yoga für Musiker? Seine Frau ist Musikerin und somit kam die Verbindung zu einigen Orchestern in Berlin.

Nun also beginnt die erste Yoga-Stunde meines Lebens. Was ist ganz wichtig für jeden Musiker? Genau, die Atmung. Und der widmen wir uns auch in den ersten 15 Minuten. Tiefes und bewusstes Ein- und Ausatmen, mit unserer Haltung innere Ruhe praktizieren. Wir sollen spüren, wie der Atem den ganzen Körper bewegt, uns erden, die Atemzüge vertiefen. Gar nicht so leicht, sich einzig und allein auf den eigenen Atem zu konzentrieren, ohne die Gedanken abschweifen zu lassen, stelle ich fest.

Nach einem kurzen Warm-up geht es dann über in die „richtige“ Yoga-Session. Wir gehen vom Drehsitz in die Katze-Kuh Stellung, lernen die Kindhaltung und einen (halben) Sonnengruß, strecken uns als Heuschrecke und als Kobra und verdrehen uns liegend. Ich komme ordentlich ins Schwitzen. Das hier ist keine reine Entspannung, wie ich sie mir vorgestellt hatte – man entspannt, indem man anspannt. Aber tatsächlich macht es Spaß. Ich fühle mich gar nicht so ungelenkig, wie ich gedacht hatte, und das noch viel Faszinierendere: nach der 60-minütigen Yoga-Session fühle ich mich wirklich anders. Befreiter, entspannter, ich nehme mich selbst bewusster wahr.

Nach 15 Minuten abschließender Meditation ist meine erste Yoga-Erfahrung beendet, und ich stelle fest: ich bin wirklich beeindruckt. Und bekomme tatsächlich ein schlechtes Gewissen, dass Yoga bei mir vorher doch so vorurteilsbelastet war.

Aber war das jetzt wirklich Yoga speziell für Musiker oder einfach ein Kennenlernen der klassischen Übungen? Tatsächlich ersteres. Musiker haben häufig körperliche Beschwerden durch verdrehte Haltungen, um das Instrument zu halten, Verspannungen, stundenlanges Sitzen. Sie sind regelmäßig einem hohen mentalen Druck ausgesetzt. Man muss auf den Punkt abliefern können.

Die Übungen sollen helfen, instrumentenspezifische Fehlhaltungen auszugleichen, Verspannungen zu reduzieren, die Vitalität zu erhöhen, das eigene Körpergefühl zu verbessern und die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit zu steigern. Dabei gibt es etwa auch spezielle Körperübungen zum Entspannen der Kiefermuskulatur, welche zur Erweiterung des Resonanzraumes führen, oder auch die sogenannte Mudra-Mediation, um das Selbstbewusstsein und die Auftrittsstärke zu verbessern. Der konkrete Unterschied zu normalen Yoga besteht also darin, dass auf Fehlhaltungen konkret eingegangen wird und Übungen gezielt ausgeführt werden, um einen Ausgleich zum Berufsalltag zu schaffen. Denn egal, ob Streicher, Bläser, Schlagwerker oder Sänger: um musizieren zu können, muss der eigene Körper funktionieren.

Nachdem ich nun selbst am eigenen Leib positive Yoga-Erfahrungen gesammelt habe, recherchiere ich nochmal und entdecke: Yoga für Musiker hat einen großen Markt. Es gibt eine große Auswahl an Büchern, CDs und DVDs und die sind nicht alle nur aus den letzten paar Jahren. Ich finde Bücher zu dem Thema von 1996. Und um mich nochmal eines Besseren zu belehren, dass Yoga für Musiker kein neumodischer Schnick-Schnack und sogar durchaus sinnvoll und wirksam ist, lese ich folgendes Zitat von Yehudi Menuhin, einem der größten Geigenvirtuosen des 20. Jahrhunderts: „Für mich ist es wichtiger, täglich Yoga zu praktizieren, als Geige zu üben.“

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