Von Alban Berg zu Frankenstein

Eine Erinnerung an den Wiener Filmkomponisten Hans J. Salter


(nmz) -
2017 jährt sich zum 40. Mal der Kinostart von „Star Wars“. Niemand hat damals geahnt, dass das der Beginn einer Kinoserie werden würde, die Sequels und auch Prequels nach sich ziehen würde. Zu den klugen Entscheidungen von George Lucas gehörte Mitte der 70er auch, dass er als Filmkomponisten John Williams verpflichtete, der für Lucas‘ guten Kumpel Steven Spielberg gerade einen sehr effektiven Score für „Jaws“, den „Weißen Hai“ geliefert hatte.
Ein Artikel von Viktor Rotthaler

Bei „Star Wars“ orientierte sich Williams am klassischen Hollywood-Sound von Erich Wolfgang Korngold. Nach Max Steiner war Korngold der zweite Wiener, der das Musikgenre in den 30er-Jahren entscheidend geprägt hat. Aber es gab noch einen dritten Wiener, der immer im Schatten stand: Hans J. Salter, Hausmusikus von Universal, ein Schüler von Alban Berg.

In einem Interview mit Christian Cargnelli und Michael Omasta (aus dem alle Zitate stammen werden) hat sich Hans J. Salter, der kurz vor dem „Anschluss“ in Hollywood gelandet war, an seinen Lehrmeister erinnert: „Alban Berg war ein großartiger Komponist, aber kein besonders guter Lehrer. Er ist viel zu sehr in seiner eigenen Musik aufgegangen, um sich wirklich für seine Schüler zu interessieren.“ Während Korngold durch und durch noch ein Wunderkind des 19. Jahrhunderts war, war Salter, der aus ärmlichen Verhältnissen stammte, eher ein Kind der Moderne. Weil kein Geld für Musikunterricht da war, lief er anfangs den Militärkapellen hinterher und hörte den Orchestern in den „Schanigärten“ zu. Seine ersten Klavierstunden hat er sich mit Nachhilfestunden verdient, die er gab.

In den frühen 20er-Jahren bereits kam Salter zum Kino. Man hatte ihn verpflichtet, so genannte „Film-Operetten“ zu dirigieren, Vorläufer also der von Erich Pommer und Werner Richard Heymann „erfundenen“ Tonfilmoperette: „Soviel ich weiß, waren das die ersten Versuche mit Ton im Film. Es handelte sich dabei um Stummfilme mit eingeschobenen Liedern. Vor mir im Parkett standen vier Sänger, und die Noten liefen am unteren Bildrand mit. Und wenn eine bestimmte Note die Zeilenmitte erreichte, musste das synchron zum Film sein. Es war also die Aufgabe des Dirigenten, die Singstimme synchron zum Sänger auf der Leinwand zu halten.“ Als dann Ende der zwanziger Jahre der Umbruch vom Stumm- zum Tonfilm kam, war Salter, bereits in Berlin gelandet. Als Dirigent eines Symphonieorches­ters im Ufa-Palast am Zoo war die Ufa auf ihn aufmerksam geworden: „Da die Ufa als erste Filmgesellschaft Tontechnik importierte und als erste Tonstudios baute, war es nur ein kleiner Schritt zu Tonfilmen. Dieses neue Element der Musik im Tonfilm forderte mein Talent als Komponist heraus. Mit meinem Interesse für dieses neue Medium wuchsen meine Erfahrung und meine Fähigkeit, die Dramatik und den Verlauf der Filmhandlung musikalisch umzusetzen. Natürlich war die Technik in jenen Tagen eher primitiv. Synchronisieren war unmöglich, es gab nur eine Tonspur. Man musste sich zwischen Dialog, Musik und Geräuscheffekten entscheiden.“

Für den heutigen Zuschauer sind deshalb manche dieser Filme wie „Liebling der Götter“ mit Emil Jannings als Opernsänger, dem die Stimme wegbleibt oder auch „Der Mann, der den Mord beging“ mit Heinrich George sonisch sehr gewöhnungsbedürftig. 1933, als die Ufa nach der „Machtergreifung“ „entjudet“ wurde, wie das im völkischen Nazi-Jargon hieß, kehrte Salter wieder nach Wien zurück. Dort war er beteiligt an einigen jüdischen Filmproduktionen, die vor einigen Jahren unter dem Motto „Unerwünschtes Kino“ zum ersten Mal vom Filmarchiv Austria im Paket präsentiert wurden. Darunter auch zwei wunderbare Vehikel für die großartige Franziska Gaal. Bei dieser Gelegenheit hat er auch drei Herren kennengelernt, die bald eine große Rolle in seinem künstlerischen Leben spielen sollten: den Produzenten Joe Pasternak, den Filmregisseur Henry Koster und den Autor Felix Jackson. So jedenfalls nannte sich das Triumvirat in Hollywood, wo es noch vor dem „Anschluss“ 1938 gelandet war. Im Schlepptau gewissermaßen: Hans J. Salter. Es gab zwei große „Wellen“ von Filmexilanten, die erste 1933 und die zweite um 1937/38 herum. Zur zweiten Welle gehörte Salter: „Als ich 1937 nach Hollywood kam, lag das Land noch immer in tiefster Depression. Es sah hoffnungslos für mich aus. Die Studios entließen Leute, aber heuerten keine neuen Talente an.“

Aber bald darauf bekam er dann doch seine große Chance. Weil Charlie Previn, der Musical Director von Universal entdeckt hatte, dass für eine wichtige Sequenz in einem Film noch die Musik fehlte, bat man ihn darum, das zu tun: „Also ging ich ins Studio, und sie zeigten mir nur diese eine Szene mit dem Titel ‚The Clock Sequence‘. Dann erhielt ich die Vorgaben für das Timing und sie schickten mich heim. Ich habe die Sequenz geschrieben, orchestriert und habe sie rechtzeitig für die Aufnahme in die Musikabteilung gebracht, und wir gingen wie geplant auf die Bühne. Als die Sequenz aufgenommen werden sollte, verließ Charlie das Dirigentenpult, drückte mir den Taktstock in die Hand und sagte: ‚Hans, you’re on your own.‘“ Obwohl Salter alle Register zog, gab es erst einmal keine neue Arbeit für ihn. Aber bald darauf rutschte er doch in das Universal-Studiosystem hinein. Bis in die späten Fifties hinein sollte er der Universal treu bleiben. Hier kreierte er in den 40er-Jahren den Universal-Monster-Sound für Frankenstein, Dracula & Co und orchestrierte in den 50er- Jahren die Edel-Western von Anthony Mann. Dafür hätten ihm die Studien bei Alban Berg das „nötige Rüstzeug“ gegeben, wie er kurz vor seinem Tod im Juli 1994 zugab.

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